Kommentar: Ohne Hilfe der Staaten droht eine Pleitewelle

AUA hält weiteren Unterstützungsbedarf bereits für absehbar.

Flughafen Wien-Schwechat (Foto: Martin Metzenbauer).

Weltweit mussten enorm viele Fluggesellschaften ihren regulären Flugbetrieb aufgrund der Corona-Pandemie temporär einstellen. Mangels nennenswerter Neubuchungen haben die Carrier derzeit auch kaum Einnahmen und gleichzeitig verursachen die sich am Boden befindlichen Flotten beachtliche Kosten und das jeden Tag. Austrian Airlines deutete in einem Statement bereits an, dass man derzeit davon ausgeht, dass die Kurzarbeit, in der sich die gesamte Belegschaft befindet, nicht ausreichen wird.

Die Lufthansa-Tochter wird weder in Österreich, noch in der Europäischen Union das einzige Luftfahrtunternehmen sein, das möglicherweise auf staatliche Unterstützung angewiesen sein wird. Zwar haben viele Konzerne, darunter beispielsweise die IAG, die Lufthansa Group und die Ryanair Group, milliardenschwere Finanzrücklagen, doch je länger das Grounding andauert, desto enger wird die finanzielle Lage. In den meisten EU-Staaten wird sehr offen über verschiedene Möglichkeiten der staatlichen Unterstützung für die Carrier gesprochen. Dabei stehen Möglichkeiten von Haftungen für Kredite, über staatliche Darlehen oder Zuschüsse bis hin zur teilweisen oder gar vollständigen Verstaatlichung im Raum. Zumindest in Österreich wurde allerdings noch nichts fix entschieden.

AUA geht davon aus, dass es mehr als Kurzarbeit brauchen wird

Eine Austrian-Airlines-Sprecherin sagte: „Wie Sie wissen, befindet sich das Personal von Austrian Airlines gesamthaft in Kurzarbeit, um Kosten zu sparen und den langsamen Neustart nach der Lockerung der weltweiten Reisebeschränkungen zu planen. Kurzarbeit ist auch eine Form von Staatshilfe, da die Mehrheit der Personalkosten vom AMS übernommen werden. Es ist jedoch bereits absehbar, dass auch weitere Maßnahmen nötig sein werden, wie bei fast jeder Fluggesellschaft auf dieser Welt. Der Umfang ist abhängig von der Dauer der Krise. Wir begrüßen es daher ausdrücklich, dass die Bundesregierung ein umfangreiches Hilfspaket auf den Weg gebracht hat bzw. noch auf den Weg bringen wird.“

Die österreichischen Mitbewerber Lauda und Level Europe sowie die AUA-Konzernschwester Eurowings Europe sprechen noch nicht so offen wie Austrian Airlines darüber, dass es absehbar ist, dass weitere Maßnahmen seitens der Bundesregierung erforderlich sein werden. Allerdings machte Lauda-Geschäftsführer David O’Brien vergangene Woche im Gespräch mit AviationNetOnline auch keinen Hehl daraus, dass die gesamte Airline-Branche – das von ihm geleitete Unternehmen eingeschlossen – derzeit ein sehr großes Problem hat. Flugtickets sind momentan so ganz und gar nicht gefragt, so dass die Fluglinien kein nennenswertes Einkommen generieren können. Dem gegenüber stehen allerdings laufende Kosten für die Instandhaltung und das Parken der Flugzeuge, Leasing- und/oder Kreditraten (falls zutreffend) sowie Personalkosten. Dauert die Corona-Krise noch viele Monate an, so könnte dies auch milliardenschwere Konzerne finanziell in die Knie zwingen. Daher ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass sich beispielsweise Manager von Lufthansa, Austrian Airlines und vieler anderer Fluggesellschaften schon damit befassen, ob und in welcher Form es für den Fall des Falles Hilfe vom jeweiligen Staat geben kann. Würde man diesen Schritt unterlassen, so würden die Carrier schon sehr bald regelrecht wie Dominosteine pleitegehen.

