Luftfahrt und Umwelt: Wo bleibt die Rationalität?

Der Luftverkehr zwischen Flugscham und Umwelt-Ignoranz: Warum ein wenig mehr Vernunft gut tun würde. Ein Kommentar von Martin Metzenbauer.

Mit dem Flugzeug kommt man heutzutage fast überall hin - das Thema Klimaschutz sollte man dabei aber nicht außer acht lassen (Foto: Pixabay).

Es ist schon interessant zu beobachten, wie emotional Diskussionen zum Thema Klimaschutz geführt werden: Die einen bekommen schon Schnappatmung, wenn sie „Greta“, „Flygskam“ oder „Fridays for Future“ hören. Andere verfallen in düstere Endzeitstimmung - und stellen jeden, der nur irgendwo in seinem Leben mehr CO2 erzeugt als mit seiner Ausatemluft an den Pranger. Trumpeskes Ignorieren realer Gefahren versus kollektive Hysterie. Ein vernünftiges Dazwischen gibt es oft nicht.

Vernunft wäre aber wünschenswert - auch wenn es um das Thema Umwelt und Flugverkehr geht. Fakt ist natürlich: Flugzeuge sind Klimasünder, auch wenn ihr relativer Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegt. Tatsache ist aber auch, dass die Luftfahrtbranche schon im ureigensten Interesse vieles in Bewegung setzt, um den Treibstoffverbrauch und damit auch ihre CO2-Bilanz zu verbessern. So erzeugen Flugzeuge der neuesten Generation deutlich weniger Kohlendioxid als ältere Semester.

Rund 97 Prozent der CO2-Emissionen werden nicht von Flugzeugen verursacht (Foto: Pixabay).

Trotzdem sind Flugzeuge Klimasünder - aber muss man tatsächlich in „Flugscham“ verfallen und darf man Airbus, Boeing & Co. nur noch mit allerschlechtestem Gewissen benutzen? Diese Frage kann man nicht mit einem klaren „Ja“ oder „Nein“ beantworten - man muss sie differenzierter betrachten.

So sollte es wohl auf kurzen Strecken überhaupt keine Frage mehr sein, auf das eindeutig umweltfreundlichere Verkehrsmittel Bahn umzusteigen. Wer heute noch von Salzburg nach Wien mit dem Flugzeug unterwegs ist (auch wenn es sich „nur“ um einen Zubringer zu einem Transferflug handelt) - dem sollte vielleicht tatsächlich die Flugschamesröte ins Gesicht steigen. Gerade auf einer Strecke, auf der die Bahnverbindung exzellent ist - auch zum Flugdrehkreuz Wien. Warum Austrian Airlines beispielsweise diese Route noch immer im Repertoire hat, ist eigentlich nicht zu verstehen. Solche Ultrakurzstrecken sind aber vermutlich eher früher als später Auslaufmodelle.

Die Bahn ist schon jetzt auf kürzeren Strecken die bessere Alternative zum Flugzeug (Foto: Pixabay).

Weitaus schwieriger ist die Situation bei etwas längeren Routen - zumindest im mitteleuropäischen Raum. Die superschnellen Züge gibt es halt nur auf einzelnen Verbindungen - und auch mit der Verlässlichkeit und dem Reisekomfort ist es noch nicht überall und bei allen Bahngesellschaften ganz optimal bestellt. Von Wien nach Paris, von Zürich nach Madrid oder von München nach Warschau (um nur ein paar Beispiele zu nennen) gibt es derzeit keine echte Alternative zum Flugzeug - außer man bringt Muße und Zeit zum längeren Reisen mit. Und auf der Langstrecke gibt es ohnehin keine andere Option als das Fliegen. So beachtenswert Greta Thunbergs klimaneutrale Reise über den Atlantik war - für den Geschäftsreisenden oder Urlauber wird eine knackige Fahrt mit dem spartanisch ausgestatteten Segelboot wohl ebenfalls keine Alternative sein.

