List components & furniture

Portrait des Flugzeugausstatters aus Niederösterreich.

Fotos: List, RUAG, Austrian Aviation Net

Wenn man von Wien kommend in Richtung Süden fährt, Wiener Neustadt links liegen lässt und dann die reizvoll-hügelige Bucklige Welt durchkreuzt, gelangt man nach einer knappen Stunde Fahrzeit in einen kleinen Ort namens Edlitz. Die Marktgemeinde mit knapp 1.000 Einwohnern hat an Sehenswürdigkeiten nicht allzu viel zu bieten – eine Pfarrkirche und rund 50 landwirtschaftliche Betriebe zeugen vom typischen Bild einer niederösterreichischen Landkommune.

In Edlitz angekommen, würde man niemals erwarten, dass in diesem ländlichen Flecken ein echter Global Player daheim ist. Am Ortsrand ist ein Unternehmen zuhause, das aus der Welt der Business Jets heutzutage nicht mehr wegzudenken ist. Die "List components & furniture GmbH" wird in Zukunft jeden achten Privatjet weltweit mit exklusivem Interieur ausstatten.

Entstanden ist das Unternehmen aus einem kleinen Familienbetrieb, einer Tischlerei, die in den 1950er Jahren vom Vater des heutigen Firmenchefs Franz List gegründet wurde. Die Tätigkeitsfelder wurden in den folgenden Jahrzehnten konsequent ausgebaut – neben dem Kerngeschäft fing man in den 1990er Jahren an, Yachten und Schiffe auszustatten. Im Jahr 2002 schließlich startete man mit der Entwicklung von Interieurs für Business Jets.

Headquarter in Edlitz

Wie kommt man eigentlich als solides, mittelständisches Unternehmen darauf, Flugzeuge auszustatten? Austrian Aviation Net traf CEO Franz List, um dem nachzugehen.

"Die Anforderung im Yacht-Ausstattungsbereich lautet, immer leichter zu bauen und leichtere Komponenten zu entwickeln", erklärt List. "Daraus abgeleitet, haben wir den Versuch gewagt auch im Bereich Flugzeug-Interieur unser Know-How einzusetzen."

Mit dem Kooperationspartner FACC konnte Bombardier als erster Kunde gewonnen werden. Der Learjet 40/45 war der erste Business Jet, das von List ausgestattet wurde. "Das war bereits ein Risenauftrag für einen Neueinstieg. Sehr mutig das Ganze", wundert sich List noch heute über diesen Sprung ins kalte Wasser. Im Jahr 2004 ist dann das erste Mockup entstanden, nach den diversen Zertifizierungen startete die Produktion am Ende des Jahres.

Für den Learjet wurden bis jetzt – also noch nicht einmal fünf Jahre später – über 200 Kabinen ausgeliefert. Bereits Mitte 2005 folgte der zweite Bombardier-Großauftrag, diesmal für den Midsize-Jet Challenger 300. Für diese Type stehen 500 Bestellungen in den Firmenbüchern, von denen bereits 150 produziert worden sind. Nachdem sich die Qualität der Produkte bis nach Brasilien durchgesprochen hat, kam im Herbst 2008 ein noch größerer Auftrag von Embraer für die Legacy 450 und 500 dazu. Im Frühjahr 2009 folgte der erste Direktauftrag ("Tier 1") vom Bombardier – dabei wird eine speziell angefertigte Dusche an den kanadischen Flugzeugbauer für den Global Express XRS geliefert.

Firmenchef Franz List

Dass List in diesem Geschäftsbereich so schnell erfolgreich war, hängt sicherlich mit der langjährigen Expertise im Yachtbau zusammen. Die Anforderungen, die von Flugzeugherstellern an den Interieur-Spezialisten gestellt werden, sind immens hoch – ein "Newcomer" hätte hier wohl keine Chance. Ganz oben stehen dabei Kriterien wie Leichtigkeit und schwere Entflammbarkeit – dabei müssen jede Menge Normen erfüllt und Zertifizierungen abgearbeitet werden.

