Laudamotions Mixed Emotions

In der letzten Woche sind die Emotionen so richtig hochgekocht: Nachdem die Gewerkschaft Vida den neuen Kollektivvertrag (KV) von Lauda nicht anerkennen wollte, gab es Protestaktionen der Belegschaft und erneute - bislang erfolglose - Verhandlungen. Die Situation ist in der Tat vertrackt - und das Vorgehen der Beteiligten komplett anders, als man es sonst von KV-Verhandlungen kennt. Dieser Bericht versucht, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

Foto: Thomas Ramgraber

Normalerweise sitzen Vertreter der Arbeitnehmer - das ist normalerweise der Österreichische Gewerkschaftsbund bzw. eine der Teilgewerkschaften - und solche der Arbeitgeber - beispielsweise eine Kammer - zusammen und verhandeln einen neuen KV aus. Bei Lauda ist es allerdings so, dass Beleg- und Gewerkschaft (die ja den Entwurf bekanntermaßen nicht absegnen will) offenbar gegeneinander arbeiten. Und die Wirtschaftskammer Österreich (WKO) auf der anderen Seite scheint in diesem Fall die eigentlichen Interessen der Belegschaft (und natürlich jene des Arbeitgebers!) zu vertreten. Eine fast schon absurde Situation.

Verhandlung ohne Betroffene
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass keine Vertreter der Lauda-Belegschaft bei der letzten, gescheiterten Verhandlungsrunde vorige Woche vorgesehen waren. Die zwei Lauda-Kapitäne Claudia Harold-Blum und Thomas Gurgiser konnten nur aufgrund einer Intervention der WKO teilnehmen. Aufgrund der weithin bekannten Querelen um die Rechtmäßigkeit des Betriebsrats ist dieser als Vertreter schon von vornhinein ausgeschieden. „Aufgrund der immer wiederkehrenden Vorwürfe der Geschäftsführung gegen uns wollten wir die Verhandlungen zum Wohle der Mitarbeiter nicht gefährden und haben der Gewerkschaft vorgeschlagen, die Verhandlungen ohne uns zu führen. Wir waren vor und nach den Verhandlungen in hundertprozentiger Absprache“, so die (von der Lauda-Geschäftsführung nicht anerkannte) Betriebsrätin Kerstin Hager gegenüber AviationNetOnline.

Wie auch immer: Letzte Woche wurde von Lauda-Seite den Verhandlern ein adaptierter Entwurf des KV vorgelegt. Eine der wesentlichen Änderungen war dabei, dass die Airline eine Art „Mindestlohn“ von 19.200 Euro brutto pro Jahr für Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter angeboten hat. Die Differenz zwischen dem eigentlichen Gehalt und dieser Summe würde im Nachhinein ausgezahlt werden, wenn das Einkommen samt der diversen Zulagen und Kommissionen über den Bordverkauf unterhalb dieser Grenze zu liegen kommt. Lauda rechnet aber auch vor, dass ein Junior Flight Attendant mit 850 Blockstunden pro Jahr auf einen deutlich höheren Betrag von 24.450 Euro kommen würde. Unter dem Strich kommen dabei beim laufenden Gehalt rund 1.870 Euro brutto plus ein Freibetrag von 360 Euro bzw. etwa 1.515 Euro netto heraus - dazu gesellen sich noch ein 13. und 14. Monatsgehalt von rund 850 und 800 Euro. On top kann man sich noch etwa 1.170 Euro brutto für 38 Urlaubstage freuen.

Leben in Würde
Warum ist nun die Gewerkschaft gegen diesen Vorschlag? „Bei den FlugbegleiterInnen sieht die Gewerkschaft Vida erst ab einem Grundgehalt mit 1.600 Euro brutto 14mal im Jahr ein Leben in Würde gegeben. Angesichts der Arbeitsbelastung (Schichtdienst), der Gesundheitsbelastung (Strahlung) und der Verantwortung (sicherheitsrelevante Aufgaben) ist das angemessen“, erklärt Vida-Sprecher Hansjörg Miethling gegenüber AviationNetOnline und verweist auf 1.540 Euro pro Monat, die für eine Hilfskraft im Servicepersonal in der Gastronomie gilt. Vida fordert ja aus schon seit längerem einen Branchen-KV mit einheitlichen Spielregeln.