Was man auf jeden Fall tun sollte, ist - erstens - zu überlegen, welches Verkehrsmittel man vernünftigerweise nutzen sollte. Und dabei geht es nicht nur um die Entscheidung Bahn versus Flugzeug sondern beispielsweise auch Auto versus Fahrrad oder Bus - dass der motorisierte Individualverkehr ein deutlich größerer Klimasünder als die Luftfahrt ist, ist ja schließlich auch kein echtes Geheimnis. Und man sollte auch einmal darüber nachdenken, ob zehn Wochenendtrips pro Jahr in irgendwelche europäischen Städte mittels Billigticket wirklich so grandios notwendig sind - oder ob gelegentliche Reisen mit der Bahn im Umland nicht doch auch eine Überlegung wert sind.

"Now Everyone Can Fly" - dank günstigerer Tickets ist die Luftfahrt in den letzten Jahrzehnten "demokratischer" geworden (Foto: Pixabay).

Und zweitens: Man sollte seine Flüge grundsätzlich CO2-kompensieren. Diese Möglichkeit wird erschreckend selten angenommen (rund ein Prozent aller Flüge in Europa!) obwohl sie weder besonders teuer noch kompliziert ist. Bei innereuropäischen Flügen handelt es sich via Climate Austria oder Atmosfair oft nur um einstellige Euro-Beträge. Übrigens wäre es doch angesichts der Klima- und CO2-Steuer-Diskussionen auch auf EU-Ebene eine Überlegung wert, Airlines dazu zu verpflichten, im Rahmen des Buchungsprozesses eine CO2-Kompensation anzubieten.

Was man aber trotz der (immens wichtigen!) Umweltdebatte auch auf keinen Fall vergessen darf, sind die in mehrerer Hinsicht wichtigen positiven Effekte des Luftverkehrs. So sind laut IATA beispielsweise in Österreich fast 95.000 Jobs von der Luftfahrtbranche direkt oder indirekt abhängig - und das ist eine ganze Menge für ein Acht-Millionen-Einwohner-Land. Bequem und mittlerweile relativ preisgünstig (auch ohne Billigstangebote) von A nach B zu gelangen, hat ebenfalls viele Auswirkungen im guten Sinne - angefangen davon, andere Kulturen kennenzulernen, über geschäftliche Beziehungen, die dank der großen Aviation-Landkarte einfacher gepflegt werden können, bis hin zu Friends und Families, die sich öfter sehen können. Will man das (wieder) missen müssen - wie noch vor wenigen Jahrzehnten? Wohl nicht.

Flugzeuge lassen die Welt zusammenrücken: Dank der weltweiten Flugverbindungen ist es heute so unkompliziert wie noch nie, andere Kulturen zu besuchen, kennen und verstehen zu lernen (Foto: Pixabay).

Fassen wir zusammen: Flugzeuge machen Dreck - allerdings relativ gesehen viel weniger als andere Klimasünder. Die Branche tut trotzdem im eigenen Interesse vieles dafür, die Klimabilanz weiter zu verbessern - man denke an die ambitionierten CORSIA-Ziele. Anachronistisch scheint es jedenfalls, die Umweltproblematik der Luftfahrt zu ignorieren und beispielsweise Kurzstreckenflüge - zu denen es gute Alternativen gibt - als Passagier zu buchen (und als Airline überhaupt anzubieten). Bei allen berechtigten Umweltgedanken und -bedenken soll man aber nicht die vielen positiven Aspekte der Fliegerei übersehen. Und wie eingangs erwähnt: Weniger Emotionalität ist in diesem Zusammenhang gefragt - dann kann man das Thema Fliegen mit der notwendigen Rationalität betrachten.

Autor: Martin Metzenbauer
Herausgeber und Chefredakteur
Martin gründete 2004 aufgrund seines starken Luftfahrtinteresses Aviation Net. Er liebt das Fliegen und Reisen– und schreibt darüber natürlich auch gerne.

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