Slowakischer Lockdown

Der CEO des ostslowakischen Airports Kosice, Michael Tmej, im Interview.

Flughafen Kosice (Foto: Martin Dichler).

Als eines der ersten Länder Europas hat die Slowakei bereits am 13. März 2020 mit einem strengen Lockdown auf die COVID-19-Pandemie reagiert. Seitdem sind kommerzielle Flüge in der Slowakei verboten, wovon die Flughäfen Bratislava, Poprad und Kosice betroffen sind. Seit dem Jahr 2006 hält die Flughafen Wien AG 66 Prozent des ostslowakischen Flughafens Kosice. Austrian Aviation Net sprach mit dem erfahrenen Flughafenmanager Michael Tmej (CEO Kosice Airport) über die aktuelle Situation der VIE-Tochter.

AviationNetOnline: Die Slowakei hat mit sehr umfangreichen Maßnahmen auf die COVID-19 Pandemie reagiert. Welche Auswirkungen hatte dies auf den Betrieb des Flughafen Kosice?

Michael Tmej: Die Slowakei hat mit Wirkung vom 13. März 2020 den internationalen Verkehr an allen slowakischen Flughäfen untersagt. Diese Einschränkung gilt vorläufig bis 27. Mai 2020 und wird dem Vernehmen nach vermutlich bis in den Juni weiter verlängert. Damit sind auch in Kosice lediglich General Aviation im Inlandsverkehr, technische Landungen ohne Passagierbewegung, Fracht-, Hilfs- und Regierungsflüge sowie manche Trainings erlaubt. Der Verkehr ist somit gegen Null gefallen, aber die Flughäfen sind betriebsbereit zu halten, was natürlich Aufwand generiert (z.B. für Feuerwehr, Security im Außenbereich, Haustechniker, usw.). Wir haben eine Minimumbesetzung aufrecht gehalten, mit einer Betriebszeiteneinschränkung auf täglich sechs bis 12 Stunden, mit zusätzlicher Abfertigung außerhalb dieser Zeiten gegen Voranmeldung.

AviationNetOnline: Was bedeutet die Schließung des Flughafens für ihre Mitarbeiter? Gibt es in der Slowakei eine Art Kurzarbeit Regelung wie in Österreich?

Michael Tmej: In der Slowakei gab es keine Kurzarbeitsregelung wie in Österreich, aber wir konnten durch die verordnete Sperre eine Abgeltung bestimmter Personalkosten erreichen, was natürlich hilft. Wir versuchen natürlich, unsere Mitarbeiter zu halten, um bei Wiederaufnahme eines regulären Betriebs sofort wieder das gewohnte Qualitätsniveau anzubieten. Die Mitarbeiter haben Gehaltseinbußen zu verkraften, die Jobs sind aber aus heutiger Sicht gesichert.

Michael Tmej, CEO des Flughafens Kosice (Foto: Flughafen Kosice).

AviationNetOnline: Die finanziellen Einbußen für den Flughafen Kosice müssen gewaltig sein. Gibt es schon erste Berechnungen, welche Kosten dem Unternehmen monatlich durch die Schließung entstehen?

Michael Tmej: Aufgrund der unklaren Lage, wann es wie genau weitergehen wird, sind alle unsere Rechnungen naturgemäß fiktiv. Jedenfalls ist es auf der Einkommensseite ein herber Rückschlag, neben den Aviation-Einnahmen sind in der Folge ja auch Non-Aviation-Einnahmen betroffen. Das Unternehmen ist finanziell aber gut aufgestellt, wir haben ja in Kosice seit Jahren Gewinne erwirtschaftet und Rücklagen gebildet, die uns ein Überleben für etliche Monate garantieren.

AviationNetOnline: Wann rechnen Sie mit einer Wiederaufnahme des Flugbetriebes und besteht ihrer Meinung nach überhaupt eine Nachfrage für Flüge am Markt?

Michael Tmej: Ich kann auch nur mutmaßen, aber ich gehe von einer Lockerung der Bestimmungen im Juni aus, Wizz Air will schnellstmöglich mit einzelnen Flügen beginnen, Ryanair peilt Anfang Juli für den Beginn an. LOT, CSA und Austrian sowie Eurowings sind alle interessiert, die Flüge wieder aufzunehmen, allerdings natürlich in Abhängigkeit der nationalen Bestimmungen. Der Bedarf an Flügen sollte zumindest teilweise latent vorhanden sein, wir haben ja sehr viele Geschäftsreisen, dort hängt es vom Auftragsvolumen der Unternehmen und der Betriebssituation ab. Viele dieser Reisen sind nicht durch Homeoffice ersetzbar, wie Techniker zur Wartung und zum Umbau technischer Anlagen, usw.

AviationNetOnline: In den vergangenen Jahren hatten die Charterflüge für einen hohen Anteil am gesamten Passagieraufkommen gesorgt. Ihre Prognose für die heurige Saison?

Michael Tmej: Die Chartersaison im Sommer ist für uns ca. ein Drittel des gesamten Verkehrsaufkommens, also sehr bedeutend. Leider müssen wir hier von einem Totalausfall bis zu stark eingeschränktem Angebot noch alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, ich persönlich hoffe auf doch einzelne Flüge zu ausgewählten Destinationen ab Juli.

Wizz Air ist eine der am Flughafen Kosice präsenten Airlines (Foto: Flughafen Kosice).

AviationNetOnline: Austrian Airlines hat angekündigt ihre Dash 8 - Q400 Flotte auszumustern. Könnte diese Entscheidung folgen für die Wien- Verbindung haben, wenn zukünftig nur noch größeres Fluggerät zur Verfügung steht? 

Michael Tmej: Austrian ist ein ganz starker Partner in Kosice und hat sich 2019 sehr gut entwickelt, trotz der Adria-Pleite wurde bestens reagiert. Sollten die Dash 8 nicht mehr eingesetzt werden, rechne ich mit einer Reduktion von Rotationen durch die größeren Luftfahrzeuge, aber grundsätzlich ist auch ein Embraer 195 gut zu füllen und bei den Passagieren beliebt. 

AviationNetOnline: Wizzair, Ryanair, Eurowings und LOT haben in den vergangenen Jahren neue Flugverbindungen nach Kosice aufgenommen. Wie lange wird es ihrer Meinung nach dauern, bis man an die Erfolge der vergangenen Jahre wieder anschließen wird können?

Michael Tmej: Der gesamte Markt ist aber im Umbruch und die Auswirkung auf die einzelnen Carrier lassen sich noch nicht gut einschätzen. Ich hoffe, dass wir schon 2021 eine günstige Entwicklung im Geschäftsreisemarkt haben, die Reisefreudigkeit der slowakischen Privatreisenden sollte zumindest im nächsten Jahr auch spürbar sein und ab 2022 rechne ich wieder mit sehr guten Verkehrsergebnissen, auch der Incoming-Tourismus nach Kosice bildet hier ein gutes Potential.

Autor: Martin Dichler
Martin Dichler war bis 2019 Vorsitzender der Flughafenfreunde Wien und schreibt seit Jahren als freier Journalist für diverse Luftfahrt- und Reisemedien.

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