"Unsere MD11-Flotte erlebt ihren letzten Sommer"

Interview mit Lufthansa-Cargo-Chef Peter Gerber.

(Foto: Lufthansa Cargo AG)

Die Luftfracht-Branche muss sich mit Provisorien durch die Corona-Krise helfen. Weil viele Passagierflugzeuge der Airlines am Boden bleiben, werden viele der Jets zu Frachtern umgebaut – um die Nachfrage zu bedienen, erklärt Peter Gerber, Chef von Lufthansa Cargo, im Interview mit AviationNetOnline. Und er konstatiert: "Die Bedeutung unserer Frachter ist enorm gestiegen.

AviationNetOnline: Herr Gerber, "Luftfracht boomt", liest man gerade überall – also ist doch alles gut für Lufthansa Cargo und Ihr Geschäft brummt?

Peter Gerber: Den Eindruck kann man zunächst bekommen, wenn man sieht, dass unsere siebzehn Frachtflugzeuge voll ausgelastet sind und wir diese derzeit sogar mit einer Reihe umgebauter Passagiermaschinen verstärken. Ein anderer Teil der Wahrheit ist aber, dass momentan rund 700 der 763 Flugzeuge des Lufthansa-Konzerns am Boden stehen. Für Lufthansa Cargo bedeutet dies einen weitreichenden Verlust an Angebotskapazität, denn mehr als die Hälfte der Güter befördern wir üblicherweise in den Laderäumen der Flugzeuge von Lufthansa, Austrian Airlines, Brussels und Eurowings. Richtig ist also, dass die Bedeutung unserer Frachtflugzeuge im Moment enorm gestiegen ist.

AviationNetOnline: Was passiert aktuell mit der Luftfahrtbranche?

Peter Gerber: Die Luftfahrt erlebt derzeit insgesamt eine beispiellose Krise, die sich auch auf die Luftfracht auswirkt. Wir tun im Moment alles dafür, um die internationalen Versorgungswege zu stützen. Dazu gehört auch die Nutzung zahlreicher Passagiermaschinen als Frachter. Das ist aufwändig und es bleibt abzuwarten, wie nachhaltig diese Kapazitätsverschiebungen sein werden. Mit Sicherheit kann man aber davon ausgehen, dass der Wettbewerb in der Luftfracht auch in Zukunft hart bleiben wird.

AviationNetOnline: Aktuell sind alle Bemühungen der deutschen Regierung darauf ausgerichtet, das Infektionsgeschehen hierzulande wieder in den Griff zu bekommen. Wie sehen die kommenden Monate für Lufthansa Cargo aus?

Peter Gerber: Das wird stark davon abhängen, wie schnell und wie umfassend die Passagiermaschinen im Konzern wieder die weltweiten Verbindungen aufnehmen. Wir werden unsere Frachtflugzeuge weiterhin so flexibel wie möglich entlang der Nachfrage steuern. Gerade in der Netzsteuerung können wir auf sehr viel Erfahrung zurückgreifen. Darüber hinaus werden wir natürlich unsere Dienstleistungen weiter optimieren. Gerade im Bereich der Pharma-Transporte verfügen wir über eine hervorragende Infrastruktur und spezielle Zertifizierungen. Hier wollen wir unsere starke Position weiter ausbauen. Corona hat bewiesen, wie wichtig schnelle und gut funktionierende Versorgungswege sind: Seit Ende März haben wir rund eine halbe Milliarde Schutzmasken in die ganze Welt geflogen.

AviationNetOnline: Die Pläne von Lufthansa Cargo, die MD-11Fs bis Ende 2020 auszuflotten, sind vermutlich nun Makulatur?

Peter Gerber: Unser Beschluss, im nächsten Jahr zu einer reinen Boeing 777-Frachterflotte überzugehen steht nach wie vor. Dennoch werden wir genau beobachten, wie sich die Lage in den kommenden Monaten weiterentwickelt. Bei normalen Marktverhältnissen ist es jedenfalls sehr schwer geworden, mit der MD-11F Geld zu verdienen. Neben einer Vielzahl von Synergieeffekten folgt der Rollover zu einer einheitlichen Boeing 777F-Flotte auch unserer Umweltstrategie. Denn Zukunft heißt für uns auch, dass wir unseren CO2-Ausstoß im Blick behalten und weiter verbessern. All das spricht dafür, dass die MD-11F gerade ihren letzten Sommer in unserer Flotte erlebt.

AviationNetOnline: Konzernchef Carsten Spohr sagte jüngst, die Luftfahrt werde noch ein bisschen länger "leiden" – kann man bei Lufthansa Cargo angesichts solcher Aussagen schon wieder an Wachstum denken?

Peter Gerber: Bei der Fracht denken wir vor allem an die Volatilität des Marktes und an die Flexibilität, die wir brauchen, um unsere Position zu behaupten oder auszubauen. Rekord- und Krisenzeiten lagen bei uns schon immer sehr dicht beieinander. Unser hochengagiertes Cargo-Team bleibt der Schlüssel zum Erfolg. Daneben wollen wir unsere Branche im Bereich der Digitalisierung weiter vorantreiben.

AviationNetOnline: Herr Gerber, vielen Dank für das Gespräch.

Vita: Peter Gerber, seit 1992 im Kranich-Konzern tätig, feiert in diesen Tagen sein sechsjähriges Jubiläum als Chef der Frachttochter Lufthansa Cargo. Daneben ist er unter anderem als Aufsichtsrat des Flughafenbetreibers Fraport tätig und ist Vorsitzender des Cargo Comittee der IATA.

Autor: Carlo Sporkmann
Redakteur
Carlo Sporkmann ist seit April 2019 als Autor für AviationNetOnline tätig. Der studierte Journalist berichtet für AviationNetOnline über den deutschen Luftverkehrsmarkt.

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