Fliegen oder nicht fliegen - das ist nun die Frage

In der neuen Woche könnten einige Weichen hinsichtlich der Rahmenbedingungen für den Personen-Luftverkehr in Europa gestellt werden.

Ob man heuer den Koffer für eine Flugreise packen wird oder nicht, hängt nicht zuletzt von den staatlich vorgegebenen Reisebedingungen ab (Foto: Pixabay).

Die neue Woche wird mitentscheidend sein, in welchem Rahmen sich der Flugverkehr in Europa in der nächsten Zeit abspielen wird. Auf EU-Ministerebene wird nämlich besprochen, unter welchen Rahmenbedingungen vielleicht wieder in stärkerem Maße gereist werden kann. Dazu treffen sich am Montag die Ministerinnen und Minister für Tourismus zur Videokonferenz, am Mittwoch sind jene Kolleginnen und Kollegen aus den Verkehrsressorts an der Reihe.

Dabei soll unter anderem über Guidelines geredet werden, wie denn in Zeiten von COVID-19 länderüberschreitende Personenverkehre so gestaltet werden können, dass die Gefahr einer Virenverschleppung samt der gefürchteten weiteren Infektionswellen reduziert werden kann. Die effektive Virusverbreitung ist zwischen einzelnen Ländern und Regionen unterschiedlich und kann daher recht leicht zu Übertragungen in andere geographische Gegenden durch den Flugverkehr führen. Ein Beispiel: In Österreich geht man davon aus, dass ein niedrig-einstelliger Anteil der Bevölkerung CoV-positiv ist - in New York City hingegen könnte laut jüngsten Zahlen bereits rund ein Fünftel der Einwohner die Infektion durchgemacht haben. Wieviele davon wie lange ansteckend sind, kann man derzeit noch nicht sagen.

Tatsache ist jedenfalls, dass es bei einer Reise von einer Region mit hoher Infektionsverbreitung zu einer solchen mit wenigen Ansteckungen logischerweise eher zu einer Neueinschleppung des Virus in letztere kommt - wie man eben auch bei der raschen globalen Ausbreitung des Virus gesehen hat. Aus diesem Grunde ist es natürlich sinnvoll, Reisen von infizierten Personen zu verhindern. Wie kann man das im Rahmen des Flugverkehrs tun? Auf der einen Seite wird man um Tests wahrscheinlich schwer herumkommen (AviationNetOnline hat dazu erst vor kurzem berichtet), auf der anderen Seite dürfen aber auch der Appell an die Eigenverantwortung sowie Gesundheitschecks auf den Flughäfen selbst nicht vergessen werden.

Letzteres bedeutet, dass Personen mit Krankheitssymptomen einfach nicht fliegen dürfen. Muss man sich sonst in der Erkältungssaison oftmals über hustende Sitznachbarn "freuen", kann so etwas während der Corona-Pandemie nur ein absolutes No-Go sein. Und das muss den potentiellen Passagieren - und Krankheitsüberträgern - klar gemacht werden. Fiebermessungen und Fragen nach Krankheitssymptomen auf Flughäfen sind zwar nicht hundertprozentig effektiv - könnten aber wohl trotzdem Teil der Maßnahmen werden, um eine Verschleppung des Virus zu vermeiden.

Die Entscheidungen der EU-Ministerinnen und Minister diese Woche werden zeigen, ob es einen gemeinsamen europäischen Weg geben wird. Insider hegen daran allerdings ihre Zweifel (Foto: Pixabay).

Das zweite mögliche Standbein sind Tests. Der aktuelle Goldstandard zur Erkennung einer aktiven COVID-19-Erkrankung ist die sogenannte PCR-Analyse. Dabei werden aus einem Abstrich aus dem Nasen-Rachen-Raum Virusbestandteile im Labor nachgewiesen. Hundertprozentig sicher ist die Methode zwar nicht - viele (und vor allem aktive und ansteckende) Erkrankungen kann sie aber durchaus darstellen. Ein Nachteil ist, dass das Ergebnis erst nach ein paar Stunden vorliegt - ein anderer, dass er nicht gerade billig ist: Pro Analyse muss man einschließlich der Abnahme, die von medizinisch geschultem Personal erfolgen soll, mit rund 150 Euro rechnen.

Ein weiteres Manko kann bei dem Test auch das Vorhandensein der entsprechenden Geräte und die Kapazitäten sein. In Großstädten wie Wien ist das allerdings weniger ein Thema - ein von AviationNetOnline befragter Leiter eines großen medizinischen Labors in der österreichischen Hauptstadt rechnet damit, dass man hier pro Tag insgesamt mehrere Tausend solcher Tests durchführen kann. Wie es allerdings beispielsweise auf einer kleinen griechischen Insel aussieht, ist eine ganz andere Frage.

