Jost Lammers: "Den Satelliten haben wir aus dem Betrieb genommen"

München-Chef Lammers im Interview.

(Foto: FMG)

Als Jost Lammers im Januar die Führung von Deutschlands zweitgrößtem Airport in München übernahm, war noch nicht abzusehen, wie außergewöhnlich sein Start werden würde. Denn die ersten 100 Tage im Amt waren geprägt von Corona – die Virus-Krise hat die komplette Luftverkehrsbranche fest im Griff. Das spürt auch der Flughafen München, wie dessen neuer CEO im Interview mit AviationNetOnline verdeutlicht: welche Auswirkungen die Pandemie auf den Flughafen hat und wie er zu Staatshilfen für Lufthansa steht.

AviationNetOnline:Herr Lammers, wie sehr beeinträchtigt das Corona-Virus den Betrieb am Flughafen?

Jost Lammers: Die Folgen der Pandemie und der weltweiten Reisebeschränkungen treffen unseren Airport – wie alle Flughäfen – sehr massiv. Was die Flugbewegungen betrifft, sind wir derzeit bei unter fünf Prozent und bei den Passagieren bei einem Prozent des normalen Aufkommens. In München starten und landen heute im Schnitt pro Tag noch etwa 40 bis 50 Flugzeuge, von denen knapp die Hälfte Frachtmaschinen sind. Die Lufthansa führt noch ein Minimalprogramm mit innerdeutschen Flügen durch, das sie Mitte Mai erweitern wird und es gibt auch noch einzelne internationale Verbindungen anderer Airlines. Parallel zum rückläufigen Verkehr haben wir kontinuierlich unsere Kapazitäten angepasst, um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für unser Unternehmen stabil zu halten.

AviationNetOnline:Was heißt das?

Jost Lammers: So haben wir beispielsweise das Terminal 1 und den zum Terminal 2 dazugehörigen Satelliten aus dem Betrieb genommen. Darüber hinaus nutzen wir die durch die Corona-Pandemie verursachte Flaute im Flugverkehr aktuell auch für notwendige Instandhaltungsmaßnahmen auf der südlichen Start- und Landebahn. Als Bestandteil der kritischen Infrastruktur bleiben wir aber auch in der Krise ein wichtiger Standort – beispielsweise für Luftfrachttransporte mit medizinischen Hilfsgütern.

AviationNetOnline:Die ADV hat vergangene Woche vorgerechnet, dass die deutschen Flughäfen einen Schaden von einer halben Milliarde Euro durch Corona haben. Welche staatlichen Hilfsmaßnahmen hat Ihr Airport in Anspruch genommen?

Jost Lammers: Wie derzeit viele Unternehmen setzen wir gegenwärtig vor allem auf das Instrument der Kurzarbeit, um Liquidität und Beschäftigung in unserem Konzern zu sichern. Rund 70 Prozent unserer knapp 10.000 Mitarbeiter befinden sich derzeit in Kurzarbeit. Dank der Kurzarbeit und einer Vielzahl weiterer Maßnahmen wie etwa einem Einstellungsstopp, einem strikten Ausgabenmanagement und der Zurückstellung verschiedener Investitionsvorhaben sind wir auf absehbare Zeit ausreichend finanziert.

AviationNetOnline:Experten erwarten, dass die Luftfahrt in drei Jahren wieder auf dem Vor-Krisen-Niveau sein wird. Teilen Sie diese Einschätzung?

Jost Lammers: Derartige Prognosen sind meiner Meinung nach gegenwärtig kaum möglich, weil uns hierzu wichtige Informationen fehlen. Wir konzentrieren uns im Augenblick ganz auf die Bewältigung der Krise und bereiten uns im Übrigen auf das Wieder-Hochfahren des Luftverkehrs vor. Und ich bin sicher, dass der Flughafen München gute Voraussetzungen bietet, um nach der Krise in enger Kooperation mit der Deutschen Lufthansa und unseren anderen wichtigen und langjährigen Airline-Partnern an das Wachstum vergangener Jahre anknüpfen zu können.

AviationNetOnline:Das war jetzt die Antwort fürs Bilderbuch …

Jost Lammers: Auch wenn die aktuelle Krise zweifellos besonders gravierend ist, gehe ich fest davon aus, dass die Nachfrage auf mittlere Sicht zurückkehren wird und insofern glaube ich auch, dass der Luftverkehr wieder zu seiner alten Stärke zurückfindet.

AviationNetOnline:Wie wird sich der Verkehr am Flughafen München langfristig durch die Virus-Krise verändern?

Jost Lammers: Ich glaube, dass die Krise den ohnehin stattfindenden Konsolidierungsprozess in der Airline Branche noch einmal beschleunigen wird. Einige kleinere Gesellschaften sind ja bereits aus dem Markt ausgeschieden, weitere werden vermutlich folgen. Diese Entwicklung wird sich auch am Flughafen München widerspiegeln, wobei wir als Hub-Flughafen über eine sehr hohe Stabilität verfügen. Unser wichtigster Partner auf Airlineseite ist zweifellos die Deutsche Lufthansa, die trotz aller aktuellen Probleme meiner Einschätzung nach in einer besseren Verfassung als andere Airlines aus dieser Krise hervorgehen wird. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat ja bereits angekündigt, dass die Lufthansa künftig vor allem auf ihre Drehkreuze setzen will. Als einziger Five-Star-Airport Europas und als ebenso effizientes wie attraktives Drehkreuz bieten wir in München beste Voraussetzungen für einen wieder erstarkenden Hubverkehr, der für uns auch in der langfristigen Perspektive eine entscheidende Rolle spielt.

AviationNetOnline:Apropos Lufthansa: Ist München als Kranich-Drehkreuz für eine staatliche Beteiligung bei der Airline?

Jost Lammers: Für unseren Flughafen ist es entscheidend, dass die Lufthansa mit ihrem globalen Netzwerk auch künftig erfolgreich im weltweiten Luftverkehr agieren und ihr Wachstumspotenzial ausschöpfen kann. Wenn dies angesichts der gegenwärtigen Probleme, in die die Lufthansa ebenso wie der Flughafen München unverschuldet geraten ist, nur durch ein staatliches Engagement sichergestellt werden kann, sollte dieser Weg auch beschritten werden.

Autor: Carlo Sporkmann
Redakteur
Carlo Sporkmann ist seit April 2019 als Autor für AviationNetOnline tätig. Der studierte Journalist berichtet für AviationNetOnline über den deutschen Luftverkehrsmarkt.

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