Branchenausblick: Wenig Grund für Optimismus?

Nach dem Lockdown nimmt der Flugverkehr allmählich wieder an Fahrt auf. Doch ist das Schlimmste für die Branche damit schon überstanden? Ein Kommentar von Martin Metzenbauer.

Dunkle Wolken - nicht nur über Lufthansa und AUA (Foto: Martin Metzenbauer).

Langsam versuchen die Airlines nach dem Corona-Crash wieder Luft unter die Flügel zu bekommen: Kapazitäten werden aufgestockt, Manager üben sich im Zweckoptimismus. Darüber, inwieweit das wiedererwachende Angebot auch von den Passagieren angenommen wird, kann nur spekuliert werden. Fakt ist, dass zwar mehr und mehr Flughafen-Paare wieder miteinander verbunden werden - die Anzahl der angebotenen Flugsessel liegt aber noch meilenweit hinter jener von vor Corona.

Trotz der ohnehin noch geringeren Kapazitäten ist beispielsweise bei Austrian Airlines die Auslastung in den ersten sechs Monaten 2020 gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um 10 Prozentpunkte auf 68,1 Prozent gesunken (und da waren noch die Vor-Corona-Monate dabei). Genaue monatliche Zahlen gibt der Lufthansa-Konzern ja seit 2020 nicht mehr heraus - bei der auskunftsfreudigeren SAS beispielsweise ist der Sitzladefaktor im Juli 2020 bei mageren 50,6 Prozent (minus 32,6 Prozentpunkte) gelegen. Man darf annehmen, dass es bei so manchem europäischen Mitbewerber nicht viel anders ausgesehen hat.

Der aktuelle Zustand ist also noch weit von irgendeiner "Normalität" entfernt - der vorher genannte Manager-Optimismus könnte eher eine hartnäckige Depressivität in der Branche kaschieren. Doch dürfen die Fluglinien wenigstens berechtigte Hoffnung haben, dass die Passagierzahlen bald wieder durch die Decke steigen wie vor der Krise? Oder wird es wirklich noch jahrelang dauern, bis ein ähnliches Niveau erreicht wird? Und wird es solche Wachstumsraten überhaupt wieder geben? Freilich gibt es keine (verlässliche) Glaskugel in die man schauen kann. Aber ob man wirklich optimistisch sein darf, dass die Branche schnell wieder so richtig abhebt, ist mehr als fraglich. Und zwar hauptsächlich aus drei Gründen:

Erstens ist ziemlich klar, dass ein erfolgreicher echter Neustart erst mit einem Impfstoff und einer ausgedehnten Durchimpfung der Menschen möglich sein wird. Stichworte wie "Landeverbote", "Coronatest", "Quarantäne" und "Maske an Bord" lassen vermutlich vorher (gepaart mit der Angst vor einer Infektion) die Lust am Fliegen bei vielen weiterhin überschaubar bleiben. Hinsichtlich der Impfung ist zum einen aber derzeit noch nicht absehbar, wann (und ob) es einen wirksamen Impfstoff geben wird - man bedenke, dass es trotz intensiver Bemühungen noch immer keinen gegen HIV oder Hepatitis C gibt. Zum anderen wird es auch länger dauern, bis die entsprechenden Impfungen groß produziert und auch verabreicht werden können.

Das zweite Fragezeichen betrifft die gesamtwirtschaftliche Situation. Derzeit hanteln sich viele Unternehmen (nicht nur in den DACH-Staaten) mit staatlicher Hilfe über die maue Zeit. Viele mussten bereits aufgeben. Aber die deutliche Rezession - im Euro-Raum geht man heuer von mehr als acht Prozent aus - und das Warten auf Erholung könnten deutliche Spuren hinterlassen. Wann die Wirtschaft wieder anziehen wird und wie sich die Arbeitslosenzahlen in den nächsten Monaten (und darüber hinaus) entwickeln werden, steht noch ein wenig in den Sternen - und hängt wohl nicht zuletzt davon ab, wie schnell man diese Pandemie in den Griff bekommt. Dem westlichen Wirtschaftssystem ist jedenfalls ein gehöriger Dämpfer verpasst worden, der wohl noch längere Zeit widerhallen wird - auch wenn für die Euro-Zone nächstes wieder um mehr als sechs Prozent wachsen soll. Dieser könnte sich sowohl auf die Geschäftsreisenden als auch auf die Touristen auswirken. Wer keinen Job hat, wird kaum auf Urlaub fliegen - ein Unternehmen in der Krise wird vielleicht eher auf Zoom als auf Flug setzen.