Eine Besonderheit stellt die bereits erwähnte Kooperation mit dem oberösterreichischen Zulieferer FACC dar – hierbei gibt es eine klare und fruchtbare Arbeitsteilung bei den Kabinenkomponenten. Die eher dekorativen und optisch anspruchsvollen Teile – wie Trennwände, Türen, Tische, Cabinets, etc. – kommen von List und machen rund 60% des Volumens aus. Der Rest wird von FACC produziert (Leichtbaukomponenten wie z.B. Seitenverkleidungen bei den Fenstern).

Neben der langjährigen Erfahrung mit dem Werkstoff Holz wird seit neuestem auch Stein in den Flugzeugkabinen verarbeitet. Hierbei hat die Entwicklungsabteilung des Unternehmens ein hochinnovatives Produkt geschaffen, bei dem der eigentliche Stein nur noch etwas mehr als einen Millimeter dick und durch spezielle Herstellungsverfahren dreidimensional verformbar und damit kreativ zu verarbeiten ist. Dieses neue Erzeugnis wird mittlerweile in der Flugzeugkabine unter anderem auf Böden, Ablagen und im Sanitärbereich verwendet. Kunststoffe versucht man dabei wo es nur geht zu vermeiden. Franz List: "Wir legen sehr hohen Wert auf edle Materialien."

Worauf man bei List ebenfalls Wert legt ist, dass die Qualität beim ersten wie beim letzten Flugzeug einer Serie gleich hoch ist. "Mit unserer Produktionstechnologie und –philosophie können wir das nachhaltig sicherstellen", so List. Trotz dieser Qualitätskontinuität schaut man aber auch darauf, die notwendige Flexibilität nicht zu verlieren.

Im Marktumfeld für Businessjet-Interieurs hat sich List mittlerweile einen soliden Platz gesichert – zumindest im OEM-Bereich (Original Equipment Manufacturer). Dabei, also der Originalausrüstung für Businessjets, gibt es weltweit rund fünf namhafte Mitbewerber. Laut Franz List beträgt der Weltmarkt-Anteil seines Unternehmens in dieser Sparte "weit über 10%, vielleicht sogar 20%." Noch nicht weit vorgedrungen ist man im Bereich der Completion, also der maßgefertigten Ausstattung einzelner Flugzeuge, wie dies beispielsweise Lufthansa Technik macht.

Stein in Flugzeugkabinen - durch die Entwicklungsarbeit bei List heute kein Problem.

Wie bestellt man nun eigentlich sein spezielles Wunsch-Interieur? Bei Bombardier gibt es einen exklusiv ausgestatteten Schauraum mit den verschiedensten Mustern, wo sich der Kunde sein Kabinendesign zusammenstellen kann. Danach wird die jeweilige Ausstattung in Niederösterreich produziert und per Luftfracht zum Flugzeughersteller versendet, wo dann auch der Einbau erfolgt. Wem die Besichtigung im Showroom nicht ausreicht, kann auch selbst in die Bucklige Welt kommen, um spezielle Ausstattungswünsche hier abzuklären.

Eine interessante Zusammenarbeit hat sich vor kurzem mit RUAG ergeben. Das Schweizer Unternehmen ist ja im Bereich Maintenance, Repair und Overhaul tätig und "betreut" Flugzeuge verschiedenster Hersteller – unter anderem auf dem Flugplatz Oberpfaffenhofen in Bayern. Seit ein paar Monaten sind dort List-Mitarbeiter tätig, die sich um Einrichtungsarbeiten kümmern, während das Flugzeug beispielsweise gewartet oder frisch lackiert wird. Dementsprechend wird dieses System auch als "One Stop Shop" bezeichnet.

Wie sieht der Firmenchef die zukünftige Entwicklung und die aktuelle Luftfahrtkrise? "Die hat uns natürlich auch getroffen. Wir hatten allerdings in erster Linie Verschiebungen – Flugzeuge wurden zwar bestellt, werden aber erst später ausgeliefert. Ich glaube aber, dass sich die Situation in ein bis eineinhalb Jahren wieder erholt." Die bei Unternehmen einer gewissen Größe immer wieder gestellte Frage nach Dingen wie strategischen Partnerschaften, Übernahmen etc. beantwortet Franz List ganz klar: "Diese Frage stellt sich nicht. Die Unternehmensstruktur bleibt wie sie ist."