Flugzeuge haben momentan nur einen theoretischen Verkaufswert

Die Ryanair Group bezifferte die flüssigen Finanzmittel mit Stand 31. März 2020 am Freitag mit 3,8 Milliarden Euro. Weiters befinden sich 327 Flugzeuge im direkten Eigentum des Konzerns und sind laut Börsenerklärung unbelastet und schuldenfrei. Dabei handelt es sich um 77 Prozent aller Maschinen des Typs Boeing 737-800. Der Rest ist finanziert oder geleast. Die Airbus-Flotte, die von der Tochter Lauda betrieben wird, ist vollständig geleast.

Grundsätzlich sind Luftfahrtunternehmen, die über möglichst viele Maschinen im unbelasteten Eigentum verfügen besser aufgestellt. Theoretisch wäre es sowohl Austrian Airlines als auch Ryanair möglich einige Flugzeuge durch Verkäufe zu Geld zu machen und damit die Liquidität des jeweiligen Unternehmens zu verbessern. Die Problematik liegt allerdings darin, dass Verkehrsflugzeuge zwar einen hohen Wert haben, jedoch aufgrund der Corona-Pandemie ist dieser nur noch symbolisch, denn kaum eine Airline bzw. ein Leasinggeber ist genau jetzt am Zukauf weiterer Flugzeuge interessiert. Sprichwörtlich hat man schon genug mit den bestehenden Maschinen am Hals. Auch ist davon auszugehen, dass das Wiederanlaufen des internationalen Flugverkehrs nicht über Nacht geschehen wird, sondern ein Prozess sein wird, der sich sehr lange hinziehen kann. Vielleicht wird es sogar einige Jahre dauern bis das „Vor-Corona-Angebot“ am Flughafen Wien wiederhergestellt ist. Dafür benötigt man zumindest temporär weniger Flugzeuge. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Leasingfirmen und Airlines mit den Herstellern intensiv über spätere Auslieferungen verhandeln oder aber ihre Bestellungen gleich ganz stornieren. Avolon strich beispielsweise eine aus 75 Einheiten bestehende 737-Max-Order und bei Easyjet übt der Firmengründer massiven Druck auf das Management aus, dass dieses die Airbus-Bestellung stornieren soll. Der langen Rede kurzer Sinn: Sofern sich überhaupt ein Käufer für Fluggerät findet, so könnte dies nur sehr weit unter dem Wert verkauft werden, was dann zwangsläufig zu Haftungsfragen für das Management führen könnte, insbesondere dann, wenn der jeweilige Konzern börsennotiert ist.

Unabhängig darauf welches Logo auf dem Leitwerk lackiert ist, alle Carrier müssen derzeit einen ganzen Stoß von Plänen in der Schublade haben. Mit einem Plan B ist es nicht getan, denn es ist überhaupt nicht absehbar wie sich die Krise weiterentwickelt und erst recht nicht wie sich die Kunden verhalten werden. Je länger es dauert, desto schwieriger wird es für die Konzerne, denn unabhängig von Einreiserestriktionen kommt der simple Faktor Kunde dazu: Wollen die Kunden nach dem Anheben der „Käseglocken“ in diesem oder nächstem Jahr überhaupt beispielsweise nach Spanien, Italien oder umgekehrt nach Österreich fliegen? Werden Firmen die nun praktizierten Video- und Telefonkonferenzen noch umfangreicher einsetzen und klassische Geschäftsreisen nur noch dann antreten, wenn es besonders wichtig ist? Dies hat massiven Einfluss auf die Nachfrage und ist nur sehr schwer bis gar nicht prognostizierbar. Somit ist keinesfalls auszuschließen, dass der eine oder andere Carrier auch in der Anlaufphase „nach Corona“ erhebliche Finanzhilfen brauchen wird, um die brachliegenden Strecken neu entwickeln zu können. Irgendwelche konkreten Aussagen kann momentan niemand machen. 

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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