Chaotischer Auftakt bei Lauda-KV-Verhandlungen

Ansichten über den Gesprächsverlauf gehen weit auseinander.

Foto: Thomas Ramgraber.

Am Freitag fand in den Räumlichkeiten der Wirtschaftskammer Österreich die erste Gesprächsrunde für den Abschluss eines neuen Kollektivvertrags für das fliegende Personal der heimischen Fluggesellschaft Lauda statt. Vorherige Einladungen zu Gesprächen wurden von der Gewerkschaft Vida nicht wahrangenommen und deren Chef Roman Hebenstreit erklärte öffentlich gar, dass er mit den ausländischen Fluggesellschaften Austrian Airlines und Lauda nicht verhandeln wird. Da umgekehrt die Geschäftsleitung der Ryanair-Tochter starken Druck ausübt und die Schließung der Basis Wien bevorsteht, dürfte die Stimmung durchaus aufgeheizt gewesen sein.

Bemerkenswert ist auch, dass offensichtlich unterschiedliche Ziele verfolgt werden, denn in sozialen Medien lassen diverse Lauda-Mitarbeiter unmissverständlich ihren Unmut über den Betriebsrat, der von der Geschäftsleitung nicht anerkannt wird, und die Gewerkschaft Vida aus. Innerhalb des fliegenden Personals haben sich sowohl bei den Piloten als auch bei den Flugbegleiter Teams gebildet, die intern einige Punkte nachverhandelt haben. Der Betriebsrat hingegen soll laut diversen internen Rundschreiben lediglich einen Sozialplan verhandeln wollen und wurde dazu sogar von der Geschäftsführung zu einem Gespräch empfangen. Die Darstellung über den Verlauf dieses Termins gehen subjektiv empfunden kilometerweise auseinander. Unstrittig scheint jedoch, dass die Lauda-Leitung die Vorschläge des Betriebsrats, den man eigentlich nicht anerkennt und gerichtlich bekämpft, nicht umsetzen will und diesem sogar vorwirft, dass dieser kein Interesse an der Sicherung der Arbeitsplätze habe. Wohl einzigartig dürfte aber sein, dass sowohl der Betriebsrat als auch „Verhandlungsteams“ parallel mit der Geschäftsleitung sprechen und für Außenstehende klar der Eindruck entsteht, dass man nicht miteinander, sondern gegeneinander arbeitet. Ob das beabsichtigt ist oder nicht, lässt sich nicht feststellen.

Die Lauda-Geschäftsleitung legte vor rund drei Wochen ein Dokument vor, das Wirtschaftskammer und Vida bis zum 21. Mai 2020 unterschreiben sollen. Andernfalls werde man das fliegende Personal der Airbus-Basis Wien kündigen und sämtliche Routen werden von Konzernschwestern innerhalb der Ryanair Group übernommen. Aus österreichischer Sicht ist diese Art und Weise der KV-Verhandlungen durchaus einzigartig, da sich ein solcher Prozess normalerweise monatelang hinzieht und gerade bei Airlines oftmals von gegenseitigen öffentlichen Anschuldigungen begleitet ist. Bei Lauda habe man laut Geschäftsführer David O’Brien diese Zeit nicht mehr und entweder die neuen Konditionen werden vereinbart oder für das fliegende Personal der Lauda-Basis Wien heißt es „Auf Wiedersehen“. Konzernweit hat man sowohl ausreichend Flugbegleiter und Piloten als auch Boeing 737, die dann Wien übernehmen werden, parat.

Aus einem Schreiben der Gewerkschaft Vida geht hervor, dass die Wirtschaftskammer Österreich bislang den neuen Kollektivvertrag nicht unterzeichnet hat und die Verhandlungen nun ohne Einbindung des Lauda-Managements geführt werden. Als durchaus unkoordiniert und chaotisch wird der erste Termin beschrieben. Der Vertragsentwurf soll nun auf Deutsch übersetzt werden und rechtlich geprüft werden. Warum dies noch nicht erfolgt ist, bleibt an dieser Stelle fraglich.

Die Lauda-Geschäftsführer Andreas Gruber und David O’Brien üben an diesem Punkt heftige Kritik an der Haltung der Gewerkschaft Vida, denn deren Darstellung nach sollen die Gewerkschafter rund 45 Minuten darüber diskutiert haben, ob der Vertragsentwurf auf Deutsch oder Englisch sein muss. In dem Rundschreiben pochen die beiden Firmenchefs darauf, dass dieser auf Englisch abgeschlossen wird und verweisen darauf, dass die Betriebssprache Englisch wäre. Diese Haltung ist durchaus ungewöhnlich, da in Österreich die Amtssprache Deutsch ist und es momentan keinen Kollektivvertrag gibt, der in einer anderen Sprache abgefasst ist.

 

Jedenfalls erhebt die Lauda-Geschäftsleitung den harten Vorwurf, dass die Gewerkschaft Vida nicht an der Sicherung der rund 560 Jobs interessiert wäre und die Schließung der Airbus-Basis Wien in Kauf nehmen würde. Verwiesen wird auch darauf, dass 94 Prozent der Piloten bereits ihre Zustimmung zur Vertragsänderung erteilt haben sollen. Bei den Flugbegleitern sollen es 66 Prozent sein. Daher appellieren David O’Brien und Andreas Gruber an all jene, die bislang nicht zugestimmt haben, dass diese dies umgehend nachholen sollen. Die Hoffnung besteht, dass die Sozialpartner dann den neuen Kollektivvertrag abschließen.

Dennoch gehen die Lauda-Geschäftsführer davon aus, dass die Gewerkschaft Vida die Zustimmung verweigern wird und demnach kommende Woche die Schließung der Airbus-Basis Wien verkündet wird. Das Arbeitsmarktservice, die Wirtschaftskammer und Vida habe man bereits darüber informiert, dass bei Nichtzustimmung die Kurzarbeit am 22. Mai 2020 beendet wird und nach Ablauf des Kündigungsschutzes werde man das fliegende Personal der Basis Wien ordentlich kündigen. Die Gewerkschaft Vida gibt sich in einem Rundschreiben aber wesentlich zuversichtlicher und schreibt, dass man davon überzeugt ist, dass man gemeinsam mit dem Vertragspartner WKO eine passende Lösung für den neuen Lauda-Kollektivvertrag gefunden wird. Die Entwicklungen der nächsten Tage werden wohl über die Zukunft der rund 560 Jobs entscheiden.

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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