Mit dem Zug zur Klimarettung?

Zwei österreichische Politiker sind medienwirksam mit der Bahn statt mit dem Flugzeug zur Klimakonferenz nach Madrid gereist. Richtig viel Spaß dürften sie dabei nicht gehabt haben. Ein Kommentar.

Theoretisch könnte man schnell mit dem Zug in Europa unterwegs sein. In der Praxis hapert es damit aber mitunter (Foto: Pixabay).

Die UN-Klimakonferenz gehört zu den allerwichtigsten Meetings in Sachen Umweltschutz. Staatsspitzen, Politikerinnen und Politiker oder auch Vertreter von NGOs und Medien nehmen hier jedes Jahr teil - darunter auch solche aus Österreich. Um besonders klimafreundlich zu sein, haben sich heuer angesichts des europäischen Veranstaltungsortes Madrid zwei österreichische Volksvertreter dazu entschlossen, medienwirksam gewissermaßen auf den Flightshame-Zug aufzuspringen - und mit der Bahn statt mit dem Flugzeug zum Veranstaltungsort Madrid anzureisen.

So richtig toll dürfte das allerdings nicht funktioniert haben: So meldete sich SPÖ-Politkerin Julia Herr von der ewig langen und komplizierten Zugreise auf sozialen Medien und erklärte, dass der europäische Bahnverkehr ausgebaut werden und es mit den steuerlichen Begünstigungen für den Flugverkehr Schluss sein müsse. Pünktlich zum Konferenzbeginn hat es Frau Herr jedenfalls durch eine grobe Zugsverspätung nicht in die spanische Hauptstadt geschafft.

Auch Michael Bernhard - seines Zeichens Umweltsprecher der Neos - machte sich per Zug auf nach Madrid und stellte von seiner 33-stündigen Odyssee unter anderem ein Video online. Gegenüber krone.at legte er seine Erkenntnis dar: "Der Aufwand, den man immer noch betreiben muss, um mit dem Zug von A nach B zu kommen, ist gewaltig und steht in keiner Relation zu dem Aufwand, den man hat, wenn man mit dem Flugzeug unterwegs ist." Neben der langen Reisezeit waren es aber auch die Kosten, die dem Neos-Politiker ein Dorn im Auge waren: Über 450 Euro musste Bernhard bezahlen, bei Kollegin Julia Herr (die laut krone.at sogar 43 Stunden unterwegs war) sollen es mehr als 1.000 Euro gewesen sein.

Diese Aktionen zeigen ein paar wichtige und wesentliche Punkte: Erstens ist es - abgesehen von ein paar Direktverbindungen - fast ein Ding der Unmöglichkeit, in akzeptabler Zeit transeuropäisch mit dem Zug von A nach D (über B, C etc.) zu kommen. Wer hat die Muße, sich für einen beruflichen Termin mehr als 30 Stunden in den Zug zu setzen? Hier hat Frau Herr sicherlich recht - das Angebot müsste ausgebaut werden. Nur das wird dauern.

Zweitens sind nicht alle Bahngesellschaften unbedingt bekannt dafür, allzu zuverlässig unterwegs zu sein. Das verleiht Zugsfahrten dann auch das gewisse Prickeln, ob man nach 20 oder doch erst nach 40 Stunden am Zielort ankommt. Auch kann man angesichts der oft niedrigen Frequenzen nicht unbedingt schnell umbuchen - wie es im Flugverkehr häufig unkompliziert möglich ist.

Und drittens sind viele grenzüberschreitende Zugsverbindungen trotz aller Subventionen, die Bahngesellschaften in Europa staatlicherseits erhalten, auch teuer. Mit dem Flugzeug hätte Frau Herr wohl nur einen Bruchteil der mehr als 1.000 Euro bezahlt. Als Abgeordnete zum österreichischen Nationalrat kann sie sich die Zugsfahrt wohl problemlos leisten - weniger Verdienende tun sich da aber sicher schwerer. Natürlich sind Preise nicht in Stein gemeißelt - und auch Flugreisen waren vor einigen Jahren noch richtig teuer. Aber, dass es in den nächsten Jahren zu deutlichen Änderungen bei den Ticketpreisen für Zugsfahrten kommen wird, ist nicht unbedingt zu erwarten. Zu groß ist der Fleckerlteppich der nationalen Bahngesellschaften - und wenn nun aufgrund des schlechten Umwelt-Rufs des Flugverkehrs die Nachfrage nach Zugsreisen steigt, wird dies auch nicht unbedingt zu niedrigeren Preisen führen.

Menschen, die (grundsätzlich oder weil es dank "Flight Shame" ja nun besonders "in" ist) den innereuropäischen Flugverkehr im Visier haben, müssen sich dabei jedenfalls auch die Frage stellen lassen, ob sie es auch mit (viel schlimmeren) Umweltsündern so genau nehmen. Kaufen Sie konsequenterweise keine in China produzierten Waren mehr ein? China ist ja schließlich der größte Klimasünder der Welt - und die Produkte werden in der Regel mit Schiff oder Flugzeug in der Regel ebenfalls nicht CO2-neutral nach Europa gebracht. Und fahren sie wirklich nur dann mit dem Auto, wenn es gar nicht anders geht? Über die Schädlichkeit dieses Verkehrsmittels brauchen wir ja gar nicht zu reden. Und essen sie kein Fleisch mehr? Die Viehwirtschaft macht rund 15 Prozent der Emissionen von Treibhausgasen aus! Oder verzichten sie auf Netflix & Co? Geschätzte vier Prozent der schädlichen Emissionen gehen auf das Konto der IT-Industrie - das ist laut Statistiken mehr als der globale Flugverkehr.

Solche Aktionen von Politikern sind zwar prinzipiell nett und regen zum Nachdenken an - wobei aber gerade diese beiden Beispiele nicht unbedingt Werbung für die Bahn machen. Man sieht vielmehr, dass Brachial-Zugsfahren statt auf das Flugzeug zu setzen weder die Welt rettet noch besonders praktikabel ist. Vielmehr wäre es sinnvoll, im täglichen Leben Schritte zu setzen, die den persönlichen CO2-Fußabdruck verringern. Muss ich wirklich täglich Fleisch essen, das zu den umweltschädlichsten Nahrungsmitteln zählt (und darüber hinaus auch zunehmend in den Brennpunkt ethischer Überlegungen tritt)? Kann ich meine Verkehrswege so überdenken, dass ich auf die zweifellos umweltfreundlicheren Öffis setze - anstatt alleine mit dem Auto in die Arbeit zu fahren?

Statt populistisch angehauchte Zugs-Geschichten auf Social Media zu erzählen wäre es vielleicht zielführender, zum Nachdenken und zum täglichen Umsetzen kleiner Schritte zur Optimierung der persönlichen Treibhausgas-Bilanz anzuregen - und zwar in seriöser, unaufgeregter Art und Weise. Blöd nur, dass eine auf Facebook & Co verbreitete Zugsdrama-Story mehr Klicks und Interesse hervorruft als solche eher langweiligen Überlegungen.

Ach ja - eine Frage gäbe es noch in Richtung der beiden zugsfahrenden Politiker: Warum fliegen sie denn nicht einfach und bezahlen die CO2-Kompensation für die Reise? Geht ganz einfach und kostet nicht die Welt. Und so nebenbei wäre man auch pünktlich bei der Klimakonferenz angekommen.

Autor: Martin Metzenbauer
Herausgeber und Chefredakteur
Martin gründete 2004 aufgrund seines starken Luftfahrtinteresses Aviation Net. Er liebt das Fliegen und Reisen– und schreibt darüber natürlich auch gerne.

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