Corona könnte die Luftfahrtbranche auch noch nach dem Ende der Pandemie beeinflussen (Foto: Martin Metzenbauer).

Und drittens werden Themen zurückkehren, die aufgrund der Pandemie zuletzt aus dem Rampenlicht verschwunden sind: Vom Umweltschutz, dem Klimawandel bis zu Flightshame spannt sich der Bogen, der die Branche vermutlich nachhaltiger begleiten wird als das Coronavirus. Das politische Umfeld wird künftig stärker als bisher auf Druck von außen gar nicht umher kommen können, den Flugverkehr in die Schranken zu weisen. Der Mindestpreis für Tickets und das Verbot von Ultrakurzstrecken könnten hier nur erste Schritte sein. Zu hoch ist der Druck in diese Richtung - und zu exponiert ist der Flugverkehr (auch wenn dessen Anteile am CO2-Ausstoß bekanntermaßen vergleichsweise eher gering sein dürfte).

Neben diesen drei Gründen, warum der Luftverkehr vielleicht nicht so schnell wieder in die Gänge kommt, blitzen aber noch ein paar Nebenschauplätze auf, die das schnelle Wachstum und die Prosperität mancher Fluglinien eindämmen könnten. Ein Bereich ist die zunehmende Sensibilisierung in Richtung Sozialthemen bei Angestellten in der Branche. Den Umgang mit und den Druck auf die Mitarbeiter bei manchen Airlines könnte die Politik - nicht zuletzt aufgrund von Sicherheitsbedenken - auch langsam in den Fokus nehmen: Billigen (in mehrfacher Bedeutung) Beschäftigungsverhältnissen könnte irgendwann der Garaus gemacht werden - eine Hiobsbotschaft für so manchen Carrier, der auf preisgünstige Leiharbeiter oder sonstige Konstrukte setzt.

Vielleicht wird man aber auch aufgrund der Erfahrungen mit der Ausbreitung der Corona-Pandemie generell etwas vorsichtiger sein: Der Hauptgrund, warum sich das Virus so rasch in alle Winkel des Planeten verbreitet hat, war ja klarerweise im globalen Luftverkehr zu suchen. Hier ist durchaus denkbar, dass Staaten bei künftigen drohenden Epidemien nervöser reagieren und schneller prophylaktisch abriegeln und die Grenzen dichtmachen. On top könnte aber noch ein anderes Thema den Relaunch des Luftverkehrs erschweren, das bereits in einem früheren Kommentar ausgeführt worden ist: Fliegen ist durch die ständige "Anpassung" der Airlineprodukte immer unlustiger geworden - ob Fluglinien nach Corona die Liebe zum Kunden höher einschätzen als jene zum "optimierten" Umsatz ist eher fraglich. Und ob die Fortsetzung dieser Entwicklung die Freude am Fliegen wieder anfeuert obendrein.

Kurzum: Corona wird (falls es bald eine Impfung gibt) eher morgen als übermorgen verschwinden. Die Baisse der Luftfahrtbranche könnte da deutlich länger anhalten - auch wenn Airlinemanager zweckoptimistisch in die Zukunft blicken. Aber es wäre nicht die Aviation-Branche, wenn dann letztlich doch noch alles anders kommt als erwartet...

Autor: Martin Metzenbauer
Herausgeber und Chefredakteur
Martin gründete 2004 aufgrund seines starken Luftfahrtinteresses Aviation Net. Er liebt das Fliegen und Reisen– und schreibt darüber natürlich auch gerne.

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