Grenzüberschreitender Flugverkehr: Testen ist nicht alles

Warum es trotz PCR & Co für das "freie Fliegen" weiterhin schwierig sein wird.

PCR-Tests sind derzeit der Goldstandard - sie zeigen aber aufgrund des "diagnostischen Fensters" vor allem ganz frische Infektionen oft nicht an (Foto: Pixabay).

Derzeit explodieren die Coronavirus-Infektionszahlen in Österreich - insbesondere in Wien - geradewegs: In der Hauptstadt des Landes beträgt der Sieben-Tage-Schnitt aktuell 300 neu diagnostizierte Infektionen pro Tag - vor einer Woche waren es "nur" 218, vor vierzehn Tagen 131. Im Vergleich dazu: Vor zwei Monaten lag dieser Wert noch bei 35 neuen Fällen pro Tag, die Rate an Neuinfektionen hat sich also mehr als verachtfacht.

Daneben steigen auch wieder die Aufnahmen ins Spital bzw. die Intensivstation: Rund 320 Personen befinden sich mit einer Coronavirus-Infektion im Krankenhaus - vor zwei Monaten waren es nur knapp über 90. Aufgrund dieser Entwicklung haben die Schweiz, Belgien und Deutschland den Raum Wien nun gewissermaßen zur Risikozone erklärt - mit verpflichtender Quarantäne (Schweiz), Corona-Testung (Deutschland) oder beidem (Belgien) nach der Einreise.

Die Angst vor einer Diffusion des Infektionsgeschehens durch den internationalen Flugverkehr ist auch alles andere als unbegründet. Bereits zu Beginn der Pandemie war dieser wohl zu einem ganz großen Teil an der raschen Verbreitung des Virus über die ganze Welt mitbeteiligt. Auf dem Planeten hat man mittlerweile fast 30.000.000 Infizierte gezählt - die Dunkelziffer wird weit höher liegen. Die Zahl der Todesfälle erreicht vermutlich demnächst die Million.

Es ist also immens wichtig, dass man diese Übertragungswege so weit wie möglich unterbindet. Ideal wäre ein welt- oder zumindest EU-weites gemeinsames Vorgehen - davon ist man allerdings noch weit entfernt. AUA-Chef Alexis von Hoensbroech hat richtigerweise im Interview mit dem "Kurier" gemeint, dass man in dieser Hinsicht "einen unglaublichen Nationalismus" sehe. Er fordert daher, "neue Testprogramme aufzuziehen. Quarantäne oder Reisebeschränkungen sind der falsche Weg."

Doch ist die Sache wirklich so einfach? Jeder kann herumfliegen wo er will und soll einfach irgendwann dazwischen einen PCR-Test machen? Die Antwort ist ein klares "Nein". Das Problem ist, dass es bei der Coronavirus-Infektion (wie bei so gut wie allen anderen Infektionen auch) ein sogenanntes "diagnostisches Fenster" gibt. Das bedeutet, wenn man sich bereits angesteckt hat, kann das Virus oft in den ersten Tagen noch nicht nachgewiesen werden. Wenn man also beispielsweise ein Berliner drei Tage in Wien verbracht (und sich infiziert) hat, dann nachhause fliegt und nach der Landung einen PCR-Test macht - dann ist dieser mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit (noch) nicht positiv.

Sinnvoll wäre es daher, die Analyse nach einigen Tagen zu wiederholen, weil dann die Viruslast in der Regel ansteigt und der PCR-Test "anschlägt". Das Problem dabei: Wenn man in der Zwischenzeit nicht in Quarantäne gewesen ist, kann man natürlich weitere Personen anstecken. So einfach ist die Sache mit den PCR-Tests (oder auch Antigen-Tests, die nunmehr auf den Markt kommen werden) also nicht.

Was kann man nun tun, um die Interessen der Reisenden, der Airlines und des Gesundheitswesens unter einen Hut zu bringen? Eine optimale Lösung nach dem Motto "One Fits All" wird es wohl gar nicht geben. Grundsätzlich sollten aber vielleicht nicht notwendige Reisen zwischen High-Risk- und Low-Risk-Gebieten (wie es derzeit beispielsweise der Raum Wien im Vergleich zu den größten Teilen Deutschlands der Fall ist) kurzfristig tatsächlich einfach unterlassen werden - Stichwort: Eigenverantwortung.

Sich die "Absolution" mit einem einzelnen PCR-Test zu holen ist aus obengenannten Gründen keine optimale Lösung. Der belgische Weg mit Quarantäne und Testung ist vom medizinischen Standpunkt her eher die Maximalvariante. Eine Kompromissidee könnte sein, nach Einreise aus einem Hochrisikogebiet eine kurze Quarantäne (zum Beispiel fünf Tage) mit abschließender PCR zu verlangen: Damit würde in vielen Fällen das diagnostische Fenster geschlossen - und in der Zwischenzeit stellt man durch die Absonderung für andere keine Gefahr dar.

Was auch immer nun sinnvoll erscheint - auf eine EU-weite Reise-Lösung kann man wahrscheinlich weiterhin nur warten. Ob sie jemals kommen wird, darf eher bezweifelt werden. Kurzum: Es bleibt schwierig und für die Flug- und Reisebranche unbefriedigend. Und eines dürfte jedenfalls ziemlich sicher sein: Die kommenden Monate werden für die Aviation-Industrie - nach der leichten Sommererholung - angesichts der ansteigenden Infektionszahlen und des europäischen Maßnahmen-Fleckerlteppichs wohl wieder eher zu einer Zitterpartie als zu einer nachhaltigen Revitalisierung der Branche werden. Eine nachhaltige Trendumkehr wird vermutlich erst mit einer Impfung kommen - sollte die Pandemie nicht anderweitig "wundersam" verschwinden.

Autor: Martin Metzenbauer
Herausgeber und Chefredakteur
Martin gründete 2004 aufgrund seines starken Luftfahrtinteresses Aviation Net. Er liebt das Fliegen und Reisen– und schreibt darüber natürlich auch gerne.

    Special Visitors

    CARGOLUX / LX-NCL
    Maleth Aero / 9H-VOX
    ANTONOV AIRLINES / UR-09307
    Russian Air Force / RA-85155
    Volga-Dnepr Airlines / RA-82042
    ROSSIYA / EI-UNP
    Antonov Airlines / UR-82007

    Unsere Autoren

    Martin Metzenbauer

    Michael Csoklich

    Martin Dichler

    Carlo Sporkmann

    Stefan Eiselin