„In München gibt es noch viel zu tun“

Ende des Jahres tritt Flughafenchef Michael Kerkloh ab. Im Abschiedsinterview mit AviationNetOnline spricht er über Erfolge und Misserfolge seiner fast 20 Jahre in München – und darüber, wie sein Leben in Zukunft aussehen soll.

Michael Kerkloh blickt zurück auf seine über 17-jährige Amtszeit am Flughafen Münchenn. (Fotos: FMG)

Nach 17 Jahren hat Michael Kerkloh in dieser Woche seinen letzten Arbeitstag am Flughafen München. Seit 2002 führte er den zweitgrößten deutschen und achtgrößten europäischen Airport als CEO. AviationNetOnline gibt er ein letztes Abschiedsinterview.

AviationNetOnline: Herr Kerkloh, das Satellitenterminal wurde 2016 unter ihrer Regentschaft eröffnet – komplett im Kosten- und Zeitrahmen. Wie viel Schadenfreude bringt da der Blick auf die Hauptstadt und ihrem Pannenflughafen BER?

Michael Kerkloh: Da hab ich keine Schadenfreude, sondern bin mit den Berliner Kollegen solidarisch – der Flughafen entspricht ja ein bisschen dem Münchner Modell. Ich bin optimistisch, dass die Eröffnung im nächsten Jahr gelingt, immerhin steht jetzt auch die Politik hinter dem Projekt. Aber es bleibt ein Risiko: So ein Bau ist unheimlich komplex, und da ich als Airport-Kenner weiß, was in so einem Fall alles schief gehen kann, ist Schadenfreude wirklich das letzte Gefühl, das ich habe.

AviationNetOnline: Sie haben die Politik angesprochen; mit der haben Sie in den vergangenen Jahren auch ein bisschen gehadert. Weil die Dritte Bahn nicht kam …

Michael Kerkloh: … bisher nicht kam!

AviationNetOnline: Wie sehr schmerzt Sie denn, dass Sie das Projekt in Ihrer Amtszeit nicht durchgebracht haben?

Michael Kerkloh: Da gilt ja das Primat der Politik – unabhängig davon, ob ich das jetzt richtig finde oder nicht. Wir haben uns mehr als ein Jahrzehnt bemüht, unsere Argumente allen politisch relevanten Personen, den Parteien und auch der Öffentlichkeit nahezubringen. Aber am Ende sind Flughäfen ein Teil der Luftfahrt und die ist hierzulande eben nicht der relevanteste Industriezweig. In der politischen Abwägung, was wichtiger ist – die Automobil- oder die Luftfahrtindustrie – ziehen wir natürlich immer den Kürzeren. Unterm Strich geht’s unserer Wirtschaft gut. Und vor allem unseren Flughäfen. Da ist ein Königsprojekt wie eine Erweiterung aus Sicht der Politik nicht notwendig. Denn diesen Schritt, der in Zeiten des Umweltschutzes nicht nur von den Anwohnern äußerst kritisch gesehen wird, geht man als Regierung nur, wenn es nicht anders geht – und noch scheinen die Politiker dies anders zu bewerten als wir.

AviationNetOnline: 17 Jahre sind Sie Chef in München, Ende des Jahres hören Sie auf. Wie war die Zeit?

Michael Kerkloh: Wir haben in den 17 Jahren fast nur Wachstum gehabt und uns zum zweiten großen deutschen Drehkreuz entwickelt. Das liegt auch daran, dass wir die strategische Zusammenarbeit mit der Lufthansa enorm ausgebaut haben. Da braucht es immer viel Zeit, bis Änderungen greifen und Erfolge sichtbar sind. Aber mittlerweile sind wir so eng zusammengewachsen, dass die Zusammenarbeit wirklich intensiv ist. Das ist für die Standortentwicklung natürlich großartig. Denn wir sind einer der wenigen Hubs, die man lieben kann. Darüber hinaus wollten wir hier in München immer Taktgeber für Innovationen an allen Flughäfen in Deutschland und ein Stück weit auch in Europa sein. Das haben wir glaube ich bei operativen Themen wie Total-Airport-Management aber auch bei der Entwicklung der Einnahmequellen geschafft. In München kommt nur etwas mehr als die Hälfte des Umsatzes im Bereich Aviation zustande. Den anderen Teil erwirtschaften wir in den Bereichen Gastronomie, Retail und Immobilien. Als Entwickler haben wir jüngst den Lab-Campus auf den Weg gebracht, um Wissenschaft, Start-Ups und Unternehmen zusammenzubringen, damit dort für den Flughafen relevante Dinge für Automatisierung, Digitalisierung und Sicherheit entstehen können.

