BER-Start verschoben - Mehdorn enttäuscht

Was schon lange befürchtet wurde, ist nun offiziell: Der neue Berliner Großflughafen wird erst Ende Oktober 2013 eröffnet. Tegel muss noch mehr Passagiere bewältigen, was Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn nicht gerade das Leben erleichtert.

BER-Geschäftsführer Rainer Schwarz und der neue technische BER-Geschäftsführer Horst Amann informierten am Freitag über den weiteren "Fahrplan". (Foto: Günter Wicker)

Die Megabaustelle "Willy-Brandt-Flughafen Berlin Brandenburg" wird auch den für März 2013 angekündigten Eröffnungstermin nicht einhalten. Wie die Berliner Flughafengesellschaft am Freitagabend während einer Pressekonferenz mitteilte wird es voraussichtlich der 27. Oktober 2013 werden.

Horst Amann, neuer technischer Geschäftsführer der Berliner Flughäfen, gibt in einer Aussendung an, dass zunächst die restlichen Ausführungspläne erstellt werden müssen und die im Herbst wieder aufzunehmenden Bauarbeiten sollten bis Sommer 2013 abgeschlossen sein, so dass diesmal die behördlichen Abnahmen termingerecht erfolgen können.

Dass die Fertigstellung des BER teurer wird war schon im Vorfeld klar. Doch nun legte die Flughafengesellschaft neue Schockzahlen vor: Mindestens 1,2 Milliarden Euro wird das Megaprojekt noch verschlingen, die sich laut Pressemeldung wie folgt aufschlüsseln:

bisherige Bau-Mehrkosten

276 Mio. Euro

verschiebungsbedingte Bau-Mehrkosten 

 67 Mio. Euro 

Verschiebungsbedingter Bedarf/Belastungen aus dem operativen Geschäft 

230 Mio. Euro

Risikovorsorge für sonstige Mehrkosten und Mindereinnahmen

322 Mio. Euro

Mehrkosten aus Umsetzung des Schallschutzprogramms

305 Mio. Euro

vorläufige Gesamt-Mehrkosten

1,2 Mrd. Euro 

Das Finanzierungskonzept soll laut Aussendung der Berliner Flughäfen in den nächsten Tagen der Europäischen Kommission zur Notifizierung vorgelegt werden. Unbestätigten Informationen der Rhein-Ruhr-Nachrichten zufolge könnte der deutsche Staat einen Zuschuss von 400 Millionen Euro leisten.

Das seit längerer Zeit in der öffentlichen Kritik stehende Debakel um die Brandschutzanlage wird laut Amann komplett neu aufgerollt. Selbstkritisch äußert sich der Technikchef dazu: „Es fehlen noch Pläne für eine gesamthafte, integrierte Planung. Hier ist weitere Planungsarbeit nötig, damit die Baufirmen eine verlässliche Basis für ihre restlichen Arbeiten haben.“ Im Zuge dessen soll es auch zu einer Verbesserung der Zusammenarbeit mit Bauaufsicht und -amt kommen, so dass eindeutige Funktionsnachweise vorliegen, um den neuen Flughafen in eine genehmigungsfähige Lage zu bringen.

Auf der Pressekonferenz bestätigte neue technische BER-Geschäftsführer Amann den nahezu totalen Baustopp zur allgemeinen Bestandsaufnahme. Die nächsten Schritte wären bis Herbst 2012 die Erstellung der noch fehlenden Ausführungspläne und anschließende Wiederaufnahme der restlichen Bauarbeiten. Im Sommer 2013 sollen Verbundtests und eine abschließende Prüfung durch das Bauamt erfolgen. Dem folgen das Herstellen der technischen Betriebsbereitschaft und ein Probebetrieb. 

Von der kürzlich diskutierten "Soft-Eröffnung auf Raten" - AAnet berichtete - hingegen ist keine Rede mehr. Gemäß der BER-Aussendung sollen die Flughäfen Schönefeld und Tegel am 26. Oktober 2013 ihre Pforten schließen und der neue Willy-Brandt-Flughafen am 27. Oktober 2013 in Betrieb genommen werden. Den Terminplan hält Amann für realistisch und weist kürzlich durch die Medienwelt gegeisterte Gerüchte zurück: „Gerüchte, es gebe einen Systemfehler in der Brandschutzanlage, kann ich nach meiner Prüfung nicht bestätigen. Auch die ganzen anderen Gerüchte, im Keller des Terminals stünde Wasser, die Südbahn sei unterspült oder der Tower stünde schief, entbehren jedweder Grundlage.“

Hartmut Mehdorn macht Druck

 
Für Air-Berlin-CEO Hartmut Mehdorn ist das BER-Desaster bei der Sanierung des Air-Berlin-Konzerns nicht gerade hilfreich. (Foto: Air Berlin PLC & Co Luftverkehrs-KG)

Der "Willy-Brandt-Flughafen" ist keinesfalls das erste Airport-Desaster in Deutschland. München II benötigte vom Planungsentscheid bis zur Eröffnung geschlagene 23 Jahre. Insofern liegt der neue Großflughafen mit bislang 21 Jahren gegenüber München II noch ganz gut im Rennen. Der Imageschaden durch bereits drei verschobene Eröffnungstermine, laufend steigende Baukosten und publik gewordene Fehler bei Planung und Technik ist bereits unweigerlich eingetreten. Die teils chaotischen Zustände am sprichwörtlich aus allen Nähten platzenden Flughafen Tegel verschärfen den öffentlichen Druck auf die Flughafenverantwortlichen immer weiter. Nicht zuletzt heizte der Chef des Homecarriers Air Berlin, Hartmut Mehdorn, am Donnerstag die Diskussion durch seine öffentliche Forderung der Ablöse von Flughafenchef Rainer Schwarz neuerlich an, wie das Handelsblatt unter Berufung auf die "Bild"-Zeitung berichtete.

