Business Aviation: "Die Leute müssen und wollen wieder fliegen"

Raphael Spindelberger vom österreichischen Business Jet Anbieter Jet Fly im Interview.

Cessna Citation von Jet Fly (Foto: Jet Fly).

Seit Wochen ist ständig von der Krise der Luftfahrtbranche durch die Corona-Pandemie zu hören. Allerdings geht es dabei in den Medien hauptsächlich um die großen Fluglinien. Mit der Business Aviation kommt allerdings ein nicht unbedeutender Zweig dieser Industrie auch nicht gerade mit Leichtigkeit durch die schwierige Zeit, wie bereits Bernhard Fragner, CEO von GlobeAir erklärte.

Sind es bei den großen Airlines in erster Linie Finanzprobleme, die durch die fehlenden Flüge und Passagiere entstehen, schlagen sich Business-Flug-Unternehmen oft auch mit Problemen wie etwa der Verfügbarkeit von Corona-Tests herum, wie Raphael Spindelberger - in Personalunion Kapitän und Marketing Manager bei der oberösterreichischen Jet Fly - im Interview mit AviationNetOnline erklärt. Eines sieht er allerdings positiv: Die Nachfrage nach Flügen könnte nun nach einer längeren Durststrecke wieder anziehen.

AviationNetOnline: Wie stark trifft die Corona-Krise die Business-Jet-Branche generell? Gibt es dazu Zahlen?

Raphael Spindelberger: Sehr stark. Natürlich gibt es dazu Zahlen, aber ich denke es reicht der Hausverstand bei der Beurteilung der derzeitigen Situation. Als österreichisches Unternehmen interessiert uns natürlich vor allem die Situation im eigenen Land. Die derzeit gültige Verordnung über die Einreise auf dem Luftweg nach Österreich besagt, dass abgesehen von der Besatzung, alle Personen nach der Einreise auf dem Luftweg nach Österreich verpflichtet sind, unverzüglich eine 14-tägige selbstüberwachte Heimquarantäne anzutreten. Eine Quarantäne ist nicht erforderlich, wenn ein Gesundheitszeugnis vorgelegt werden kann, welches bestätigt, dass der molekularbiologische Test auf SARS-CoV-2 negativ ist und dieses nicht älter als vier Tage ist.

Raphael Spindelberger (Foto: Jet Fly).

So weit so gut. Wenn wir mal davon ausgehen, dass der Großteil der Kunden eines österreichischen Bedarfsflugunternehmens die Dienstleistung in Anspruch nimmt, um Geschäftsreisen durchzuführen, dann sagt mir wieder einmal der Hausverstand, dass Variante 1, also eine 14-tätige Quarantäne, keine Option ist. Somit wäre die einzige Möglichkeit das Mitführen eines negativen Tests. Seit geraumer Zeit versuchen wir nun herauszufinden - und ich denke da sind wir nicht die Einzigen in der Branche - wo es eine Möglichkeit gibt für unsere Kunden sich testen zu lassen. Nach diversen Gesprächen mit oberösterreichischen Medizinern mussten wir mit Erschrecken feststellen, dass es für Privatpersonen derzeit de facto keine Möglichkeit valider Tests gibt. Grund dafür ist, dass diese Tests lediglich vom Amtsarzt angeordnet werden können.

Lange Rede kurzer Sinn. Solange es keine Tests für Privatpersonen oder Lockerungen der derzeitigen Reisebeschränkungen gibt, werden wir weiterhin gezwungen sein, am Boden zu bleiben.

AviationNetOnline: Welche konkreten Auswirkungen sieht man bei Jet Fly? Und wie reagiert das Unternehmen?

Raphael Spindelberger: Prinzipiell beschäftigt uns die Corona-Krise seit Mitte Februar. Flüge wurden bereits zu diesem Zeitpunkt kurzfristig abgesagt, da Geschäftstermine im Ausland auf unbestimmte Zeit verschoben oder gänzlich abgesagt wurden. Man konnte die Ruhe vor dem Sturm bereits erahnen. Kurz vor bzw. in der ersten Woche des Lockdowns konnten wir einen für diese Jahreszeit unüblichen signifikanten Anstieg an Anfragen verzeichnen. Verantwortlich dafür war natürlich der Wunsch, der im Ausland befindlichen Personen, so rasch als möglich ins jeweilige Heimatland zurückzukehren. De facto führten wir bis zum heutigen Tag den ein oder anderen Rückholflug nach Österreich durch. Ansonsten blieben unserer Flugzeuge am Boden.

Wir haben uns auf Grund der aktuellen Lage bewusst dazu entschieden, unsere Crews keinem Risiko auszusetzen. Overnights wären ob der Schließungen von Hotels und Restaurants gegenüber unserem fliegenden Personal absolut unverantwortlich gewesen. Des Weiteren wollten wir absolut vermeiden, dass die plötzliche Schließung eines Airports oder ein technisches Problem am Flugzeug für die Piloten in einem längeren, unvorhergesehenen Auslandsaufenthalt endet. 

