Kommentar: Leere Terminals wirken surreal

Eine Momentaufnahme während der Corona-Krise.

Terminal 1A am Flughafen Wien (Foto: Thomas Ramgraber).

Noch vor wenigen Wochen kam es am Flughafen Wien-Schwechat während der “Wellen” punktuell zu längeren Wartezeiten bei der Bordkartenkontrolle, beim Sicherheitscheck oder gar vor den Toiletten. Regelrecht surreal wirken diese Erinnerungen, wenn man dieser Tage ab dem gleichen Airport vereist, denn gähnende Leere prägt das Bild der Terminals.

Auf dem Weg von der Bordkartenkontrolle zum Gate spricht ein Blick in die zahlreichen Geschäfte am Wiener Flughafen mehr als tausend Worte, denn die Verkäufer, die sonst einen Kunden nach dem anderen bedienen müssen, stehen oder sitzen allein in ihrem Shop und hoffen offensichtlich darauf, dass sich nun doch ein Fluggast regelrecht in ihren Laden “verirren” könnte. 

Doch noch surrealer wirkt der Gang zur Sicherheitskontrolle. Noch vor wenigen Wochen tummelten sich hier dermaßen viele Menschen, dass es selbst bei der Fastlane, sofern vorhanden, zu Wartezeiten gekommen ist. Am Mittwoch hingegen entstand schon fast das Gefühl, dass für jeden Fluggast ein eigener Sicherheitsmitarbeiter des Airports abgestellt wurde, denn der Flughafen bereitete sich aufgrund der Vielzahl der Flüge, die ab diesem Bereich geplant waren, natürlich auf den üblichen Ansturm vor. Doch dieser blieb aus, so dass man die Qual der Wahl hatte, denn an allen sechs geöffneten Kontrolllinien wartete noch kein anderer Fluggast. Selbstredend hat dann der obligatorische Sicherheitscheck ein bisschen exklusives Feeling, denn das Personal war sehr offensichtlich sehr erfreut, dass die Frage gestellt wurde wie man sich eigentlich als Flughafenmitarbeiter in der momentanen Situation so fühlt.

Nun, die Antworten waren wenig überraschend. Sowohl die potentielle Ansteckungsgefahr bezüglich des Coronavirus als auch natürlich im Hinblick darauf wie wenige Fluggäste überhaupt noch kontrolliert werden müssen, beschäftigten die Mitarbeiter. Wenn auch von niemandem ausgesprochen, aber innerlich stellt sich vielen offensichtlich die Frage: “Braucht mich der Airport noch, wenn das so weiter geht?” Und umgekehrt muss sich der Vorstand des Airports die Frage stellen: “Wenn die Airlines kürzen und alles lange anhält, kann ich mir das Personal, das immer weniger Arbeit hat, noch leisten?”. Weniger Verkehr mit weniger Fluggästen bedeuten eben weniger Einnahmen. Sowohl für den Flughafen, als auch die Bodenverkehrsdienstleister, Restaurants und Geschäfte. Für die Airlines sowieso, jedoch kürzen diese massiv, wenn die Nachfrage nicht mehr passt und genau das löst eben aus, dass auch Arbeitsplätze “rund um das Fliegen” durchaus in Gefahr sind. Noch ist die Stimmung bei allen optimistisch, dass der “Corona-Spuk” bald vorbei ist, aber jede Hiobsbotschaft dämpft die Erwartungen.

Lounges sind zu Stoßzeiten in der Regel ebenfalls sehr gut besucht. Doch momentan sind diese so schlecht ausgelastet, dass man mit den wenigen Besuchern durchaus eine gemütliche Runde Karten hätte spielen können. Doch was beschäftigt die Vielflieger in diesen Tagen? Nun, wohl primär die Frage, ob der Rückflug überhaupt durchgeführt wird und ob man überhaupt noch in näherer Zukunft eine Dienstreise antreten kann, denn enorm viele Termine werden aufgrund der Corona-Angst kurzfristig abgesagt. Manche Firmen haben gar Reiseverbote für ihre Belegschaft ausgesprochen oder im Extremfall die Beschäftigten sogar dazu aufgerufen das Stadtgebiet von Wien nicht zu verlassen. Und dann kam doch auch die schon fast absurd wirkende Frage: “Kann ich in das Zielland überhaupt noch einreisen ohne in Quarantäne gehen zu müssen oder sperrt mich Österreich dann zu Hause in Quarantäne?” Genau dieser Gedanke eines Vielfliegers wäre in normalen Zeiten aber nun wirklich absurd, doch in den letzten Tagen entwickelt sich dies zum traurigen Alltag, denn immer mehr Länder schotten sich regelrecht ab. Zuletzt sogar die Vereinigten Staaten von Amerika. Doch die Hoffnung unter den Vielfliegern ist, dass bald wieder Normalität herrscht.

Oftmals sind Sitzplätze an den Gates Mangelware, doch am Mittwoch warteten eher die Sessel auf potentielle Nutzer. An den meisten Flugsteigen fanden sich deutlich weniger Reisende als sonst üblich ein, doch eine einzige Ausnahme gab es in dieser Zeitenlage: Ein Lauda-Flug, der fast komplett ausgebucht war und so ziemlich alle Passagiere erschienen sind. Nur ganz wenige einzelne Sitze blieben frei und an Bord dominierte unter den Reisenden natürlich das Corona-Virus die Gespräche. Soll man jetzt noch reisen oder ist alles einfach nur übertrieben? Ein Student erzählte, dass er aufgrund der geschlossenen Universitäten jetzt erstmal nach Hause fliegt und dort im wahrsten Sinne des Wortes auf bessere Zeiten wartet.

Während am Wiener Flughafen kein einziger Passagier oder Mitarbeiter mit Mundschutz zu sehen war, bot sich am Zielairport allerdings ein ganz anderes Bild. Nicht die Passagiere oder Beschäftigten, sondern zahlreiche Abholer standen mit dieser obskuren Maskierung parat. Irgendwie schon merkwürdig, wenn jene, die tatsächlich fliegen diese nicht nutzen, aber jene, die nur quasi das “private Taxi” spielen regelrecht in Panik sind. Und der Gang in den Flughafensupermarkt nach dem Verlassen des Sicherheitsbereichs, um ein Getränk zu kaufen, überraschte dann schon: Toilettenpapier und Nudeln restlos ausverkauft. Wer braucht an einem Flughafen plattenweise WC-Papier?

Natürlich sind die in diesem Kommentar geschilderten Erlebnisse und Eindrücke subjektiv und nur Momentaufnahmen, die eine Stunde früher oder später gänzlich anders ausfallen hätten können. Doch klar ist, dass die Corona-Krise ganz massive Auswirkungen auf die Luftfahrt hat und insbesondere das Personal der Airlines, Flughäfen, Sicherheitsdienste und Shops schon vermutlich sehr bald die zurückhaltende Nachfrage zu spüren bekommen wird. Werden die Passagiere wieder im großen Stil buchen und reisen, wenn die Behörden Corona-Entwarnung geben sollten oder sitzt der Schock so tief, dass die Branche noch einige Zeit brauchen wird, um bei der Bevölkerung die Lust zum Reisen zu wecken? Viele haben begründete Zweifel daran, dass es im Mai wieder normal wie immer weitergehen wird. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt: Je früher Corona “vernichtet” werden kann, desto besser für die ganze Welt.

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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