Konzerndoktrin gebrochen: LGW flog lange ohne IOSA-Audit für Eurowings

Lufthansa ist über eine Tochtergesellschaft weltweit führender IOSA-Auditor, hält aber das CARA-Audit in Einzelfällen offenbar geeigneter.

DHC Dash 8-400 (Foto: www.AirTeamImages.com).

Lufthansa betont in regelmäßigen Abständen das hohe Sicherheitsniveau der Firmengruppe und streicht auch immer wieder heraus, dass keine Fluggesellschaft ohne IOSA-Audit für irgendeinen Carrier des Konzerns fliegen dürfe. Das hält das Unternehmen nicht nur in diversen Wetlease-Ausschreibungen fest, sondern dies wurde unter anderem gegenüber AviationNetOnline wiederholt betont. Allerdings nahm es der Kranich mit dieser Doktrin ausgerechnet im eigenen Konzern bei der Tochtergesellschaft Eurowings nicht ganz so genau.

Die Luftfahrtgesellschaft Walter mbH wurde im Wirbel der Air-Berlin-Pleite für etwa 18 Millionen Euro von der Lufthansa Commercial Holding GmbH übernommen und flog ab diesem Zeitpunkt mit DHC Dash 8-400 und zeitweise auch mit Airbus-Jets ausschließlich im Auftrag der Kranich-Billigtochter. Doch: Ein IOSA-Zertifikat hatte LGW bis vor wenigen Tagen gar nicht - dieses wurde obendrein erst unter der Eigentümerschaft der Zeitfracht-Gruppe erlangt.

Grundsätzlich ist es nicht notwendig, über ein IOSA zu verfügen, um kommerzielle Passagierflüge durchführen zu dürfen. Dieses freiwillige Audit ist allerdings ein wichtiger Branchenstandard. Lufthansa war nicht nur einer der Pioniere bei dessen Etablierung, sondern ist mit der Tochtergesellschaft AQS auch eine der weltweit ganz wenigen Institutionen, die von der IATA zur Durchführung dieser Audits und zur Erteilung der Zertifikate befugt ist. Dem nicht genug: AQS war im Jahr 2003 sogar die weltweit erste Organisation, die diese Befugnis erteilt bekommen hat. Kurz gesagt: Kein anderer Luftfahrtkonzern hat mehr Erfahrung mit IOSA-Audits als die Lufthansa Group und die Arbeit der AQS ist weltweit gefragt und hoch angesehen.

Lufthansa ist über Tochter AQS führender Anbieter für IOSA-Zertifizierungen

Für die Kranich-Gruppe wäre es also eine Kleinigkeit gewesen, die damalige Tochtergesellschaft LGW dem IOSA-Audit über AQS zu unterziehen. Lufthansa verzichtete allerdings darauf und brach damit mit einer Konzerndoktrin. Doch nicht nur bei LGW sah der Kranich im Bereich der Tochter Eurowings von diesem Branchenstandard ab, sondern auch bei anderen Wetleases. So verfügt der britische Anbieter Air Tanker, der wiederholt auf Eurowings-Langstreckenverbindungen zum Einsatz kam, ebenfalls über kein IOSA.

Ein Sprecher der Deutschen Lufthansa AG bestätigte gegenüber AviationNetOnline schriftlich: „Grundsätzlich ist ein IOSA-Audit Voraussetzung für Longterm-Wetlease“. Allerdings würde man „in seltenen Fällen“ von dieser Praxis abweichen „falls noch kein IOSA-Audit vorliegt“.

Lufthansa hält CARA für geeigneter als IOSA 

Weiters hat das Unternehmen schriftlich festgehalten, dass man in diesen „seltenen Fällen“ ein „abweichendes Verfahren“ anwenden würde: „Dies betraf Fluggesellschaften innerhalb der Lufthansa Group (LGW, aber auch Eurowings Europe im Aufbau), als Wetleasepartner.“ Das fehlende IOSA habe man im Fall der Luftfahrtgesellschaft Walter dadurch kompensiert, dass man „ein zusätzliches internes Audit mit internen IOSA-Auditoren“ vorgenommen habe. 