Wenn wir uns die Zahlen der durchgeführten Flüge bzw. der Flugstunden pro Flugzeug im März und April der vergangenen Jahre ansehen und mit heuer vergleichen, so müssen einen Rückgang um zirka 80 Prozent feststellen. Jedoch gehen wir davon aus, dass uns noch Schlimmeres bevorsteht. Die Sommersaison, welche von Mai bis zirka Mitte September geht und uns den Großteil des Jahresumsatzes beschert, wird dieses Jahr mit großer Wahrscheinlichkeit ins Wasser fallen. Zum einen sind dafür die unterschiedlichen Reisebeschränkungen und Einreisebestimmungen für die typischen Sommerdestinationen verantwortlich, zum anderen wird sich mit Sicherheit, zumindest kurz- und mittelfristig, das Reiseverhalten der Personen ändern. Somit werden wir den Fokus ganz klar auf den B2B-Bereich in Österreich legen.

Das Interesse an Flügen mit Business Jets steigt nun - zumindest bei Jet Fly - wieder an (Foto: Jet Fly).

Unser aller Ziel muss es sein, die Wirtschaft so rasch als möglich wieder anzukurbeln. Und dazu können wir einen wichtigen Beitrag leisten, indem wir unseren international tätigen österreichischen Kunden dabei helfen, ihre Dienstreisen so effizient wie möglich zu gestalten. Totale Koordination, volle Verfügbarkeit, Privatsphäre, absoluten Komfort, absolute Flexibilität und natürlich höchste Sicherheit – all dies werden wir den österreichischen Unternehmen bieten, um sie dabei zu unterstützen die Krise zu meistern.  

AviationNetOnline: Bei welchen Gruppen gibt es weiterhin Nachfrage bzw. wo wird Sie demnächst als erstes zurück kommen?

Raphael Spindelberger: Seit gut zwei Wochen erreichen uns wieder täglich zahlreiche Anrufe. Es scheint so, als konnten die Unternehmen ihre Auslandstermine allesamt bis Ende April absagen, jedoch zeigt sich, dass dies definitiv nicht mehr länger möglich ist. Einfach gesagt, die Leute müssen und wollen wieder fliegen. Es handelt sich dabei jedoch keinesfalls um fixe Buchungen, sondern im Endeffekt benötigen die Unternehmen Information, ab wann, und wenn ja, in welcher Form Reisen wieder möglich sind. Es ist ein absoluter Informationsmangel zu erkennen. Aber irgendwie geht es und doch allen so.

AviationNetOnline: Derzeit gibt es ja viele verschiedene Reisebeschränkungen, Einreisebestimmungen und NOTAMs mit Corona-Bezug. Wie kann man hier noch den Überblick behalten?

Raphael Spindelberger: NOTAMs sind natürlich kein Problem, diese gehören ja zu unserem Alltag. Schwieriger wird es schon einen Überblick über die verschieden Reisebeschränkungen und Einreisebestimmungen für unsere Passagiere zu behalten. Jedoch versuchen wir natürlich alle soweit es geht am neuesten Stand zu sein, um unsere Kunden mit den aktuellsten Informationen zu versorgen. Im Endeffekt bleibt uns derzeit nur die Möglichkeit, jeden einzelnen potenziellen Flug auf seine tatsächliche Durchführbarkeit zu prüfen. Dies nimmt natürlich Zeit in Anspruch und führt dazu, dass wir derzeit unserer Angebote nicht in der gewohnten Geschwindigkeit erstellen können.

AviationNetOnline: Was erwarten Sie sich von Seiten der Politik bzw. was würden Sie sich als Business-Jet-Anbieter wünschen?

Raphael Spindelberger: Meine größten Bedenken in diesem Zusammenhang sind, dass die Politik auf uns als Business-Jet-Anbieter vergisst. Täglich liest bzw. hört man, wie Fluglinien geholfen werden soll und wie das Reisen mit dem Linienflieger in Zukunft aussehen könnte. Ja, als Privatperson interessiert mich das natürlich auch, jedoch finde ich es erschreckend, dass unserer Branche, obwohl wir alle einen wesentlichen Beitrag zur österreichischen Wirtschaft leisten, keine Beachtung geschenkt wird. Aber im Endeffekt kennen wir das ja bereits von unserem „daily business“, wo Regelungen zur Anwendung kommen, welche absolut keinen Sinn für die Business-Aviation machen.

Anbieter von Geschäftsreiseflugzeugen haben sich teilweise mit anderen "Corona-Problemen" auseinanderzusetzen als die großen Airlines (Foto: Jet Fly). 

Was wir jetzt brauchen ist Klarheit, gerade in Bezug auf die oben erwähnten Tests. Wenn das Reisen in Zukunft nur mit einem negativen Testergebnis möglich ist, dann müssen auch genügend Tests für unsere Passagiere verfügbar sein. Eine weitere Möglichkeit sehe ich darin, sich Gedanken zu machen, ob es nicht sinnvoll wäre, für Geschäftsreisende, welche einen Privatjet nutzen, separate Einreisebestimmungen festzulegen. So könnte auch unserer Branche in absehbarer Zeit wieder zur Normalität zurückkehren. Als Business-Jet-Anbieter wünschen wir uns ein rasches Handeln von Seiten der Regierung und eine Behörde, die uns beim Weg aus der Krise unterstützt, uns mit umfassenden Informationen versorgt und nicht im Unklaren lässt. 

Autor: Martin Metzenbauer
Herausgeber und Chefredakteur
Martin gründete 2004 aufgrund seines starken Luftfahrtinteresses Aviation Net. Er liebt das Fliegen und Reisen– und schreibt darüber natürlich auch gerne.

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