"Lufthansa wollte UFO den Garaus machen"

Sozialforscher zum Streit von Airline und Gewerkschaft.

Forscher Wigand (Fotos: www.AirTeamImages.com, privat)

Der Sozialforscher Elmar Wigand ordnet den Konflikt zwischen Lufthansa und UFO ein, erklärt, wieso es sich um Union Busting handelte und welche Gewerkschaft in der Kabine noch eine Zukunft haben könnte.

AviationNetOnline: Herr Wigand, im Kern haben Lufthansa und UFO ihren seit Jahren schwelenden Konflikt beigelegt oder sich zumindest auf Instrumente verständigt, wie das Wirr-Warr gelöst werden soll. Was lässt Sie denn hoffen, dass die Einigung, die da erzielt wurde, nicht wie die Vereinbarung im November, wieder kassiert wird?

Elmar Wigand: Für mich stellt es sich so dar, als dass der Konzern daran erinnert wurde, Respekt vor der Gewerkschaft haben zu müssen. Denn UFO hat im vergangenen Jahr bewiesen, dass sie sehr wohl lebendig und aktionsfähig ist. Die Flugbegleitergewerkschaft hat sich in einer schweren Krise zusammengerauft. Die Frontalangriffe der Lufthansa haben dazu beigetragen. Das Unternehmen hingegen steht inzwischen selbst nicht allzu gut da. Nicht zuletzt die anhaltende Klimadiskussion hat den Aktienkurs immens nach unten gedrückt, jetzt noch das Corona-Virus. Ich denke, weitere Brandherde in Form von Streiks kann sich der Konzern nicht leisten, ohne dass auf der Hauptversammlung im Mai offen die Führungsfrage gestellt würde.

AviationNetOnline: Sie haben mehrere Publikationen zum Thema Union Busting veröffentlicht – also der systematischen Bekämpfung von Gewerkschaften und Betriebsräten durch Arbeitgeber und spezialisierte Dienstleister …

Elmar Wigand: Wörtlich heißt Union Busting "Gewerkschaften plattmachen", was aber nicht automatisch die Zerschlagung bedeuten muss. Strategisches Ziel von Union Busting kann es auch sein, Gewerkschaften in ihre Schranken zu weisen. Ihnen also solche Schläge zu verpassen, dass sie sich nicht mehr trauen, groß aufzumucken und handzahm werden. Es gibt die harte Tour - da wird mit Diffamierungen, Mobbing, konstruierten Kündigungen und Meinungsmache gearbeitet, wie von Dezember 2018 an gegen Nicoley Baublies zu beobachten, oder 2014 gegen den GDL-Vorsitzenden Claus Weselsky. Komplementär dazu versuchen Unternehmen auf die weiche Tour, Gewerkschaften und ihre Funktionäre zu umgarnen, zu assimilieren. Der wegen Korruption vom FBI verfolgte Chrysler-Manager Al Iacobelli sagte unlängst ganz unverblümt aus, sein Ziel sei es gewesen, die Gewerkschafter in seinem Unternehmen "fett, dumm und glücklich" zu halten. Im Fall der Lufthansa-Kabine ist das Ziel zu erkennen, verschiedene Gewerkschaften gegeneinander auszuspielen, sodass keine Gegenmacht entsteht, sondern die potenzielle Kraft der Belegschaft zur Kartellbildung zersplittert. Die UFO kriegt als konfliktbereite und streikfähige Gewerkschaft Prügel, während das Management ihre Abspaltung Cabin Union regelrecht hofiert hat.

AviationNetOnline: Wenn wir uns den Konflikt zwischen Lufthansa und UFO anschauen, wo sehen Sie Anzeichen für Union Busting?

Elmar Wigand: Rückblickend betrachtet gab es ganz klar eine konzertierte Kampagne der Lufthansa gegen sowohl UFO als Gewerkschaft, als auch gegen deren Frontmann Baublies. Er stand im Mittelpunkt eines internen Konflikts von UFO. Er gab 2016 die Führung der Gewerkschaft ab und widmete sich dem Aufbau der Industriegewerkschaft Luftverkehr. Doch das ehrgeizige Unterfangen scheiterte mittelfristig und die neue Spitze sorgte - möglicherweise auch durch Misswirtschaft - für Risse in der Kabine. UFO musste sich konsolidieren und die Führungsebene begann sich selbst zu zerfleischen. Dieser Konflikt wurde komplett in die Öffentlichkeit verlagert - Lufthansa witterte offenbar die Chance, die renitente Gewerkschaft entscheidend zu schwächen, wenn nicht sogar komplett zu entsorgen. Die Botschaft an die Beschäftigen und die Öffentlichkeit: Die Gewerkschaft ist tief zerstritten und auch nicht mehr streikfähig, noch ist sie in der Lage, Tarifverträge zu verhandeln. Und überhaupt ist sie ja pleite. In der Rückschau muss man ganz klar sagen, dass es sich um eine konzertierte Kampagne nach US-amerikanischem Vorbild handelte in der - ob gewollt oder ungewollt - auch die Staatsanwaltschaften Darmstadt und Frankfurt ihre Rolle gespielt haben. Um so erstaunlicher ist es, dass Nicoley Baubles nach seinem Rücktritt am 29. Mai 2019 bereits im September wieder an den Verhandlungstisch zurückgekehrt ist. Inzwischen hat er sich komplett rehabilitiert, auch die Kündigungsversuche sind vor dem Arbeitsgericht Frankfurt kläglich gescheitert. Ein solches Comback dürfte in der deutschen Gewerkschaftsgeschichte ohne Beispiel sein. Allerdings hat Baublies es bei den jüngsten UFO-Wahlen nur auf den vierten von sechs Plätzen der eher unwichtigen Grundsatzkommission geschafft. Richtig toll fanden die UFO-Delegierten das ganze Theater also auch nicht.

