Kommentar: Corona - who cares?

Leider läuft nicht alles wie es sein sollte und viele Passagiere legen eine bedenkliche Ignoranz an den Tag.

Dicht an dicht und keine Spur von Abstand (Foto: Jan Gruber).

Fliegen in Zeiten in Corona-Zeiten unterscheidet sich - abgesehen von der Verpflichtung Masken oder einen adäquaten Schutz zu tragen - nicht sonderlich stark von den “guten alten Zeiten”. Zwar übertrumpfen sich die Fluggesellschaften und Airports mit regelrecht gebetsmühlenartigen Medienmitteilungen welch wichtige Maßnahmen für sicheres Reisen gesetzt wurden, doch in der Praxis regiert eher das Chaos.

Zwar werden Passagiere an vielen Airports mittels Lautsprecherdurchsagen, Plakaten, Bildschirmanzeigen und Bodenmarkierungen auf die Abstandsregeln aufmerksam gemacht, doch subjektiv empfunden werden diese von einer ganz überwiegenden Mehrheit der Passagiere ignoriert. So sind an den Check-in-Schaltern, an den Sicherheitskontrollen und natürlich an den Gates Warteschlangen zu sehen, bei denen maximal der Trolleykoffer ein paar Zentimeter “Sicherheitsabstand” gewährt. Von einem Meter - wie in Österreich empfohlen - oder gar 1,5 Metern - wie in Deutschland nahegelegt - absolut keine Spur. Das Sicherheitspersonal der Airports schreitet in der Regel nicht ein, sondern nimmt die kollektive Ignoranz der Reisenden zur Kenntnis.

An manchen Flughäfen, beispielsweise Stuttgart, wurden “Mittelsitze” auf Bänken, die zum warten dienen, mit Stickern, gesperrt. Da jedoch keine Reißnägel aufgelegt sind, werden rasch alle Plätze - selbstredend auch die “gesperrten” - genutzt. An anderen Airports, beispielsweise WIen, fehlen an einigen Gates die Bodenmarkierungen und “Sperrungen” von Sitzgelegenheiten überhaupt komplett.

Dass die Bodenbeklebung den Reisenden nicht beim Abstandhalten hilft liegt daran, dass diese eine “who-cares-Haltung” an den Tag legen und diese einfach nicht beachten. Unabhängig davon welcher Airline-Name auf dem Rumpf der Maschine zu lesen ist, die Kunden interessiert es überhaupt nicht, dass diese in den Gangways, Vorfeldbussen sowie beim Boarding und Deboarding eigentlich Abstand halten sollten. Wie eh und je wird dicht an dicht gestanden und statt Reihe für Reihe mit dem üblichen Chaos-Prinzip ausgestiegen.

Doch sowohl Flughäfen als auch Airlines fördern regelrecht das Nicht-Einhalten der Abstände, denn anstatt den Einsteigevorgang erst dann durchzuführen, wenn das Flugzeug für das Boarding bereit ist, werden Passagiere wie in Zeiten vor Corona in die Gangway gepfercht und sollen dort ausharren. Zehn Minuten, zwanzig Minuten, ja sogar 25 Minuten in der Hitze, bei schlechter Luft, dicht an dicht. Bodenmarkierungen sind zwar vorhanden, jedoch werden diese natürlich nicht beachtet. Nein, eher völlig unnötiges Gedränge findet statt - als ob es dadurch schneller gehen würde…

Für Verwirrung sorgen durchaus auch die einzelnen Staaten, denn mittlerweile ist ein absurder Flickenteppich an Einreisebürokratie entstanden. Reist man beispielsweise zwischen Malta und Österreich, zwischen Deutschland und Österreich v.v. so sind keinerlei Unterlagen, Voranmeldungen oder Barcodes erforderlich. Ganz anders sieht es aus, wenn man in bestimmte Regionen Italiens, in Griechenland, UK, Spanien und andere Länder einreisen möchte. Hier ist eine Online-Voranmeldung erforderlich. Andere Staaten, darunter Malta, verlangen ausgefüllte Papierformulare. Doch genau hier hakt es, denn zwar weisen die Fluggesellschaften eindringlich auf die Notwendigkeit der Erledigung der Formalitäten hin, aber viele Passagiere ignorieren dies blank. Frei nach dem Motto: “Wenn Herr und Frau Österreicher in den Urlaub wollen, muss man das ja nicht machen.”

Beispielsweise Ryanair bietet die Formulare beim Web-Check-In zum Download an und weist in Rotschrift darauf hin, dass diese beim Boarding ausgefüllt vorgezeigt werden müssen, da andernfalls das Einsteigen verweigert werden kann. Am Check-In-Schalter werden die Formulare in Papierform ausgegeben, doch eine nicht unerhebliche Anzahl von Reisenden werfen die Vordrucke gleich in den nächst besten Mistkübel. Selbstredend ist, dass das Boarding-Personal eben nicht kontrolliert, oh jeder Passagier die ausfüllten Formulare mitführt.

Nach der Landung ist dann das Chaos perfekt. Nur sehr wenige Reisende hatten die Dokumentation dabei und jeder, der die ausgefüllten Formulare nicht hat, darf nicht aussteigen. Freilich muss das Ground-Handling-Unternehmen erst mal mit Vordrucken aushelfen, denn an Bord hatte diese Lauda nicht. Nun haben die Passagiere die passenden Papiere in der Hand, jedoch keine Kugelschreiber, was alles nochmals verzögert. “Herr und Frau Österreicher” suchen natürlich nicht die Schuld bei sich selbst, denn es wäre ja viel zu einfach die Bürokratie zu Hause zu erledigen und einfach beim Aussteigen die Formulare abzugeben, nein, lieber wird man äußerst unfreundlich zur Crew und versucht dieser die Schuld für alles in die Schuhe zu schieben. Das Versagen liegt aber eher beim Reisenden selbst, allenfalls im Umstand, dass ein eindeutiges NOTAM missachtet wurde und beim Boarding eben das Vorhandensein der ausgefüllten Formulare nicht kontrolliert wurde. Die Passagiere standen ohnehin dicht an dicht, vielleicht wäre bei einer Kontrolle oder der letzten Chance “jetzt ausfüllen oder nicht einsteigen” sogar mehr Abstand entstanden, wer weiß das schon.