AviationNetOnline: Sind das die Themen der nächsten 17 Jahre für München?

Michael Kerkloh: Definitiv, wir haben den Cyber-Security-Hub eingerichtet, um uns auf diesem Feld zu entwickeln. Und wir rücken unser Auslandsgeschäft immer mehr in den Fokus. Hier am Standort haben wir aufgrund der fehlenden Slotkapazitäten nur noch sehr begrenzte Möglichkeiten zu wachsen, und das treibt natürlich unsere Aktivitäten in anderen Ländern an. Wir haben kürzlich eine Konzession für ein Terminal in New York-Newark oder auch in Sofia gewonnen. Da werden wir zunehmend den Fokus drauf richten müssen – bzw. mein Nachfolger.

AviationNetOnline: Wir haben vorhin kurz über die Dritte Bahn gesprochen, die ja in Ihrer Amtszeit nicht gekommen ist. Ist dies der einzige dunkle Fleck auf Ihrer 17-jährigen Zeit in München?

Michael Kerkloh: Weiß Gott nicht. Auch beim Thema Bodenverkehrsanbindung ist noch viel zu tun. Da haben wir ja ebenfalls eine Niederlage erlebt, als der Transrapid trotz Planfeststellung am Ende nicht realisiert wurde. Den würden wir heute dringend benötigen. Denn wenn wir pro Jahr um 1,5 bis zwei Millionen Passagiere zulegen, wirkt sich das natürlich auf alle Kapazitätselemente am Flughafen aus und nicht zuletzt auf die Verkehrsanbindung. Die Erreichbarkeit des Flughafens muss intensiv verbessert werden, und zwar schnell.

AviationNetOnline: Sie waren zwei Jahre operativer Chef in Frankfurt, haben sieben Jahre lang den Airport Hamburg geleitet und zum Schluss 17 Jahre München – wo war es am Schönsten?

Michael Kerkloh: Jeweils in der Lebensphase war das immer die schönste Arbeit.

AviationNetOnline: Das war die Antwort, die allen gefällt, und wie lautet die ehrliche?

Michael Kerkloh: Das kann ich einfach nicht sagen. Ich hab mich ja auch in meinem Berufsleben entwickelt. Flughafenchef war nie mein Ziel, das hat sich so ergeben. Immer hat man mich gefragt, ob ich nicht die nächst höhere Komplexitätsstufe erreichen will – und irgendwann war ich dann in der Gesamtverantwortung. Ich empfand das in jeder meiner Lebensphasen als das Beste, was ich machen konnte. Da kann ich meine Arbeit als 35-Jähriger nicht mit dem Leistungsbild vergleichen, das ich abrufe, kurz bevor ich aussteige. Das wäre ein falscher Vergleich.

AviationNetOnline: Und jetzt kommt was?

Michael Kerkloh: Das weiß ich noch gar nicht. Ich muss mich erstmal zurücklehnen und überlegen, was mir Spaß macht. Am meisten freue ich mich darauf, nicht mehr durchgetaktet zu sein bzw. von anderen Leuten den Terminplan vorgegeben zu bekommen. Ein höheres Maß an Selbstbestimmung steht bald definitiv ganz oben auf der Agenda.

Autor: Carlo Sporkmann
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Carlo Sporkmann ist seit April 2019 als Autor für AviationNetOnline tätig. Der studierte Journalist berichtet für AviationNetOnline über den deutschen Luftverkehrsmarkt.

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