Aus Air-Berlin-Kreisen heißt es, dass die verschobene BER-Eröffnung große Probleme bereite und hohe Kosten verursacht habe und weiterhin - Experten kolportieren bis zu fünf Millionen Euro pro Monat - verursache. CEO Hartmut Mehdorn sprach dazu im bereits in der RBB-Fernsehsendung "Thadeusz" am 21. August 2012 äußerst harte Worte: „Wir haben Unkosten, die der Flughafen erstatten muss. Wenn er das nicht tut, dann müssen wir klagen.“

Fast schon versöhnlich wirkt der 70-jährige Airline-Boss hingegen in seinem Podcast nach der BER-Pressekonferenz am Freitagabend: „Wir freuen uns weiterhin auf unseren neuen Heimatflughafen und setzen auf den BER. Als Marktführer hier in der Hauptstadt wollen wir unsere Stellung ausbauen, kontinuierlich wachsen und unser Drehkreuz mit internationalen Langstrecken weiter aufbauen. Es ist bedauerlich, dass wir nach diesem Beschluss noch eine Sommersaison in Tegel verbringen müssen. Wir hatten vor allem im Sinne unserer Fluggäste erwartet, dass uns dies erspart bleibt. Tegel ist bereits heute an seiner Kapazitätsgrenze und verträgt kaum mehr Wachstum. Dort können wir unseren Gästen leider nicht immer die Qualität bieten, die sie von uns gewöhnt sind. Wir werden jedoch weiterhin alles tun, um die Auswirkungen für unsere Gäste so gering wie möglich zu halten. Dies ist uns bisher mit sehr großem Aufwand einigermaßen gelungen. Unser zusätzliches Servicepersonal wird in Tegel weiterhin unseren Gästen zur Verfügung stehen und für einen möglichst reibungslosen Ablauf sorgen.“ Bei aller Freundlichkeit lässt es sich Mehdorn nicht nehmen nochmals auf seinen Erstattungsanspruch zu pochen: "Hier werden wir jetzt unseren Dialog mit dem Flughafen weiterführen, wie wir Entschädigungen bekommen können und werden uns dann auch die nächsten Schritte vorbehalten."

Noch mehr Passagiere in Tegel?


Aus allen Nähten platzend: "Otto-Lilienthal"-Flughafen Berlin-Tegel (Foto: Günter Wicker)

Der in deutschen Medien als "Bruchbude" geschmähte "Otto-Lilienthal"-Flughafen Berlin-Tegel konnte in den ersten acht Monaten des Jahres durch die Ausweitung der Flugangebote des Homecarriers Air Berlin, aber auch Lufthansa, einen Zuwachs von 7,6 Prozent auf 11,8 Millionen Passagiere verzeichnen. Flughafen-CEO Rainer Schwarz rechnet mit einer weiteren Steigerung:  „Wir rechnen auch in den kommenden Monaten mit einem weiteren Passagierzuwachs. Daher müssen wir sicherstellen, dass wir die Bedingungen für die Airlines und Passagiere in Tegel in den kommenden Monaten so gut wie möglich gestalten.“ Man arbeite bereits mit Airlines und Bodenabfertiger Globe Ground an Lösungen, um die Probleme in Tegel minimieren zu können.

Durch die Verlagerung des Flugangebots des Lufthansa-Ablegers Germanwings von Schönefeld nach Tegel - AAnet berichtete - dürfte das Passagieraufkommen in Tegel besonders ab Winterflugplan nochmals deutlich steigen. Ob dafür weitere temporäre Erweiterungsbauten in Tegel notwendig sind, wollte die Flughafengesellschaft auf Anfrage vor der Pressekonferenz nicht bestätigen.

Was hingegen aus dem Flughafen Tegel nach seiner Schließung - wann diese auch immer sein wird - gemacht wird, kristallisiert sich durch den im August 2012 veröffentlichten Masterplan heraus. Wie die "Welt" berichtete soll das Hauptterminal erhalten bleiben und die "Beuth Hochschule für Technik" beherbergen. Die angrenzenden Gebiete könnten ein Technologiecampus mit aufgewerteter (ehemaliger) Flughafeneinfahrt bzw. ein neues Erholungsgebiet für Berlin werden. Logischerweise kann mit der Nachnutzung erst nach Schließung des Flughafen Tegel begonnen werden und dieser ist natürlich von der Eröffnung des "Willy-Brandt-Flughafens" abhängig.  

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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