Kein Mysterium über der Steiermark

Am vergangenen Wochenende führte ein ungewöhnliches nächtliches Geräusch über Teilen der Steiermark für Aufsehen. Dem folgte jedoch ein Artikel in einer steirischen Tageszeitung, welcher in Luftfahrtkreisen für mehr Aufregung als für Aufklärung sorgte.

An-22 (Foto: www.AirTeamImages.com).

Unter dem Titel „Mysteriöse nächtliche Geräuschkulisse“ befasste sich am 21.03.2020 ein Artikel in der Kleinen Zeitung mit einem scheinbar nicht zu erklärenden Überflug eines Flugobjektes, welches von etlichen Ohrenzeugen den herkömmlichen Flugzeugen nicht wirklich zu geordnet werden konnte. Eine Anfrage der Kleinen Zeitung bei der Austro Control ergab zunächst keine schlüssige Auskunft, da diese zunächst offenbar das Geräusch keiner Linienmaschine zuordnen konnte.

Für Verwirrung sorgte allerdings nach mehreren Hinweisen, dass es sich um eine zu diesem Zeitpunkt über der Steiermark befindliche Antonov An-22 gehandelt hätte, die Darstellung, dass dieser Flug in rund 7.000 Meter Flughöhe so viel Lärm machen könnte, um am Boden für eine derartige „mysteriöse nächtliche Geräuschkulisse“. Gleichzeitig wurde in selbigen Artikel ein Sprecher des Verteidigungsministeriums mit den Worten "Es werden gerade Propellermaschinen <wbr />derzeit besonders laut wahrgenommen", insbesondere bei guter Wetterlage und geringem Umgebungslärm, zitiert. Andere, lokale Luftfahrtinsider aus Graz, welche mit Sicherheit für ein sofortiges Aufklären dieses Mysteriums gesorgt hätte, wurden leider nicht befragt.


Screenshot Flightradar24.

Sowohl in den Kommentaren zum betreffenden Artikel der Kleinen Zeitung als auch in den einschlägigen sozialen Netzwerken der Luftfahrtfans und Spotter wurde kurz nach Veröffentlichen des Artikels auf die Antonov An-22 der ukrainischen Antonov Airlines hingewiesen, welche tatsächlich in der Nacht auf dem Weg von Leipzig nach Pristina (Kosovo) über die Steiermark flog. Die von Augen- bzw. Ohrenzeugen beschriebenen Wahrnehmungen passten eindeutig zur unverkennbaren Geräuschkulisse der Antonov An-22. Mit ihren vier, jeweils 15.000 PS-starken Kuznetsov-Triebwerken hebt sich das größte turboprobetriebene Flugzeug der Welt bedeutend von allen anderen Flugzeugen ab und ist selbst bei normalen Umgebungslärm im direkten Überflug auf Reiseflughöhe wahrnehmbar.

Zugleich trieben allerdings auch Verschwörungstheorien samt Fake-News äußerst seltsame Blüten in den sozialen Netzwerken. So wurde beispielsweise sofort ein Zusammenhang der „mysteriösen nächtlichen Geräuschkulisse“ mit dem NATO-Großmanöver „Defender-Europe-20“ und einer scheinbaren geheimischen Invasion US-amerikanischer Militärtruppen über Österreich hergestellt. Wie schon die Rechercheplattform Mimikama.at am 15.03.2020 sorgen bereits seit Wochen über Social Media verbreitete Falschmeldungen und Videos älteren Ursprung für eine Verwirrung rund um die eigentliche geplante NATO-Großübung „Defender-Europe-20“ im Zusammenhang mit der derzeitigen SARS-CoV-2-Epedemie. Wie gefährlich dies zur jetzigen Zeit sein kann, beweist auch diese scheinbare, aber völlig unbegründete Verschwörungstheorie: so war schon seit Oktober 2019 seitens der NATO die Abhaltung von „Defender-Europe-20“ mit Schwerpunkt auf polnischen Staatsgebiet bekannt. Durch das explosionsartige Ansteigen der SARS-CoV-2-Epedemie zunächst in Norditalien mit raschen Übergreifen auf alle europäischen Ländern erklärten bereits Mitte März etlichen NATO-Partnerländer, dass sie ihre Teilnahme an „Defender-Europe-20“ zum Schutz der eigenen Soldaten bzw. zur Rückhaltung benötigter militärischer Kräfte im eigenen Land absagen. Auch das U.S. European Command erklärte öffentlich am 11. März 2020, dass sie die Zahl der am Manöver teilnehmenden Soldaten stark reduziert und bereits auf den Weg befindliche Truppen auf diverse US-amerikanische Militärbasen verteilt werden. Und zu guter Letzt übersahen jene Verschwörungstheoretiker, die gerne einen direkten Zusammenhang zwischen einer vermeintlichen heimlichen US-Invasion mit dem mysteriösen nächtlichen Flug herstellen wollten, dass die Antonov An-22 in Richtung Süden über die Steiermark flog, sprich in entgegengesetzter Richtung zum ursprünglich geplanten Übungsgebiet. Denn in Wahrheit gibt es im Rahmen der NATO-Partnerschaft für den Frieden multinationale militärische Kooperation, an der aus Österreich insbesondere im Kosovo mit eigener Truppenstärke beteiligt ist, mehrmals wöchentlich Flüge zwischen dem Drehkreuz der Strategic Airlift International Solution in Leipzig und Pristina im Kosovo, um die dort stationierten Truppen unter anderem mit Gütern des täglichen Bedarfs zu versorgen.

Dazu wird gemäß des SALIS-Vertrages auch auf die Antonov An-22 zurückgegriffen, welche seit kurzem seitens Antonov Airlines wieder kommerziell vermarktet und für derartige Transportflüge eingesetzt wird. Im Zuge dieser Aufträge wird der Weg der Antonov An-22, wie auch andere Frachtflugzeuge mit Turbopropantrieb, mit Sicherheit das eine oder andere Mal wieder über Österreich führen und angesichts des ziemlichen Lockdowns der zivilen Luftfahrt sich als ungewöhnliche, aber unverkennbare Geräuschformation wohl bei Tag und Nacht bemerkbar machen. Ob diese Flüge, mit denen unter anderen auch notwendige Hilfs- und Sanitätsgüter transportiert werden, auch wieder Vorlage für Verschwörungstheorien sein werden, bleibt offen. Zielführend wären sie in der derzeitigen Lage aber mit Sicherheit nicht.

Autor: Michael David
Michael beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Themen Luftverkehr in Österreich, insbesondere der Regionalflughäfen, ist leidenschaftlicher Spotter und in der Szene der Flughafenfreunde aktiv. Seit März 2020 ist Michael David Teil des AviationNetOnline-Teams.

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