Von der strategischen Neuausrichtung zum Bauernopfer?

Österreichs Flughäfen haben in den letzten Jahren zahlreiche unterschiedliche Krisen meistern müssen, die vor allem im ausgehenden Urlauberverkehr ihre Spuren gezogen und hinterlassen haben. Mit der strategischen Neuausrichtung bei Niki stehen die Flughäfen, Veranstalter, Reisebüros und vor allem die Urlauber vor einer neuen Herausforderung. Besonders auf den Regionalflughäfen bedarf es gemeinsamer Anstrengungen um zumindest ein Rumpfangebot an Sonnendestinationen langfristig halten zu können. Ein Gastkommentar von Michael David.

Niki am Flughafen Linz: In Zukunft möglicherweise ein seltener Anblick (Foto: Flughafen Linz).

Schon vor Weihnachten brodelte es in der Gerüchteküche, dass die Zusammenlegung der Flugbetriebe von Niki und Tuifly nicht ganz spurlos vorübergehen würde. Dennoch war es für Passagiere wie Veranstalter ein herber Schlag, als Niki ihre Absichten zum Sommerflugplan ab Österreich kundtat. Nicht nur der Wegfall der City-Strecken ab Wien hinterlässt eine (Wettbewerbs-)Lücke, die es erst einmal zu füllen gilt. Beim Vergleich der ankündigten Sommerstrecken ab Wien, Salzburg, Graz und Innsbruck fiel auf, dass zahlreiche bereits in den Buchungssystemen geladene Niki-Sommerflüge ebenfalls gar nicht mehr bedient werden sollen. Der Flughafen Linz, auf dem die Niki-Flüge das Rückgrat der Sommersonnenflüge wie zum Beispiel nach Heraklion, Kos oder Korfu über Jahre hinweg bildete, wurde sogar gänzlich aus den Planungen ausradiert. Aber auch aus Graz und Innsbruck zieht sich Niki defacto aus dem Regionalmarkt Leisure-Outgoing zurück, verbleiben hier nur je zwei wöchentliche Verbindungen nach Palma, die nicht einmal mehr von der ursprünglichen, österreichischen Niki bedient werden. Selbst Salzburg, wo lange der Verbleib eines stationierten Airbus kolportiert wurde, zieht Niki pro Woche über Tausend angebotene Sitze ab, reduziert Strecken, streicht Destinationen und bedient die Mozartstadt nur mehr über in Fachkreisen als "Incoming-Pattern" bezeichnete Umläufe.

Plötzlich stehen die Veranstalter auf zahlreichen Strecken ohne Airline da. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Kataloge schon längst gedruckt, die Reiseangebote längst in den Systemen eingepreist und der Knochenjob der Werbemaschinerie "Kunde" in Gang gesetzt sind. Nicht wenige Kunden kehrten aus den Reisebüros mit der ernüchternden Information zurück, dass zwar die Angebote durchaus buchbar wären, es aber ohne Ersatzflugplan bzw. alternativ operierender Airline klarerweise keine konkreten und vor allem verlässlichen Informationen zu Flugtagen oder gar Flugzeiten gibt. Eine Branche im Aufruhr. Verärgerte Urlauber ließen ihren Frust in den Reisebüros aber auch an den Flughäfen aus, somit an jenen, die ebenfalls mittels Knall auf Fall zu Betroffenen dieser strategischen Neuausrichtung innerhalb der Air-Berlin-Gruppe wurden. Branchenintern ist von einem Kollateralschaden "Flugmarkt Österreich" die Rede, welche der Kernaktionär Etihad Airways aus Abu Dhabi in Kauf nimmt, um ihre verlustbringende Beteiligung wieder auf Vordermann zu bringen. Kurzfristig betrachtet ist die Momentsituation eindeutig das Ergebnis eines ebenso kurzfristigen wie vor allem kurzsichtigen Strategiewechsel.

