„Der BER könnte noch vor 2040 zu klein sein“

Luftrechtsexperte im Interview.

Experte Giemulla: "Zwei Flughäfen zu betreiben, ist Murks." (Foto: privat)

Luftrechtsexperte Elmar Giemulla erklärt im Interview, warum Tegel offenbleiben kann und wieso der BER mit dem Wachstum im Luftverkehr hadern wird.

Ein halbes Dutzend Mal ist die Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER bereits angekündigt und wieder verschoben worden. Ende Oktober soll es nun aber wirklich klappen und Tegel schon Anfang November schließen. Ein strammer Zeitplan, der nicht mehr viel Platz für Unvorhergesehenes bietet.

Herr Giemulla, bleibt es beim 31. Oktober?

Es wird zwar überall gesagt, aber ich kann es nicht ganz glauben. Immerhin ist der Flughafen noch nicht komplett fertig, um ihn zu erproben. Da gibt es wohl einen internen Disput, ob nicht bereits in einzelnen Teilen des Airports geprobt werden kann. Dagegen spricht, dass ein Flughafen natürlich ein geschlossenes System ist und eigentlich nur als Ganzes gesehen werden kann. Von daher gibt es da Verzögerungen, wie ich höre. Aber insgesamt denke ich, dass sich die Eröffnung nur noch maximal um ein halbes Jahr bis zum folgenden Flugplanwechsel im April verschiebt.

Und wenn dann beide Bahnen am BER in Betrieb sind, tickt die Uhr für Tegel.

Wobei die Uhr jetzt schon laut tickt. Die FBB hatte ja gesagt, dass zwei Wochen nach Start am BER in Tegel Schluss ist. Das ist sehr sinnvoll. Denn operativ zwei Flughäfen zu betreiben, von denen der eine bald geschlossen werden soll, ist Murks.

In München ging der Umzug damals innerhalb einer Nacht!

… da passen doch die anvisierten zwei Wochen ganz gut zur bisherigen Verzögerungshistorie des BER.

Der Umzug wäre in dem Umfang nicht nötig, wenn Tegel einfach offen bliebe. Geht das?

Rein rechtlich natürlich. Aber die Frage ist ja, ob es sein muss. Das hängt davon ab, ob man das Entwicklungspotenzial des Berliner Luftverkehrs am BER auffangen kann. Erlaubt sind im Planfeststellungsbeschluss jährlich 360.000 Flugbewegungen am neuen Airport, also jeweils 180.000 Starts und Landungen. Das kann man ja einfach hochrechnen: Wenn immer nur Mittelstreckenflugzeuge mit einer durchschnittlichen Kapazität von 200 Passagieren starten, können am BER 36 Millionen Menschen abfliegen. Da kann es dann sehr schnell dunkel werden.

Moment. Im vergangenen Jahr waren es in Berlin 35,6 Millionen Fluggäste – an und ab. Gestartet sind vermutlich rund die Hälfte, also 17,8 Millionen. Von da aus ist es noch ein weiter Weg bis zur Obergrenze.

Aber sie ist da. In den zehn Jahren vor der Air-Berlin-Pleite haben sich die Passagierzahlen in Berlin fast verdoppelt. Wenn noch einmal eine Airline kommt und Berlin zum Hub macht, könnten wieder solche sensationellen Wachstumsraten erzielt werden. Und dann ist BER noch vor Ende der letzten Ausbaustufe zu klein – zumindest landseitig.

Aber eine Airline, die den BER als Hub nutzt, bedeutet auch den Einsatz von klassischen Langstreckenflugzeugen – und die bieten mehr Platz. Bei gleicher Zahl der Flugbewegungen wächst also das Passagieraufkommen.

Ach die Lieblingsdiskussion … Berlin ist bislang kein Langstreckendrehkreuz und dass es das im Stil von Frankfurt und München wird, bezweifle ich stark. Und selbst wenn: Hubs haben immer ein ausgeprägtes Zubringer-Netzwerk. Auf einen Interkontinental-Flug kommen zehn Zubringer-Verbindungen, die ja meist mit kleinem Gerät geflogen werden und dann geht die Maximalanzahl an Passagieren wieder runter. Die Grenze der Flugbewegungen bleibt.

Daraus folgern Sie was?

Die FBB sollte sich schnellstens um ein neues Planfeststellungsverfahren für die nächste Stufe des Masterplans bemühen, damit die Obergrenze der Flugbewegungen ausgeweitet wird. Das dauert natürlich einige Jahre, und ich kann auch verstehen, dass man das aktuell nicht in der Öffentlichkeit haben will, weil dann wieder die Frage aufkommt, warum denn der Volksentscheid 2017 an der angeblich so unüberwindbaren Hürde des Planfeststellungsbeschlusses gescheitert ist. Aber ohne eine neue Obergrenze an Flugbewegungen kann es ziemlich ungemütlich werden.

Inwiefern?

Jede europäische Fluggesellschaft hat rein rechtlich den Anspruch, von jedem Flughafen bzw. Flughafensystem aus fliegen zu dürfen. Wäre da neben dem BER noch Tegel, könnte man dahin ausweichen.

Also wäre es nur sinnvoll, Tegel offen zu halten, um zu gewährleisten, dass die Kapazitäten in Berlin mit der steigenden Nachfrage Schritt halten?

Es wäre zumindest eine Option. Da das politisch nicht gewollt ist, braucht es dringend den neuen Planfeststellungsbescheid. Sonst wird das mit dem BER noch ein größeres Fiasko, als es bislang schon war.

Herr Giemulla, vielen Dank.

Autor: Carlo Sporkmann
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Carlo Sporkmann ist seit April 2019 als Autor für AviationNetOnline tätig. Der studierte Journalist berichtet für AviationNetOnline über den deutschen Luftverkehrsmarkt.

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