Vida fordert 1.700 Euro Mindestlohn für Flugbegleiter

Nur AUA-Mitarbeiter zeigten eine äußerst hohe Präsenz bei den Betriebsversammlungen. Ihre Kollegen von Anisec, Lauda und Eurowings Europe blieben mit unübersehbarer Mehrheit fern und jene von Wizzair waren mangels Betriebsrat gar nicht dabei.

Foto: Thomas Ramgraber.

Ein wenig obskur mutet es durchaus an, dass drei von vier Fluggesellschaften, deren Betriebsräte am Mittwoch mit Unterstützung der Gewerkschaft Vida Betriebsversammlungen mit dem Ziel einen Branchen-Kollektivvertrag zu „erzwingen“ abhielten, ohnehin über einen jeweils eigenen Betriebs-KV verfügen, der noch dazu in den letzten Jahren jeweils mühsam ausgehandelt wurde. Das Wizzair-Personal war mangels Betriebsrat nicht eingebunden, obwohl sich viele Kritikpunkte, wenn auch nicht ausgesprochen, angeblich auch gegen diesen Anbieter richten sollen.

Die Arbeitnehmervertretungen von Anisec, Austrian Airlines, Lauda und Eurowings Europe luden ihr fliegendes Personal am Mittwoch im Office Park 3 zu Informationsveranstaltungen ein. Von den genannten Airlines ist Anisec der einzige Anbieter, der über keinen Kollektivvertrag verfügt. Allerdings bestätigte der Vorsitzende des Betriebsrats dieses Unternehmens vor einigen Wochen gegenüber AviationNetOnline, dass die im Frühjahr unterbrochenen KV-Verhandlungen wiederaufgenommen wurden. Es ist also damit zu rechnen, dass es in absehbarer Zeit auch bei Anisec zum Abschluss eines Kollektivvertrags kommen wird.

Laut Gewerkschaft ist der Austrian-Airlines-KV jener mit den höchsten Sozialstandards. Diesen will man über das Sozialministerium „satzen“ lassen, so dass der AUA-Kollektivvertrag dann für alle Airlines, die noch keinen Betriebs-KV haben, gelten würde. Davon wären dann insbesondere Anisec, sofern es dort zuvor nicht ohnehin zu einem Abschluss kommt, und die bei der im österreichischen Firmenbuch eingetragenen Zweigniederlassung der ungarischen Billigfluggesellschaft Wizzair beschäftigten Piloten und Flugbegleiter betroffen. Der zuletzt genannte Anbieter betonte vor einigen Wochen in einem proaktiv an AviationNetOnline gesendeten E-Mail, dass man der Ansicht ist, dass aufgrund des ungarischen AOCs ohnehin österreichische Kollektivverträge keine Gültigkeit für Wizzair hätten. Die Gewerkschaft sieht dies naturgemäß gänzlich anders.

Nur AUA-Mitarbeiter besuchten die Veranstaltungen rege

Bemerkenswert an den am Mittwoch abgehaltenen Betriebsversammlungen ist, dass sich die Anwesenheit von Beschäftigten der Fluggesellschaften Anisec, Lauda und Eurowings Europe in sehr eng gesteckten Grenzen gehalten hat, wie AviationNetOnline berichtete. Die genannten Anbieter mussten keinerlei Flüge streichen. Der Ausfall der Eurowings-Nürnberg-Verbindung steht nicht im Zusammenhang mit den Betriebsversammlungen. Eine Beschäftigte einer der drei genannten Billigfluggesellschaften äußerte ihren persönlichen, subjektiven Eindruck wie folgt gegenüber AviationNetOnline: „Bei uns hat sich fast niemand für die Betriebsversammlungen interessiert. Es sind nur eine Handvoll Leute hingegangen und sonst waren fast nur AUA-Kollegen dort. Man hat fast nur Leute in AUA-Uniformen gesehen.“ Sie selbst habe nur auf dem Weg vom Mitarbeiterparkplatz (Parkplatz B) zum Terminal, einen kurzen „Abstecher“ durch den Office Park 3 gemacht.

Die hohe Präsenz der Austrian-Airlines-Mitarbeiter resultierte auch in der Streichung von insgesamt 24 Verbindungen. Ein möglicher Hintergrund ist, dass der Anteil der gewerkschaftlich organisierten AUA-Mitarbeiter im direkten Vergleich mit den drei Mitbewerbern signifikant höher ist. Auch hat die Teilnahme an derartigen Informationsveranstaltungen des Betriebsrats bei der AUA eine lange Tradition und wird durchaus als wichtiger Teil des Zusammenhalts der Belegschaft betrachtet.

Hebenstreit fordert höhere Ticketsteuer für „unfaire Airlines“

Vida-Vorsitzender Roman Hebenstreit fasste die Kernaussagen der Betriebsversammlungen während kurzen Pressegesprächen wie folgt zusammen: Ein Branchen-Kollektivvertrag soll für einheitliche Lohn- und Sozialstandards bei allen in Österreich gebasten Fluggesellschaften sorgen. Er nannte als Beispiel, dass ein Anbieter den Flugbegleitern nur rund 1.500 Euro brutto pro Monat bezahlen würde und damit würde der Bezug unter der so genannten Armutsgrenze liegen. Gefordert wird ein branchenweiter Mindestlohn von 1.700 Euro für das Kabinenpersonal.

An die Politik wendet sich der Gewerkschafter mit einer durchaus ungewöhnlichen Forderung. Die gesamte Branche appelliert seit der Einführung der umstrittenen Ticketsteuer nach Abschaffung dieser, da sich diese negativ auf die Arbeitsplätze auswirken würde. Unter dem Deckmantel des „Umwelt- und Klimaschutzes“ planen diverse Länder diese einzuführen oder beispielsweise in Deutschland fordern diverse Politiker eine signifikante Erhöhung. Österreich halbierte im Jänner vor einem Jahr die Abgabe. Hebenstreit fordert nun von der Politik, dass jene Airlines, die sich „unfair“ gegenüber ihrem Personal verhalten, eine Art Strafsteuer in Form einer erhöhten Ticketsteuer bezahlen sollen. Wie diese Forderung umgesetzt werden könnte, erklärte der Vida-Vorsitzende allerdings nicht im Detail.

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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