Was dem Gewerkschafter ebenfalls sauer aufstößt ist die Tatsache, dass das von Lauda zuletzt vorgebrachte Einstiegs-Jahreseinkommen von 19.200 Euro brutto im Jahr für angehende Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter nur ein monatliches Fixum von 1.000 Euro garantiert. „Der Rest bleiben variable und leistungsabhängige Gehaltsbestandteile“, so Miethling. Gerade in der momentanen Situation sieht Vida hier ein potentiell schwerwiegendes Problem: „Kann eine Flugbegleiterin beispielsweise aufgrund der aktuellen Pandemie über einen längeren Zeitraum nur wenige Flugstunden absolvieren, dann soll sie den Differenzbetrag von 1.000 auf 1.600 Euro erst im darauffolgenden Kalenderjahr ‚nachbezahlt‘ bekommen. Das unternehmerische Risiko wird daher von Laudamotion auf die Beschäftigten ausgelagert. Laufende Kosten fürs Wohnen, Auto, Versicherungen, einen Kredit oder für die Versorgung von Kindern fallen aber monatlich an, und können nicht erst ein Jahr später von einem Arbeitnehmer nachgezahlt werden“, kritisiert Miethling den aktuellen Vertragsentwurf.

Foto: Thomas Ramgraber

Dem entgegnet allerdings Lauda-Kapitän Thomas Gurgiser: „Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Flugbegleiterin oder ein Flugbegleiter wirklich das ganze Jahr nichts fliegt, ist unwahrscheinlich - um nicht zu sagen: Nie dagewesen! Die Vida hat auf der Tafel 1.600 Euro brutto gefordert, um ein Gehalt über der Armutsschwelle (wie immer in den Medien transportiert) zu erreichen, die Firma hat dies gewährleistet“, so Gurgiser gegenüber AviationNetOnline.

Neben dem pekuniären Teil stößt sich die Vida noch an anderen Themen aus den Lauda-Verhandlungen: So gebe es „eine gewisse Schieflage, was das Tragen der Krisenkosten betrifft. Co-Piloten sollen überproportional viel zur Krise in Relation zu Flugkapitänen beitragen. Da hätten wir eine kostenneutrale Umschichtung vorgeschlagen (500 Euro)“, so Miethling. „Daneben haben wir bei den Verhandlungen festgehalten, dass es nicht möglich ist, mittels Kollektivvertrag Ausnahmen im Urlaubsgesetz zu bekommen und auch die Absetzung eines Betriebsrates (das wurde vom Unternehmen explizit schriftlich verlangt) kann nicht zur Bedingung gemacht werden“, erklärt der Gewerkschafter.

Zur Vida-Kritik an der „Schieflage“ der Co-Piloten-Gehälter erklärt Lauda-Captain Gurgiser: „Ganz kurz beantwortet: Kapitäne verlieren am meisten. Das was vorgeschlagen war, war auch nicht kostenneutral und für Kapitäne auch aufgrund der vorherigen Kürzungen, die von ihnen bereits mitgetragen werden, nicht schulterbar. Co-Piloten steigen bereits nach dem ersten Jahr in der Gehaltstabelle und werden bei uns innerhalb von ein paar Jahren Kapitäne - im Unterschied zur AUA.“ Die Absetzung des Betriebsrates sei laut Gurgiser „nie ein Thema“ gewesen: „Es wurde der Vida sogar angeboten, dass das im Vertrag noch extra vermerkt wird“, so der Lauda-Kapitän.

