Bratislava: Nach Passagierrekorden folgte der Lockdown …

Austrian Aviation Net sprach mit Radek Zabransky (Director Aviation & Strategie Development Bratislava Airport) über die aktuellen Entwicklungen des slowakischen Hauptstadtflughafens.

Der Flughafen Bratislava hat die Krise voll zu spüren bekommen (Foto: Martin Dichler).

Der Flughafen Bratislava hat alles was ein moderner Flughafen heute benötigt: Einen uneingeschränkten 24-Stunden-Flugbetrieb, einen modernen Terminal, der erst im Jahr 2012 eröffnet wurde, ein Zwei-Pisten System, zahlreiche Wartungsunternehmen und ausreichend Platz für eine zukünftige Expansion. Diese Entwicklung fand mit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie aber vorerst ein jähes Ende, als die slowakische Regierung am 13. März 2020 alle kommerziellen Flüge untersagte und damit der Flugverkehr im Land zum Erliegen kam.

AviationNetOnline: Lassen Sie uns einen Blick auf die Vor-Corona-Zeit werfen, wie zufrieden waren Sie zuletzt mit der Entwicklung des Flughafens?

Radek Zabransky: Die Entwicklung des Flughafenverkehrs in den vergangenen Jahren war sehr vielversprechend. Sowohl 2018 als auch 2019 wurden zu den erfolgreichsten Jahren in der Geschichte des Flughafens, als wir jeweils die Schwelle von zwei Millionen abgefertigten Passagieren deutlich überschritten. Wir haben dabei historische Rekorde beim Verkehrsaufkommen erreicht, wie zum Beispiel:

  • die absolut höchsten Passagierzahlen seit mehreren Monaten in Folge,
  • die historisch höchsten Passagierzahlen, die je in einem einzigen Monat auf dem Flughafen BTS abgefertigt wurden - fast 350.000 Passagiere im Juli 2019,
  • 2018 verzeichneten wir die historisch stärkste Sommerferienzeit, als wir von Juni bis September mehr als eine Million Urlauber abfertigten.

Wir standen kurz davor im Jahr 2020 gleich mehrere neue Strecken in Betrieb zu nehmen und erwarteten zumindest die gleichen Passagierzahlen wie in den Vorjahren. Die Verkehrszahlen im Januar als auch im Februar waren ebenfalls höher als jene im Vorjahr.

Sie sind für die strategische Entwicklung des Flughafens verantwortlich, welche Zukunftsvisionen haben Sie für ihr Unternehmen? 

Zu diesem Zeitpunkt ist es äußerst schwierig, über strategische Entwicklungen zu sprechen. Zuerst müssen wir sehen, wie schnell sich die Industrie, der Tourismussektor und die Wirtschaft von dieser Krise erholen werden. Daher konzentrieren wir uns derzeit darauf, die ursprünglich für die nahe Zukunft geplanten Routen wiederherzustellen. Unser Hauptaugenmerk liegt derzeit in der Tat auf der Umsetzung von Vorsichtsmaßnahmen und Anforderungen, die von den Gesundheitsbehörden der Länder festgelegt wurden, um sicherzustellen, dass der Flughafen während des Post-Covid-Betriebes ein sicherer Ort für unsere Passagiere ist.

Radek Zabransky (Foto: Martin Dichler).

Die Slowakei hat in einen sehr drastischen Schritt mit 13. März 2020 alle Flüge in das Land verboten um die Ausweitung der Covid-19-Pandemie einzugrenzen. Welche Auswirkungen hatte die Entscheidung auf den Flughafen und dessen Mitarbeiter?

Das Verbot von Zivilflügen hatte erhebliche Auswirkungen auf unseren Flughafen. Die einzigen zivilen Flüge, die nach der Verhängung des Flugverbots durchgeführt werden durften, waren Hilfs- und Rückführungsflüge. Die erzwungene Schließung des Flughafens war als eine Maßnahme zur Bekämpfung der Covid-Pandemie verständlich. Natürlich hat dies aber zu einem erheblichen Einnahmenverlust bei den Landegebühren, den Gebühren für abfliegende Passagiere, der Bodenabfertigung der Flugzeuge und anderen Einkünften aus nicht luftfahrtbezogenen Tätigkeiten (z.B. Einnahmen aus dem Parken von Autos) bedeutet. Was die Mitarbeiter anbelangt, so war es das Ziel des Unternehmens, sein geschultes und hochprofessionelles Personal im Unternehmen zu halten. Wir haben die Mitarbeiter der Verwaltung zum Beispiel zuhause im Home-Office arbeiten lassen.

Hat die slowakische Regierung bereits eine Lockerungen der Flugverbote angekündet?

Ja, aber es wird in der Tat davon abhängen, wann und wie das Flugverbot für kommerzielle Flüge aufgehoben wird und in welche Länder die Flüge zugelassen werden. Im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass die ersten Flüge ab Mitte Juni durchgeführt werden, weitere Flüge werden ab Juli verfügbar sein (Anmerkung der Redaktion: Der erste kommerzielle Flug wurde nach dem Interview am 16. Juni 2020 von Bratislava nach Sofia durchgeführt).

Im Vorjahr wurden mehr als zwei Millionen Passagiere in Bratislava abgefertigt (Foto: Martin Dichler).

Derzeit herrscht noch sehr viel Verunsicherung bei den Konsumenten, rechnen Sie mit einer entsprechenden Nachfrage am Markt? 