Mittel- bis langfristig betrachtet wirft dies gerade aber auch die Frage auf, mit welchen Strategien die einzelnen Veranstalter den Kunden besonders in den regionalen Märkten in Österreich begegnen werden. Immerhin handelt es sich hier österreichweit um etwa eine Million reisefreudige Menschen, die sich Jahr für Jahr für die - zweifelsohne auch herausvordernde - Veranstalterangebote entscheiden. Immerhin, bestimmten Veranstaltern wie zum Beispiel die TUI-Gruppe, ist ihr Bemühen auch um die regionalen Kunden, von der Familie mit Kleinkind bis zu den reisenden Senioren, nicht abzusprechen. Mit einem Risikoeinsatz etlicher Millionen Euro wird diesen Kunden ermöglicht, schnell und bequem vom nächstgelegenen Flughafen abzufliegen. Auch aufgrund der momentanen Situation sitzen diese Veranstalter gemeinsam mit den Flughäfen und den Airlines am Verhandlungstisch, um letztendlich diese Sommersaison noch halbwegs zu retten.

Urlauber müssen darauf vertrauen, trotz der Reorganisation von Niki nicht im Regen stehen gelassen zu werden (Foto: Martin Metzenbauer).

Aber was dann? Während die einen Veranstalter bereit sind, in ein Risiko für die Bereitstellung von Flugsesseln ab den heimischen Bundesländerflughäfen zu gehen, arbeiten andere Veranstalter mehr oder weniger konsequent mit Einzelplatzeinkäufen. Jedoch: gibt es keine Fluglinie für eine Strecke von A nach B, können im Umkehrschluss dem Kunden auch keine Plätze angeboten werden. Viele entscheiden sich, zum Leidwesen aller regionalen Bemühungen, somit für einen leicht gangbaren Weg, den Abflug von anderen, größeren Flughäfen. Zudem treffen die Umstellungen und Flugstreichungen bei Niki (etwa die gut gebuchten Teneriffa-Flüge ab Linz im März und April) auch die Reisebüros und ihre Mitarbeiter, die gezwungen sind, bereits gebuchte Passagiere entsprechend zu informieren und zu betreuen, als Dank in erster Reaktion verständlicher - aber ungerechtfertigter - Weise den Unmut dieser Kunden an vorderster Front zu spühren bekommen. "Na und?" fragt sich wohl so mancher Kritiker des regionalen Denkens, dem gegenüber stehen allerdings all jene, die sich der Vorteile ihrer Regionalflughäfen bewusst sind und bereit sind, (vorhandene) Angebote zu nutzen. Und gerade für diese Kunden lohnt es sich, auch diese Veranstalter wieder stärker an ihre regionalen Kunden zu erinnern.

Letztendlich entscheiden die Kunden selbst, wohin die Reise in Zukunft tatsächlich geht. Keine Frage, die derzeitige Momentaufnahme ist noch immer von vielen Fragezeichen geprägt. Allerdings wäre auch jetzt der richtige Zeitpunkt, die regionale Komponente verstärkt herauszustreichen und auch neue Wege zu gehen. Dazu sind allerdings die Fluglinien und vor allem die Reiseveranstalter aufgefordert, auf die Wünsche der Kunden wieder verstärkt hinzuhören und entsprechende Aktivitäten zu setzen. Langfristig, mittelfristig wie auch kurzfristig, um den Sommer 2017 für jene Familien zu retten, deren Eltern das ganze Jahr über für den Sommerurlaub mit ihren Kindern sparen. Diese haben es nämlich nicht verdient, bei der strategischen Neuausrichtung einer Fluglinie am Ende des Tages das Bauernopfer zu sein.

 

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Autor: Michael David
Michael beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Themen Luftverkehr in Österreich, insbesondere der Regionalflughäfen, ist leidenschaftlicher Spotter und in der Szene der Flughafenfreunde aktiv. Seit März 2020 ist Michael David Teil des AviationNetOnline-Teams.

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