Wie könnte so ein Testablauf generell aussehen? Denkbar ist, dass man einen oder zwei Tage vor Abflug eine PCR-Untersuchung durchführen lässt und dann einen entsprechenden Befund mit zum Airport nimmt. Besonders elegant könnte dies auch mit Apps bewerkstelligt werden, wie sie beispielsweise das Wiener Unternehmen PCS IT-Trading anbietet. Damit kann man am Flughafen einfach einen QR-Code vom Handy einlesen lassen, der den negativen Test vor dem Boarding bescheinigt.

Vielleicht ist es künftig auch möglich, solche oder ähnliche Analysen auf dem Flughafen direkt vornehmen zu lassen - derzeit gibt es entsprechende validierte Systeme allerdings noch nicht. Schnelltests auf Antikörper (also Abwehrstoffe des Menschen, die sich im Zuge einer Infektion nach einiger Zeit bilden) - wie sie neulich in Dubai durchgeführt wurden - seien in diesem Setting derzeit nicht sehr sinnvoll, erklärt der Wiener Virologe Lukas Weseslindtner gegenüber AviationNetOnline: Sie wären oft nicht spezifisch genug und würden auch nicht zwingend eine Ansteckungsgefahr anzeigen. Sie seien derzeit eher Spezialfragen vorbehalten - außerdem wisse man noch nicht genug über die Antikörperentwicklung bei der Infektion mit SARS-CoV-2.

Wird man künftig vor einer Flugreise einen CoV-Test durchführen lassen müssen (Foto: Pixabay)?

Kurzum: Kein Fieber, keine Krankheitssymptome und ein aktueller (negativer) PCR-Test - das könnten während der Corona-Pandemie künftig die Grundvoraussetzungen für eine Flugreise sein. Klingt ein wenig mühsam - allerdings könnte man mit einem solchen System einerseits geregelten Passagierverkehr ermöglichen und andererseits auch die Wahrscheinlichkeit senken, dass es zu Regionen-überschreitenden Verschleppungen des Virus kommt. Praktische Erfahrungen mit so einem Vorgehen gibt es freilich noch nicht - genauso wäre auch unklar, wer für die Kosten aufkommen soll.

Und was sind die Alternativen zu einem solchen Schema? Eine wäre, grundsätzlich Verkehre zwischen einzelnen Staaten verhältnismäßig niedriger Übertragungsaktivität ohne Testung freizugeben. Dies hat allerdings den Nachteil, dass es eben auch innerhalb der Länder die erwähnten regionalen Unterschiede gibt. Außerdem könnte es ja durchaus auch sein, dass sich ein Reisender zuvor in einem Staat höherer Aktivität befunden hat und dadurch das Virus sozusagen im Transfer ins Zielland mitnimmt. Abgesehen davon könnten erneute Wellen im Herkunftsland auftreten, die dann erst mit zeitlicher Verzögerung entdeckt und auf die dann erst verspätet reagiert werden kann. Oder man hält die Grenzen mehr oder weniger grundsätzlich dicht wie derzeit und bleibt beim Weg der nationalen Einzelbestimmungen, die das Reisen nicht unbedingt erleichtern. Wie man sieht: Auch diese Wege sind nicht unbedingt das Gelbe vom Ei.

Nicht vergessen sollte man bei diesen Überlegungen jedenfalls auch, die Übertragungsmöglichkeiten am Flughafen und in der Flugzeugkabine zu minimieren. Wie im sonstigen Leben in der "neuen Normalität" geht es um Themen wie Abstandhalten oder auch das Tragen von Schutzmasken. Grundsätzlich haben Flugzeugkabinen den Vorteil, dass die Luft in aller Regel durch HEPA-Filter gut gereinigt wird. Wenn man allerdings gerzwungen ist, das Virusaerosol des Sitznachbarn einzuatmen, hilft der beste Filter nichts.

Man darf jedenfalls gespannt sein, wie (und auch ob) sich die Ministerinnen und Minister auf einen gemeinsamen Weg - statt dem derzeitigen uneinheitlichen Fleckerlteppich aus nationalen Einreisebestimmungen und Verordnungen, die von Quarantäne bis zu wenig spezifizierten Testungen reichen - einigen können. Ob sie einen Lösungsvorschlag finden, wie man Europa-einheitlich den Spagat zwischen einer Unterstützung des Personen-Luftverkehrs einerseits und einer bestmöglichen Unterbindung von transnationalen Virusübertragungen schaffen kann, ist jedoch alles andere als sicher. Trotzdem wird man erst dann sehen, wie man die Frage "Fliegen oder nicht fliegen?" bis zum Vorhandensein einer Impfung oder Therapie beantworten kann.

Autor: Martin Metzenbauer
Herausgeber und Chefredakteur
Martin gründete 2004 aufgrund seines starken Luftfahrtinteresses Aviation Net. Er liebt das Fliegen und Reisen– und schreibt darüber natürlich auch gerne.

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