„Wir werden in Wien überdurchschnittlich wachsen“

Lufthansa Aviation Training-CEO Ola Hansson im Interview

Im Cockpit eines Simulators (links), CEO Hansson. (Fotos: LAT)

Lufthansa-Aviation-Training-CEO Ola Hansson erklärt im Interview mit AviationNetOnline, wie die Integration der Lufthansa-Flugschulen vorankommt und wie er auf das Wachstum am Luftverkehrsstandort Wien reagiert.

AviationNetOnline: Herr Hansson, Ende vergangenen Jahres ist Lufthansa Aviation Training (LAT) in die Schlagzeilen geraten, weil es bei der Ausbildung zu menschenunwürdigen Aufnahmeritualen gekommen sein soll. Sie haben damals eine interne Untersuchung angekündigt. Läuft die denn schon?

Ola Hansson: Ja, die läuft. Die Vorwürfe, die im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ beschrieben wurden, nehmen wir sehr ernst. Ich gehe davon aus, dass die Task Force noch im ersten Quartal des Jahres, also im März, ihren Bericht vorlegen wird. Und dann werden wir unser weiteres Vorgehen abstimmen. Wenn das alles so zutrifft, was da behauptet wird, können und wollen wir das nicht hinnehmen und müssen entsprechend Konsequenzen ziehen.

AviationNetOnline: Ziehen wir das Objektiv ein bisschen breiter: Vor drei Jahren sind die Lufthansa-Flugschulen unter dem Dach der EAF (European Flight Academy) - eine Marke der LAT - gebündelt worden. War das eine gute Entscheidung?

Ola Hansson: Ja, definitiv. Es ist eine große Hürde, die man bei so einem Prozess nehmen muss. Aber wenn man sie überwunden hat, sind Prozesse für die Zukunft entscheidend besser organisiert. An dem Punkt sind wir langsam angekommen. Die ersten Wellen haben sich mittlerweile geglättet, und jetzt können wir langsam die Früchte ernten.

AviationNetOnline: Wie sehen diese Früchte aus?

Ola Hansson: Wenn man so einen komplexen Bereich wie unseren neustrukturiert – also die Flugschulen in Europa sowie den USA und dazu noch verschiedene Trainingscenter mit Simulatoren oder Kabinentrainings – knirscht es natürlich hier und da. Denn so gut wie keiner findet Veränderungen auf Anhieb gut. Aber: Viele Menschen haben im Prinzip an all diesen verschiedenen Standorten das gleiche gemacht. Heißt aber auch, dass wir das Rad nicht neu erfinden müssen, wenn wir Strukturen verschlanken. Da mussten wir an neuralgischen Punkten wie der Führung der jeweiligen Bereiche ansetzen. Da können wir globale Synergien nutzen, aber immer noch viele Entscheidungen vor Ort lassen und vor allem lokal ausbilden.

AviationNetOnline: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Ola Hansson: Nehmen wir das Campus-Modell. Dadurch kann ich als LAT-Schüler direkt auf Jobs bei allen 13 Lufthansa-Airlines zugreifen. Früher konnte ich nur da anfangen, wo ich die Ausbildung gemacht habe. Durch Harmonisierung und neue Standardisierungen sind Chancen gewachsen, die allen zu Gute kommen. Ich bin echt stolz auf das, was wir hier geschafft haben.

AviationNetOnline: Aber Sie sagen auch, dass es geknirscht hat ...

Ola Hansson: Jede Business-Unit will selbst entscheiden, wie es in Zukunft weiter geht. Gerade, wenn man eine Menge Leute hat, die an unterschiedlichen Standorten eigentlich das gleiche machen, ist das nicht einfach. Da muss man bei der Gesamtführung darauf achten, dass man die lokalen Wünsche nicht komplett übergeht, aber der Grundgedanke des Ordnungsprozesses auch nicht verloren geht. Denn wenn der lokale Geschäftsführer nicht happy ist, kann er den Gesamtverantwortlichen dazu zwingen, seinen Weg zumindest noch einmal zu überdenken. Ansonsten gibt es auf lokaler Ebene schlechte Stimmung, die viele andere Prozesse lähmt. Auf der anderen Seite bedeutet das aber auch: Bleibt der Process Owner bei seiner Entscheidung, muss der lokale Manager zweimal schlucken und weiter machen. Das ist nicht speziell für bei LAT so; so ist beispielsweise die ganze Lufthansa-Gruppe organisiert.

