Condor-Verspeisung durch den Kranich kartellrechtlich schwierig

Lufthansa bekundete Interesse ehemalige Tochter zurückzukaufen.

Boeing 767-300 (Foto: Condor Flugdienst GmbH).

Die Deutsche Lufthansa AG ist laut einem Medienbericht der Süddeutschen Zeitung an einer Übernahme der Thomas-Cook-Tochter Condor interessiert. Besonders die Langstrecke scheint für den Kranich-Konzern schmackhaft zu sein, denn auf einigen Routen gibt es direkten Wettbewerb zwischen Eurowings und Condor, was sich hinsichtlich der Ticketpreise zu Gunsten der Passagiere auswirkt.

Condor und Lufthansa verbindet eine langjährige gemeinsame Geschichte, denn bereits zum Zeitpunkt der Gründung war der Kranich an dieser Airline beteiligt. Über viele Jahre hinweg war es gar eine 100-Prozent-Tochter, ehe 1997 das Unternehmen an die C&N Touristic AG übertragen wurde. Lufthansa war jedoch weiterhin direkt und über C&N an der Airline beteiligt, ehe man sich später gänzlich trennte und die KarstadtQuelle AG (später Arcandor AG) alleine Eigentümerin war.

Thomas Cook übernahm die C&N Touristic nicht, sondern der Ablauf war genau umgekehrt. Die Arcandor-Tochter C&N erwarb die britische Thomas Cook und verpasste dem Zukauf weitgehend den Namen des Zukaufs. Der Reisekonzern, dem auch die bekannte Marke Neckermann angehört, schaffte es rechtzeitig sich vor dem Kollaps der Arcandor AG zu lösen. 

Doch unabhängig von der gemeinsamen Geschichte mit Lufthansa dürfte eine mögliche Übernahme von Condor durch den Kranich kartellrechtlich nicht einfach umzusetzen sein, denn in den Jahren 2007 und 2008 wollte die wesentlich kleinere Air Berlin bereits Condor "schlucken". Das Bundeskartellamt hatte erhebliche Bedenken und verlängerte die Prüffrist mehrmals. Letztlich ging den Berlinern aber auch das Geld aus und der Antrag wurde im Juli 2008 offiziell zurückgezogen. Aus heutiger Sicht durchaus vorteilhaft für Condor, denn möglicherweise wäre der Traditionscarrier im Zuge der Air-Berlin-Pleite untergegangen.

Anschließend wurde eine Fusion von Germanwings, Tuifly und Condor angestrebt, jedoch scheiterte auch diese. Einerseits gab es kartellrechtliche Bedenken und andererseits waren die Vorstellungen von Lufthansa, der Thomas Cook AG und der TUI AG dermaßen unterschiedlich, dass man auf keinen grünen Zweig kam und die Idee wieder verwarf. Angemeldet wurde der Deal nie, gab der Kranich die letzten an Condor gehaltenen Anteile in 2009 an die Thomas Cook AG ab und ist seither "raus".

Der Markt in Deutschland hat sich jedoch seither massiv verändert, so dass Lufthansa, Eurowings und Condor momentan alleinige Anbieter von Langstreckenflügen ab Deutschland mit deutschen Zertifikaten sind. Auch der Ferienflugmarkt auf der Kurz- und Mittelstrecke konzentrierte sich durch die Germania-Pleite nochmals scharf und dazu kommt, dass Eurowings in den letzten Jahren stark in dieses Segment expandiert ist.

Condor flüchtet sogar regelrecht vor dem Lufthansa-Ableger und stellte wiederholt Routen kurz nach der Streckenaufnahme durch Eurowings ein. Eine mögliche Übernahme würde also bedeuten, dass das Auswahlmöglichkeiten weiter schrumpfen würden, was auch angesichts der Tatsache, dass die EU-Kommission den Kauf der wesentlich kleineren Niki bereits untersagte, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu massiven kartellrechtlichen Bedenken führen wird. Die Deutsche Bundesregierung gilt zwar als besonders Lufthansa-affin, wie sich insbesondere bei der Aufteilung des Air-Berlin-Erbes deutlich zeigte, jedoch gegen eine Ablehnung der EU-Kommission wäre man machtlos. Das Bundeskartellamt könnte man mittels einer Ministeranweisung zwar "overrulen", die Kommission jedoch nicht.

Lufthansa müsste also massive Zugeständnisse machen und Slots im großen Stil, insbesondere in Frankfurt, Hamburg, Düsseldorf und München an Wettbewerber abgegeben. Damit würde man allerdings auch Ryanair, Wizzair, Lauda, Golfcarriern und Anbietern, die von Open-Skies-Abkommen profitieren, nicht nur ein Fenster öffnen, sondern eine regelrechte Einladung bieten. Dies würde zu Lasten des Konzernangebots gehen und ein zusätzlicher Wettbewerb könnte für die Kranich-Group ärgerlicher sein als der minimale Nutzen durch einen möglichen Condor-Zukauf.

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

    Special Visitors

    Vueling Airlines / EC-NAJ
    Lufthansa / D-AIHZ
    Rossiya Airlines / VQ-BAS
    Air China / B-2035
    Etihad Airways / A6-BLV
    TUI Airlines Belgium / OO-JAF
    easyJet Europe / OE-IVA

    Unsere Autoren

    Martin Metzenbauer

    Jan Gruber

    Michael Csoklich

    René Steuer

    Carlo Sporkmann