AviationNetOnline: Ist das nicht ein bisschen verschwörungstheoretisch , hier direkt von Union Busting zu sprechen?

Elmar Wigand: Nein. Um das Vorgehen der Lufthansa und ihrer Hauskanzlei Allen & Overy zu verstehen und für mich zu ordnen, habe ich eine detaillierte Chronologie der Angriffe erstellt. Sie zeigt ein konzertiertes, strategisches Vorgehen, das juristische Angriffe, Public Relations, Skandalisierung und Meinungsmache beinhaltet. Das ging los mit Forderungen von horrenden Gehaltsrückzahlungen gegen vier UFO-Funktionäre, die Baublies nach eigenen Angaben finanziell ruiniert hätten. Der Konflikt wurde auf Baublies zugespitzt, also auf ungerechtfertigte Weise personalisiert, was in dem Versuch einer medialen Dämonisierung gipfelte. Als sich die Rückforderungsklage als überzogen darstellte, musste er zum Drogentest, es gab fünf Kündigungsversuche, zudem eine Hausdurchsuchung der Staatsanwaltschaft in der UFO-Zentrale. Und da gab es noch viele andere kleine Spitzen gegen ihn. Nicht zu vergessen den Aufbau einer Konkurrenzgewerkschaft.

AviationNetOnline: Verdi?

Elmar Wigand: Nein, Cabin Union der IGL (CU). Während das Lufthansa-Management UFO die Streikfähigkeit oder überhaupt Verhandlungsberechtigung absprach und ein komplettes Kommunikationsembargo verhängte - bis hin zur Weigerung Emails zu lesen oder zu schreiben - und den Gewerkschaftsstatus gerichtlich infrage stellte, wurde die CU noch vor der offiziellen Gründung hofiert. Das erinnert ganz stark an das Vorgehen der Deutschen Bahn gegen die GDL im Jahre 2003, als das DB-Management die Konkurrenzgewerkschaft Transnet gezielt gefördert hat. Diese Ähnlichkeit ist kein Zufall, der juristische Stratege im Hintergrund ist im deutschen Transportsektor fast immer derselbe: Thomas Ubber von Allen & Overy. Er war schon 2001 gegen den GDL-Streik aktiv, den das Management durch frontale Angriffe gegen die Gewerkschaft auf ähnliche Weise vom Zaun brach, wie die jüngsten UFO-Streiks. Ubber war auch jetzt für Lufthansa im Einsatz, er vertritt zudem Fraport gegen die Gewerkschaft der Fluglotsen (GdF). Das strategische Ziel war jetzt wohl, der UFO in einer Schwächephase den Garaus zu machen. In der Hoffnung, die renitenteste spricht selbstbewussteste und konfliktfähigste Truppe loszuwerden. Skurrilerweise hat das frontale Vorgehen UFO aber genauso reanimiert wie das Union Busting seinerzeit die GDL aus einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf weckte. Die Rechnung ging nicht auf. Und das ist die erfreuliche Erkenntnis in dem ganzen Schlamassel.

AviationNetOnline: Wenn wir über handzahme Funktionäre und vom Management protegierte Gewerkschaften reden, dann sind wir auch sehr schnell bei Verdi, die von Lufthansa auch mit an den Tisch geholt wurde und die - aus anderen Bereichen kennen wir das - den Ruf haben, mitunter sehr arbeitgeberfreundliche Tarifverträge abzuschließen. Ist nicht eher ein Ziel von Lufthansa, UFO durch Verdi auszutauschen?