Eventuelle Risiken im Zusammenhang mit der fehlenden IOSA-Auditierung habe man beispielsweise bei LGW so ausgeschlossen: „Hinzu kommen angepasste Risikobewertungen. Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen IOSA Audit (Fokussierung auf Compliance und Dokumentation) und unserem ergänzenden CARA (Common Airline Risk Assessment), welches sich nur auf die Risiken fokussiert. Für die Sicherstellung eines Sicherheitsstandards ist CARA deutlich besser geeignet als IOSA.“ 

IOSA – ein weltweit anerkannter, aber freiwilliger Branchenstandard

Das so genannte IATA Operational Safety Audit (IOSA) ist ein international hoch angesehenes und anerkanntes Bewertungssystem zur Beurteilung der Betriebsführungs- und Kontrollsysteme einer Fluggesellschaft. Dabei steht im Fokus, dass die Audits einheitlich durchgeführt werden und somit die gleichen Qualitäts- und Sicherheitsstands für alle Programmteilnehmer gelten.

Der Vorteil für Fluggesellschaften ist, dass gegenseitige Auditierungen bei Kooperationen, beispielsweise im Bereich von Allianzen, erheblich vereinfacht werden. Die IATA führt die Audits nicht selbst durch, sondern akkreditiert dafür verschiedene Organisationen - wie eben Lufthansa mit der Tochtergesellschaft AQS.

Das Zertifikat hält allerdings nicht für die Ewigkeit: Die Audits müssen im Abstand von maximal zwei Jahren wiederholt werden. Bei positiver Entscheidung durch die Prüfer verbleibt die jeweilige Airline im so genannten IOSA-Register. Das Programm wurde von der IATA in enger Zusammenarbeit mit den Luftfahrtbehörden der USA, von Kanada, Australien und dem EASA-Vorläufer JAA entwickelt. Da die Branche äußerst dynamisch ist, haben sich die Bewertungskriterien bereits mehrfach verändert. Die Schirmherrschaft über das Programm trägt die IATA, wobei zur Erlangung eines IOSA gar keine Mitgliedschaft zwingend notwendig ist. Zusammengefasst: Das IOSA ist ein branchenweit wichtiger Standard, über den indirekt auch die Einhaltung besonders hoher Sicherheitsstandards – und die Überwachung dessen – definiert wird. Um kommerzielle Luftfahrtdienstleistungen anbieten zu dürfen ist dieses allerdings nicht zwingend erforderlich.

In Österreich verfügen die nachstehenden Fluggesellschaften über ein gültiges IOSA:

·          Austrian Airlines AG

·          Eurowings Europe GmbH

·          Altenrhein Luftfahrt GmbH (“Peoples”)

Die Anbieter Easyjet Europe Airline GmbH, Anisec Luftfahrt GmbH („Level“) und Laudamotion GmbH („Lauda“) verfügen über kein IOSA.

In Deutschland können die nachstehenden Airlines ein gültiges IOSA vorweisen:

·          Condor Flugdienst GmbH

·          Deutsche Lufthansa AG

·          European Air Transport Leipzig GmbH

·          Eurowings GmbH

·          Hahn Air Lines GmbH

·          Luftfahrtgesellschaft Walter mbH

·          Lufthansa Cargo AG

·          Lufthansa CityLine GmbH

·          SunExpress Deutschland GmbH

·          Tuifly GmbH

·          WDL Aviation GmbH & Co KG

In der Schweiz können die nachstehenden Fluggesellschaften ein gültiges IOSA vorweisen:

·          Edelweiss Air AG

·          Germania Flug AG („Chair“)

·          Helvetic Airways AG

·          Swiss International Air Lines AG

Beispielsweise die Billigfluggesellschaft Easyjet Switzerland AG hat kein gültiges IOSA.

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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