Stone Flooring - made by List

Über Details zukünftiger Entwicklungen und Projekte hält sich der Firmenchef verständlicherweise zurück. Weitere interessante Innovationen soll man jedenfalls erwarten dürfen – immerhin wurde die Forschungs- und Entwicklungsabteilung jüngst verdreifacht. "Da entstehen sehr, sehr interessante Dinge", so List. Dazu wurde von der Geschäftsführung ein kreativ-innovatives Umfeld geschaffen, in dem sich die Projektmitarbeiter ausleben können und in dem wenige Grenzen gesetzt werden. "Denkbar" ist laut List jedenfalls, dass man sich künftig auch des Geschäftszweiges Passagierflugzeuge annimmt.

Dass List auch in Zukunft einen Anteil an diesem Geschäft haben (und auch ausweiten) wird, steht für den Firmenchef außer Zweifel. Durch die Innovationskraft des Unternehmens, die Kreativität, die hohe Qualität und die Flexibilität möchte man den Weg, den man bereits eingeschlagen hat, weitergehen. Die bisherigen Erfolge und großen Aufträge in den Geschäftsbüchern bilden ein solides Fundament für die ambitionierten Pläne – sodass in Zukunft noch viele Flugzeugeinrichtungen ihren Weg von der Buckligen in die Weite Welt finden sollten.

List in Kurzform:

  • 1950er Jahre: Franz List Senior gründet den Tischlereibetrieb List.
  • 1960er Jahre: Der älteste Sohn Franz List tritt nach absolvierter Fachausbildung in die Firma des Vaters ein.
  • 1980er Jahre: Das Einzelunternehmen beschäftigt mittlerweile 15 Mitarbeiter. Gemeinsam mit den Brüdern Reinhard und Manfred gründet Franz List eine GmbH. Es folgen gezielte Marktbegehungen im gesamten europäischen Raum, vor allem in Osteuropa. Mittelpunkt der erfolgreichen Exporttätigkeit: Objekteinrichtungen.
  • 1990er Jahre: Weiterentwicklung der Tätigkeitsfelder in der Innenausstattung. Es folgen Aufträge für Hotel- und Objekteinrichtungen. Zudem etabliert sich List als Anbieter für die gesamte Projektabwicklung im Einrichtungsbereich von Kreuzfahrtschiffen, Luxusyachten und Flussschiffen. Der Höhepunkt dieses neuen Segments bildet die Komplettabwicklung des Projektes: „The World„ of ResidenSea.
  • 2001: Die Aufgaben- und Arbeitsbereiche werden in eigenständige Firmen gebündelt. Als Dachorganisation wird die List Holding GmbH ins Leben gerufen. Die sechs Töchter arbeiten firmenübergreifend in den Bereichen Projektierung, Produktion, Metallverarbeitung sowie Montage, um so als Netzwerk den Mehrwert für den Kunden zu erzielen.
  • 2002: Umbenennung der List Möbelproduktion in "List components & furniture GmbH". Im Rahmen von Projekten "zu Luft" entwickelt List nun auch "intelligent components" für den Flugzeuginnenausbau.
  • 2004: Erster Auftrag für die Innenausstattung von 400 Learjet-Flugzeuge über einen Zeitraum von sieben Jahren.
  • 2005: Auftrag für 500 Kabineneinrichtungen für den Bombardier Challenger 300.
  • 2008: Auftrag für Innenausstattungen für die Embraer  Legacy.
  • 2009: Erster Direktauftrag von Bombardier für die Dusche im Global Express XRS.
Autor: Martin Metzenbauer
Herausgeber und Chefredakteur
Martin gründete 2004 aufgrund seines starken Luftfahrtinteresses Aviation Net. Er liebt das Fliegen und Reisen– und schreibt darüber natürlich auch gerne.

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