Gastkommentar: MAX-Grounding kostet die Fluggesellschaften eine Milliarde US-Dollar pro Monat

Gediminas Žiemelis, Geschäftsführer der Avia Solutions Group, analysiert die aktuelle Lage.

Foto: Jan Gruber.

Im März 2019 haben die Aufsichtsbehörden und Fluggesellschaften auf der ganzen Welt die Boeing 737 MAX gegroundet, nachdem zwei brandneue Flugzeuge innerhalb von fünf Monaten abgestürzt waren und 346 Menschen an Bord in den Tod rissen. Auch wenn die Entscheidung vernünftig war, war sie sehr teuer.

In seinem zweiten Quartalsergebnis von 2019 schätzte Boeing, dass Turbulenzen im Zusammenhang mit dem Grounding der Boeing 737 MAX zu einem Rückgang von 5,6 Milliarden US-Dollar bei Umsatz und Vorsteuerergebnis im Quartal führen werden. Aber der Hersteller war nicht der einzige, der in eine finanzielle Katastrophe geriet.

Auch Fluggesellschaften, bei denen die Boeing 737 MAX bereits im Einsatz stand, hatten nicht nur finanzielle, sondern auch logistische Probleme. Insgesamt blieben 393 Flugzeuge am Boden, und dennoch mussten die Fluggesellschaften danach ihre Flüge planmäßig fortsetzen, was die ACMI-Betreiber in diesem Sommer sehr freute. Die hohe Nachfrage führte zu einem Anstieg der ACMI-Preise und ein Flugzeug konnte über 350.000–400.000 US-Dollar mehr kosten.

Darüber hinaus konnten die Fluggesellschaften nicht einfach ihr Personal entlassen und mussten die Gehälter weiterhin zahlen. Für ein Flugzeug werden 12–16 Piloten benötigt. Schätzungsweise kosten 12 Piloten etwa 200.000 US-Dollar pro Monat. Das sind also insgesamt 78,6 Mio. US-Dollar pro Monat für die Piloten aller 393 gegroundeten Flugzeuge.

Daneben benötigt ein Flugzeug auch etwa vier Personen, die als Ingenieure oder in der Wartung arbeiten. Obwohl sie gegenwärtig keine Dienstleistungen anbieten, kosten sie etwa 30.000 US-Dollar pro Monat und Flugzeug. Insgesamt sind dies also etwa 11,79 Mio. US-Dollar.

Und mit dem Mangel an betriebsbereiten Flugzeugen kommt es zu Störungen. Die EU-Verordnung 261/2004 schützt die Fluggäste bei Verspätungen und Annullierungen und gewährt Entschädigungen von bis zu 600 Euro pro Fluggast. Berechnungen zeigen, dass eine Boeing 737 MAX im Durchschnitt 350 Flugstunden pro Monat in der Luft wäre, d. h. 116 Flüge. Etwa 1% der Flüge haben Verspätungen, und davon sind etwa 374 Passagiere betroffen. Die Ausgleichszahlungen für sie würden sich im Durchschnitt auf rund 150.000 US-Dollar belaufen.

Weitere zusätzliche Kosten könnten bis zu 300.000 US-Dollar pro Monat betragen. Insgesamt sind dies also etwa 1 Mio. US-Dollar Verluste für ein Flugzeug pro Monat!

Während diese Zahlen möglicherweise aus der Luft gegriffen scheinen, haben einige Fluggesellschaften ihre Zahlen bereits an die Öffentlichkeit gebracht. Laut Flight Global erwartet American Airlines einen negativen Effekt von bis zu 183 Millionen US-Dollar aufgrund des Groundings der Boeing 737 MAX, da die Fluggesellschaft im zweiten Quartal 2019 7800 Flüge annullieren musste.

Das Grounding von 18 Boeing 737 MAX hat das Ergebnis der Norwegian Airline bis Mitte Juli um zusätzliche 81 Mio. US-Dollar belastet.

Ryanair hingegen musste ihr geplantes schnelles Wachstum neu überdenken. Die Fluggesellschaft hatte 50 Boeing 737 MAX 200 Flugzeuge bestellt. Wenn das Verbot nicht bis Ende November aufgehoben wird, muss Ryanair möglicherweise den Flugplan für den Sommer 2020 anpassen.

Bereits sind einige Monate vergangen, seit das Modell Boeing 737 MAX auf der ganzen Welt gegroundet wurde, aber es sieht ganz danach aus, als ob die Geschichte noch nicht vorbei wäre. Erst die Zeit wird zeigen, wie viel mehr die Industrie verlieren wird, bis das Verbot aufgehoben wird.

Autor: Gediminas Žiemelis
Gediminas Žiemelis ist ein international bekannter Luftfahrtexperte und Geschäftsführer der Avia Solutions Group.

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