Verschwörungstheorien
Interessant ist die Tatsache, dass bei der KV-Verhandlung auch Vertreter der Konkurrenzunternehmen Austrian Airlines und Level dabei waren. Dies sei „eine übliche Konstellation des Vida-Teams“ gewesen, so Vida-Sprecher Miethling. „Grundsätzlich ist es auf Gewerkschafts- wie auch auf WKO-Seite so, dass Verhandlungsdelegationen sich aus gewählten Vertretern diverser Sozialpartnergremien zusammensetzen. Somit ist es auf Arbeitgeber- wie auch auf Arbeitnehmerseite üblich, dass einzelne Delegationsteilnehmer aus verschiedenen Unternehmen kommen. Das macht man bewusst so, damit nicht ausschließlich Angestellte von Wirtschaftskammer und Gewerkschaft verhandeln, sondern dass auch Kolleginnen und Kollegen praktische Erfahrung aus den jeweiligen Branchen mit in die Verhandlungen einbringen können. Alle anderen Interpretationen dieser üblichen sozialpartnerschaftlichen Gepflogenheit sind in den Bereich der Verschwörungstheorien zu verweisen“, erklärt der Vida-Sprecher.

Verwundert zeigt sich Miethling auch über die Kommunikation mit den Verhandlungspartnern nach Abschluss der Gespräche: „Auf unsere Vorschläge zum neuen KV haben wir bis dato keine Antwort von WKÖ und Unternehmen bekommen, sondern nur über die Medien von dem Verhandlungsabbruch erfahren. Nichtsdestotrotz sind wir jederzeit zu einer Fortsetzung der Verhandlungen bereit.“

Dass es dazu kommen wird, ist nicht unwahrscheinlich - obwohl ja Lauda-Flugzeuge vor kurzem bereits aus Wien ausgeflogen worden sind. Tatsache ist jedenfalls, dass es in den letzten Jahren wohl kaum eine solch verquere Verhandlungssituation gegeben hat, in der die Gewerkschafter offenbar etwas anderes wollen als diejenigen die sie vertreten. Und bei der die Angestellten in einer Linie mit ihrem (bezüglich der Sozialgebarung nicht unumstrittenen) Arbeitgeber auftreten und sehr ähnliche Interessen vertreten.

Hände reichen
Die für den heutigen Dienstag geplante Demonstration soll jedenfalls ein Zeichen für einen Neustart der Verhandlungen geben: „Mit dieser Demo reichen wir den Verhandlern Vida und WKO unsere Hände. Nehmt sie und kämpft für das, wofür wir heute auf der Straße stehen: Für einen KV in der schwierigsten Situation nach 1945, in der alle einen Beitrag dafür leisten müssen, damit wir wieder ‚abheben können‘“, appelliert Thomas Gurgiser. „Wenn unsere Vertreter der Vida diesen KV mit der größten Airline-Gruppe Mitteleuropas abschließt, behält sie den Einfluss und behält eine große Anzahl von Vida-Mitgliedern, die ansonst durch Mitarbeiter ohne KV, ohne Steuern und Sozialabgaben in Österreich und ohne jeglichen Einfluss der Vida ersetzt werden“, befürchtet der Lauda-Kapitän.

Welches Bild bekommt man also von der ganzen Situation? Welche der „Parteien" hat recht? Diese Fragen zu beantworten, ist schwierig. Verständnis kann man grundsätzlich für alle Beteiligten haben: Auf der einen Seite die Gewerkschaft, die Lohn- und Sozialdumping vermeiden möchte. Auf der anderen Seite aber auch die Lauda-Mitarbeiter, die gerade in der aktuellen Corona-Situation kaum Hoffnung haben, anderswo in ihrem Beruf unterzukommen. Und gerade bei den Pilotinnen und Piloten kann das nicht zuletzt aufgrund der hohen Ausbildungskosten durchaus existenzbedrohend sein.

Autor: Martin Metzenbauer
Herausgeber und Chefredakteur
Martin gründete 2004 aufgrund seines starken Luftfahrtinteresses Aviation Net. Er liebt das Fliegen und Reisen– und schreibt darüber natürlich auch gerne.

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