AviationNetOnline: Wahrscheinlich sind alle Unternehmen so aufgesetzt, dass man bei einer Neustrukturierung zweimal schlucken muss.

Ola Hansson: Das liegt ja auch ein bisschen in der Natur der Sache. Nicht jeder verändert sich ständig freiwillig. Aber die Notwendigkeit eines solchen Prozesses muss auch verstanden werden.

AviationNetOnline: Gibt es Punkte, an denen die Notwendigkeit noch nicht verstanden wurde?

Ola Hansson: Nein, alles ist auf dem Weg. Ich würde sogar sagen, dass wir definitiv die größten Herausforderungen gemeistert haben. Jetzt geht es nur noch um Feintuning, und ich denke, in spätestens zwei Jahren ist bei uns alles unter Dach und Fach.

AviationNetOnline: Das klingt sehr, sehr optimistisch ...

Ola Hansson: Ich gebe Ihnen ein konkretes Beispiel: Nehmen wir den Kostendruck. Der ist in unserer Branche inzwischen immens. Speziell in Wien. Nicht nur Austrian Airlines wächst dort sehr stark, sondern auch andere Airlines. Der Flughafen ist ein zentraler Punkt für Low-Coster geworden. Der Airport platzt aus allen Nähten. Daher denken wir, dass wir als Trainingsanbieter in Wien überdurchschnittlich wachsen werden.

AviationNetOnline: Heißt?

Ola Hansson: Ich rechne mit bis zu 200 stationierten A320 am Flughafen Wien. Das treibt auch bei uns die Nachfrage nach Trainings – für Piloten und Flugbegleiter. In Wien hatten wir bisher vier Stellplätzen für Full Flight Simulatoren – jetzt bauen wir aus auf sieben. Dazu kommen Plätze für weitere Trainingsgeräte.

AviationNetOnline: Klingt ein bisschen wenig ...

Ola Hansson: Wien wird sich konsolidieren. Ich glaube nicht, dass langfristig so viele Airlines im selben Segment überleben können. Da gibt es zwei oder drei Unternehmen, die schon heute täglich recht viel Geld verlieren – das kann auf Dauer nicht funktionieren.

AviationNetOnline: Wen meinen Sie?

Ola Hansson: Ich werde mich hüten, Namen zu nennen. Aber ich glaube, alle wissen, von welchen Airlines ich rede.

AviationNetOnline: Gehört Austrian Airlines dazu?

Ola Hansson: Nein, das denke ich nicht. Auch Austrian Airlines hat ihre Herausforderungen, aber es gibt andere Airlines, die am Standort Wien vor deutlich größeren Problemen stehen.

AviationNetOnline: Sie sprachen gerade von Konsolidierung. Das heißt immer auch, dass Unternehmen vom Markt verschwinden. Dadurch gibt es viele arbeitslose Piloten. Sollen junge Menschen heute überhaupt noch ins Cockpit streben?

Ola Hansson: Ja, zweifellos. Der Markt hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, viele Airlines sind pleite gegangen, und das wird in der nahen Zukunft noch wilder. Aber insgesamt haben Piloten weiterhin gute Chancen auf dem Markt.

AviationNetOnline: In Asien ...

Ola Hansson: Sowieso. Zum Beispiel die Chinesen. Die legen in der Luftfahrtbranche ein wahnsinniges Wachstumstempo vor. Aber wenn man ein bisschen flexibel ist und am Anfang seiner Karriere auch bereit ist, ein paar Jahre ins Ausland zu gehen, findet man als Pilot überall auf der Welt einen interessanten Job. Da ist Europa keine Ausnahme. Der Markt hier ist und bleibt spannend.

Autor: Carlo Sporkmann
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Carlo Sporkmann ist seit April 2019 als Autor für AviationNetOnline tätig. Der studierte Journalist berichtet für AviationNetOnline über den deutschen Luftverkehrsmarkt.

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