Doch es gibt auch den absolut umgekehrten Fall und zwar verschickt Wizzair neuerdings Formulare ungefragt per Mail, auf denen einer Heimquarantäne zugestimmt werden muss und das obwohl das Land, aus dem die Einreise nach Österreich erfolgt auf der “grünen Liste” ist und somit überhaupt kein Papierkram notwendig ist. Der Billigflieger scheint damit wohl überfordert zu sein, droht jedoch damit, dass bei Nichtmitführen des ausgefüllten Formulars das Boarding verweigert werden kann. Fliegt man aus einem Land, das sich auf der “grünen Liste” befindet, kann es ohne irgendwelche Konsequenzen nach dem Boarding in einen Papierflieger verwandelt werden. Niemand wird den Vordruck in Österreich einfordern. Allerdings: kommt man aus einem Staat, der auf der “roten Liste” zu finden ist, so wird es sehr wohl benötigt. Wurde das Land, in dem sich der Abflugsort befindet, auf die “schwarze Liste” gesetzt, so stellt sich die Frage nicht, denn der Flug ist dann behördlich untersagt und findet nicht statt.

Deutsche Gründlichkeit lässt das Eurowings-Personal auch zwischen Deutschland und Österreich walten und das in einer absolut unnötigen Art und Weise. Weder das Ausfüllen eines Locator-Vordrucks noch einer Quarantäne-Erklärung sind notwendig, wenn man aus der Bundesrepublik Deutschland kommend in Österreich einreisen möchte. Hindert aber das Bodenpersonal in Stuttgart nicht daran den Locator-Zettel trotzdem zu verteilen und eindringlich darauf hinzuweisen, dass ohne dieses in Österreich die Einreise verweigert wird. Natürlich macht das Kabinenpersonal auch noch entsprechenden Druck und verteilt wenige Kugelschreiber, die durch das Flugzeug gereicht werden. Einige “Rebellen”, die NOTAMs lesen können, weigern sich und die Crew reagiert dann richtig: “Mir doch egal, vielleicht braucht man das ja doch nicht”. Richtig, in Schwechat will den “Wisch” niemand sehen und die Bundesheer-Soldaten waren zu dem Zeitpunkt eifrig, dicht an dicht, damit beschäftigt gemeinsam ein Handy-Video anzusehen. Bei Eurowings ist das “Chaos” aber keine Überraschung, denn ein Carrier, der unnötigerweise Passagiere zum Schalter gezwungen hat und dort das Personal ernsthaft die Vorzüge des Web-Check-Ins schmackhaft gemacht hat oder aber im Mai erst im Landeanflug - mit zwei Passagieren an Bord - bemerkt haben will, dass der Flughafen Olbia geschlossen ist, wäre ein Crash-Kurs für das Lesen und Verstehen von NOTAMs gut investiertes Geld.

Es mag zum Teil hart formuliert gewesen sein, doch die eigenen Erlebnisse und Wahrnehmungen der letzten Wochen in Sachen “Fliegen in Corona-Zeiten” zeigen einfach zwei klare Bilder: Die Airlines sind mit dem Flickenteppich an unterschiedlichen Bedingungen in Sachen Bürokratie völlig überfordert und den Passagieren ist kollektiv einfach alles egal. Im Zweifel ist die Flugbegleiterin an allem schuld, aber selbst sieht man sich irgendwo zwischen Promi, Diplomat und König, für den alles nicht gilt. Eigentlich absolut verwunderlich, dass die Masken fast ausnahmslos brav getragen werden. Dies zeigt aber, dass zumindest noch Hoffnung besteht.

Die EU-Mitglieder müssen sich endlich auf einheitliche Bedingungen und einheitliche Bürokratie einigen. Dann sind die Fluggesellschaften auch in der Lage diese beim Web-Check-In oder am Schalter abzufragen und den Behörden auf Papier und digital zur Verfügung zu stellen. Es könnte so einfach sein, doch der Flickenteppich ist den politisch Verantwortlichen offenbar lieber.

Airlines sollten beim Nicht-Einhalten der Regeln hart durchgreifen und Passagieren, die sich einfach nicht mit aktuellen Bestimmungen befassen wollen und alles ignorant ignorieren einfach das Einsteigen verweigern. Vielleicht lernt man es ja dann, dass für der Erfüllung der Einreisebestimmungen nicht die Airline, sondern der Reisende selbst verantwortlich ist. Und abschließend noch der Appell an all jene, die sich nicht an Abstände und Bestimmungen halten: Bedenkt, dass die Luftfahrt immer der Sündenbock für Probleme ist und so schnell wie die Politik das Bedienen von Strecken unter dem Vorwand der Corona-Zahlen untersagt, kann man gar nicht schauen. Durchaus möglich, dass die “who-cares-Einstellung” auch dazu führen kann, dass die Fliegerei wieder auf den Boden gestellt wird oder aber Payload-Restrictions erlassen werden. Das können sich dann die meisten Carrier nicht mehr leisten und dann wird es nichts mehr mit dem Urlaubsflug.

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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