Warum die Zeit beim Max-Neustart drängt

Experte rechnet mit Vorstellung eines neuen Flugzeugmodells 2020

737 Max: Warnung vor zu langer Produktionspause. (Foto: Boeing)

Am Tag nach dem verkündeten vorübergehenden Stopp der 737-Max-Fertigung wird absehbar, welche Konsequenzen der Schritt für Boeing haben könnte. „Nach dem Ramp-down auf die Raten 52 und schließlich sogar 42 sind viele 737-Lieferanten kaum noch in der Lage, das Jahr 2019 profitabel abzuschließen“, konstatiert Michael Santo von der Unternehmensberatung H&Z.

Eine Modellrechnung des auf Airbus-Zulieferer spezialisierten Unternehmens zeigt, wie wichtig ein schneller Wiedereinstieg in die Produktion des Krisenfliegers für den US-Konzern ist. In dem Szenario skizziert H&Z die Auswirkungen eines Fertigungsstopps der A320-Familie für die Supply-Chain.

Ohne staatliche Unterstützung wie die Möglichkeit der Sonderformen von Kurzarbeit und verbürgte Kredite würden im europäischen Umfeld innerhalb von drei Monaten circa 120 Lieferanten in die Zahlungsunfähigkeit rutschen. Diese Annahme beruht auf einer Auswertung von unter anderem Finanz-Informationen. So müssten die Unternehmen insgesamt Verluste von einigen Milliarden Dollar abfedern, womit sie komplett überfordert wären.

Gleichzeitig wären im Umfeld der Fertigung kurzfristig 10.000 Arbeitskräfte bedroht. Santo: „Ein Ramp-up nach einem solchen Produktionsstopp ist in den folgenden drei Monaten noch darstellbar, nach mehr als sechs Monaten Produktionsstillstand wäre dieser Schritt mit dem Ramp-up eines Neuprogramms gleichzusetzen, inkl. der Auswahl, Qualifizierung und Zulassung neuer Lieferanten.“

Auswirkungen auf die Airlines
Boeing hatte zu Beginn der Woche bekanntgegeben, wegen der anhaltenden Unsicherheit über eine baldige Wiederzulassung der 737-Max die Produktion des Jets ab Januar vorübergehend einzustellen. Santo rechnet mit deutlichen Auswirkungen auf die Airlines: Diese könnten ihre Flugpläne wie schon in diesem Jahr nicht mit den eigentlich einsetzbaren Kapazitäten erstellen, müssten kurzfristig teure Wet-Leases dazubuchen und kämen bei der Planung ihres Flottenumbaus nicht voran.

Denn auch wenn sie auf die Jets eines anderen Herstellers ausweichen: „Diese Produkte sind nicht verfügbar, weil der jeweils andere OEM am Kapazitätslimit arbeitet und es nicht schafft, die Produktion kurzfristig auszuweiten.“ Dieses Problem belegen auch die Produktions- und Auslieferungszahlen von Boeing und Airbus für die ersten zehn Monate des Jahres. „Zudem laufen Low-Cost-Airlines mit klaren Strategien zu einem Modell wie Ryanair (Boeing 737) oder Easyjet (A320-Familie) Gefahr, kein zugelassenes Produkt mehr nutzen zu können.“

Interessant sei nun, welchen „Plan B“ Boeing verfolge. „Das Design eines komplett neuen Single-Aisle-Fliegers dauert wenigstens (noch) fünf bis sechs Jahre“, so der Experte, der davon ausgeht, dass entsprechende Arbeiten bereits im Gange sind. Dies könnte nun aber eine „sinnvolle Flucht nach vorn“ bedeuten: „Denn dies könnte in einem (gefühlt) statischen Markt wieder Dynamik bringen, da Airbus mit Sicherheit schnell nachziehen würde.“

Die beiden aktuellen Single-Aisle-Modelle von Airbus und Boeing basierten noch immer auf Jahrzehnte alten Konzepten. „Ein komplettes Neudesign könnte neueste Materialen, Produktionstechniken sowie -prozesse berücksichtigen und so die bessere und günstigere Alternative sein. 2020 kann also das Jahr der großen Ankündigungen werden.“

Autor: Carlo Sporkmann
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Carlo Sporkmann ist seit April 2019 als Autor für AviationNetOnline tätig. Der studierte Journalist berichtet für AviationNetOnline über den deutschen Luftverkehrsmarkt.

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