Lufthansa verlangt Selfie für die Auszahlung von Entschädigungen

Fluggastrechteportal Fairplane ortet zusätzliche Schikane.

Foto: Jan Gruber.

Dass viele Fluggesellschaften nahezu alle Facetten ziehen, um sich vor der Auszahlung von Ausgleichszahlungen nach EU-VO 261/2014 drücken zu können oder um diese zumindest möglichst lange verzögern zu können, ist allgemein bekannt. Das Fluggastrechte-Portal Fairplane berichtet nun von einer neuen Schikane der Lufthansa, die regelrecht der Eröffnung eines Bankkontos bei einer Direktbank gleicht.

Laut Fairplane verlangt der Kranich nun eine beidseitige Kopie des Reisepasses und zusätzlich ein Selfie des Passagiers, auf dem neben dem Gesicht auch der Pass oder Personalausweis deutlich zu sehen ist. Weiters besteht das Unternehmen darauf, dass auf dem Selfie die Nummer des Ausweisdokuments vom Kunden geschwärzt wird. Dennoch wäre es theoretisch mit dem doppelseitigen Scan des Passes und dem Selfie möglich bei vielen Direktbanken ein Girokonto im Namen des Reisenden zu eröffnen, denn zahlreiche Anbieter verwenden anstatt des Post-Ident- oder Video-Ident-Verfahrens das so genannte Foto-Ident-Verfahren.

Fairplane zitiert aus einem Anschreiben des Kundenservice der Lufthansa vom 19. Juni 2019: „Damit wir die Zahlung zu Händen des berechtigten Empfängers anweisen können, bitten wir Sie uns einen Nachweis der Anspruchsinhaberschaft in Form eines Fotos jedes Reisenden einzureichen, auf welchem dessen Gesicht neben seinem Ausweisdokument (mit geschwärzter Ausweisnummer) zu erkennen ist.“

Dazu hält Luftfahrtrechtsexperte Ronald Schmid fest: „Diese Vorgehensweise ist die reinste Schikane. Ich habe schon vieles bei Luftfahrtunternehmen erlebt, aber ein Foto des Passagiers mit seinem Pass in Händen, wo auch noch die Nummer geschwärzt ist, schlägt dem Fass den Boden aus. Auch halte ich es für bedenklich, diese Daten per E-Mail abzufragen. Wir von FairPlane sehen darin eine bewusste Verzögerung bei der Bearbeitung von Ausgleichsansprüchen und eine unnötige Hürde für Passagiere."

Fairplane-Geschäftsführer Andreas Sernetz fügt locker hinzu: „Hier hat wohl die Rechtsabteilung mit der Social Media Abteilung fusioniert“. Welchen Hintergrund diese Vorgehensweise der Lufthansa tatsächlich hat, wollte der Kranich nicht schlüssig und nachvollziehbar erklären, zumal andere Anbieter dieses komplizierte Verfahren eben nicht benötigen und in der EU-VO 261/2004 dieses auch absolut nicht vorgesehen ist.

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

    Special Visitors

    Vueling Airlines / EC-NAJ
    Lufthansa / D-AIHZ
    Rossiya Airlines / VQ-BAS
    Air China / B-2035
    Etihad Airways / A6-BLV
    TUI Airlines Belgium / OO-JAF
    easyJet Europe / OE-IVA

    Unsere Autoren

    Martin Metzenbauer

    Jan Gruber

    Michael Csoklich

    René Steuer

    Carlo Sporkmann