Elmar Wigand: Schwer zu sagen. Beim Ryanair-Streik hat Verdi 2018 eine wichtige Rolle gespielt und nach meiner Einschätzung auch eine gute Figur gemacht - vor allem durch eine europaweite Organisierungskampagne der Internationalen Transportarbeiter Föderation (ITF), zu der Verdi gehört. Der Ryanair-Streik konnte durch ein geradezu mustergültiges Zusammenwirken von Piloten- und Kabinengewerkschaften auf europäischer Ebene gewonnen werden. Andererseits haftet Verdi bei vielen Beschäftigen im Flugverkehr immer noch der Ruf an, dass sie über Aufsichtsräte und Betriebsratsfürsten eng mit dem Unternehmerlager verbunden, teils gar verfilzt sind und diese Strukturen die Gewerkschaft teilweise lähmen. Viele Beschäftigte am Frankfurter Flughafen schieben großen Frust. Aber Verdi ist ein großer Apparat und da erlaube ich mir kein abschließendes Urteil. Ich würde jedoch stark davon ausgehen, dass der Lufthansa, wenn sie die Wahl hätte, Verdi als Kabinengewerkschaft lieber wäre als UFO.

AviationNetOnline: Wer ist die größte Konkurrenz für UFO - eine Verdi oder eine Cabin Union?

Elmar Wigand: Da bin ich mir unsicher. In Frankreich oder Spanien ist es nicht ungewöhnlich, dass es in einer Branche oder gar in einem Unternehmen mehrere konkurrierende Gewerkschaften gibt. In Deutschland schon. Ich vermute deshalb, dass die CU Schwierigkeiten haben dürfte, sich mittelfristig zu etablieren, allein weil es für Deutschland eine Art Kulturbruch darstellt. Hier galt bislang das Prinzip "The Winner takes it all". Andererseits zersplittert ja auch das Parteiengefüge, vielleicht folgt ja auch die Gewerkschaftslandschaft? Dafür gibt es bislang aber wenig Anzeichen. Auf jeden Fall geht die Mehrheitsgewerkschaft bei Lufthansa (UFO) gestärkt aus dem jüngsten Konflikt hervor. UFO hat sich bewiesen. Wenn man als Flugbegleiter aber einen anderen Stil will, also eine Gewerkschaft mit einer gemäßigten Attitüde, dann gibt es immer noch Verdi. Die spannende Frage ist, welche Existenzberechtigung die CU hat bzw. welches Profil sie entwickelt und ob der "Markt" überhaupt groß genug ist, um in der Kabine eine dritte Gewerkschaft zu etablieren. Zumal alle drei demselben Schoß entspringen. UFO ist ja im Grunde eine Abspaltung der Verdi-Vorläufergewerkschaften DAG und ÖTV. Ursprünglich wurde UFO Anfang der 1990er als informelle berufliche Plattform beider Gewerkschaften gegründet, hat dann aber die große Verdi-Fusion 2001 verweigert und sich - ähnlich wie die Vereinigung Cockpit aus dem Schoß der ötv - zu einer eigenen Gewerkschaft gemausert. Daher resultiert im Übrigen die erbitterte Rivalität zu Verdi.

AviationNetOnline: Und wie beantworten Sie die Frage, ob der Markt noch eine Gewerkschaft braucht?

Elmar Wigand: Das vermag ich nicht abzuschätzen. Ganz nüchtern betrachtet, müsste Cabin Union entweder UFO oder Verdi Mitglieder abjagen oder bislang unorganisierte Beschäftigte erschließen - ob bei Lufthansa oder anderen Fluggesellschaften. Ganz sicher wird Verdi dem etwas entgegensetzen. Einen Grundstock an UFO-Dissidenten scheint es immerhin zu geben, aber ohne klares, eigenständiges Profil droht die Abspaltung, marginalisiert und langfristig aufgrund von Erfolglosigkeit zermürbt zu werden. Die andere Option wäre, zu einer Art gelben Hausgewerkschaft der Lufthansa zu werden, was allerdings wenig wünschenswert und möglicherweise auch strafrechtlich problematisch wäre, wenn wir etwa an das Schicksal der AUB bei Siemens denken. In der schwierigen Aufbau-Phase einer Gewerkschaft ist es nach meiner Einschätzung von entscheidender Bedeutung, mindestens einen guten Organizer zu haben, der die Leute mitreißen kann, ihnen Selbstbewusstsein vermittelt und gegenüber der Öffentlichkeit Profil entwickelt. Am Ende gilt es die wichtigste Frage nicht aus den Augen zu verlieren: Verbessern miteinander konkurrierende Gewerkschaften die Lage der Beschäftigten tatsächlich? Was kommt am Ende konkret dabei heraus?

AviationNetOnline: Herr Wigand, vielen Dank für das Gespräch.

Autor: Carlo Sporkmann
Redakteur
Carlo Sporkmann ist seit April 2019 als Autor für AviationNetOnline tätig. Der studierte Journalist berichtet für AviationNetOnline über den deutschen Luftverkehrsmarkt.

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