Dies ist eine sehr schwierige Frage. Der Luftfahrt- und der Tourismussektor waren zuerst und am stärksten von dieser Pandemie betroffen, doch andere Wirtschaftszweige folgten bald. Dies wird sich mit Sicherheit auf die Nachfrage nach Reisen auswirken, da die Löhne und Einkommen vieler Menschen gesunken sind. Aber wir werden höchstwahrscheinlich in den nächsten Wochen sehen, wie die tatsächliche Situation aussieht und womit wir rechnen müssen. Ich gehe davon aus, dass vor allem der Freizeitreisemarkt in diesem Jahr erheblich betroffen sein wird, aber neben der geringeren Nachfrage ist auch unklar, ob es möglich sein wird, beliebte Sommerdestinationen außerhalb Europas zu bereisen. In jedem Fall haben Fluggesellschaften und Reisebüros einen viel besseren Zugang zu Buchungsdaten und könnten bessere Aussichten bieten.

In einer Presseaussendung haben Sie die Verschiebung einer geplanten Pistensanierung angekündigt. Eine Auswirkung der Corona Krise?

Das ist richtig. Die Bauarbeiten wurden verschoben, und der Grund dafür ist ganz einfach: Wir mussten den Flughafen während der Krisenzeit in Betrieb halten, um sicherzustellen, dass alle notwendigen Frachtflüge, die medizinische Hilfsgüter in die Slowakei transportieren, sowie die Repatriierungsflüge ohne Einschränkungen durchgeführt werden konnten.

Das moderne Terminal in Bratislava (Foto: Martin Dichler).

Während den letzten Wochen haben einige Fluglinien ihre Flugzeuge nach Bratislava transferiert, um Abstellkosten einzusparen. Haben Sie sich um dieses Geschäft aktiv beworben oder sind die Fluglinien von allein auf Sie zugekommen?

Dies ist keine 100-prozentig korrekte Information. Die Flugzeuge wurden in erster Linie zur Wartung durch die Austrian Technik Bratislava (ATB) nach Bratislava überstellt und es könnten in naher Zukunft noch mehr Flugzeuge folgen. Natürlich ist es in der Tat eine Einnahmequelle für uns. Auf der anderen Seite sollten wir bedenken, dass das Abstellen eines Flugzeugs seine Besonderheiten hat, zum Beispiel müssen geparkte Flugzeuge auf der Grundlage der vom Hersteller festgelegten Anforderungen und Programme kontinuierlich gewartet werden.

Smartwings, Ryanair, Wizzair und Cyprus Airways hatten für den Sommer 2020 zahlreiche neue Verbindungen ab Bratislava angekündigt, weiß man schon welche der angekündigten Flüge tatsächlich aufgenommen werden sollen?

Mit Ausnahme von Cyprus Airways erwarten wir, dass alle anderen Fluggesellschaften ab Mitte Juni und insbesondere ab Juli ihren Betrieb wieder aufnehmen werden. Natürlich müssen wir damit rechnen - und es wurde bereits von den Fluggesellschaften signalisiert -, dass die Zahl der Flüge und Frequenzen in der Anfangsphase des Betriebs reduziert werden. Erste Flüge werden in jene Länder durchgeführt, in denen die Gesundheitssituation besser oder ähnlich wie in der Slowakei ist. Wir hoffen, dass die meisten der für diesen Sommer geplanten Reiseziele nach und nach hinzugefügt werden, aber auch hier hängt alles von der Entscheidung der jeweiligen Behörden ab, in welche Länder wir ohne Einschränkungen reisen dürfen.

In Bratislava findet man auch die slowakischen Regierungsflugzeuge - und Cargomaschinen (Foto: Martin Dichler).

Sind Sie noch optimistisch, dass es so etwas Ähnliches wie ein Charterprogramm für den Sommer ab Bratislava geben wird?

Charterflüge ab Juli sind weiterhin ab Bratislava geplant. In welchen Ländern sie durchgeführt werden, hängt in erster Linie von der Entscheidung der Gesundheitsbehörden ab, und welche Länder die Grenzen für Slowaken öffnen werden. Unsere Hauptverantwortung besteht darin, dafür zu sorgen, dass sich die Passagiere auf dem Flughafen sicher fühlen. Wir werden die Anordnungen und Anforderungen der Hygieniker und Gesundheitsbehörden befolgen und wir sind bereits dabei, die von der EASA und anderen internationalen Organisationen empfohlenen Maßnahmen umzusetzen. 

Die Branche spricht von einer längeren Krise, wie lange wird es ihrer Meinung nach dauern, bis sich der Flughafen wieder erholt hat?

Nun, da wir ein integraler Bestandteil der Luftfahrtindustrie sind, können wir uns nur Hand in Hand mit der Erholung der gesamten Industrie erholen. Es ist in der Tat sehr schwer vorherzusagen, wie lange die Erholung dauern wird, aber wir müssen darauf vorbereitet sein, dass es sogar drei bis vier Jahre dauern könnte, wie es von den Branchenverbänden ACI oder IATA, bzw. von unseren Airline Partnern eingeschätzt wird.

Autor: Martin Dichler
Martin Dichler war bis 2019 Vorsitzender der Flughafenfreunde Wien und schreibt seit Jahren als freier Journalist für diverse Luftfahrt- und Reisemedien.

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