AUA braucht nicht nur Kredite, sondern auch Eigenkapital

Rund 767 Millionen Euro wurden bei Kontrollbank und Cofag beantragt. Die Regierung will den Carrier nicht um jeden Preis retten.

Foto: Thomas Ramgraber.

Nicht nur staatliche Garantien für Bankkredite, sondern auch mindestens 300 Millionen Euro an Eigenkapital in Form einer staatlichen Hilfe benötigt die Lufthansa-Tochter Austrian Airlines. Insgesamt geht es um 767 Millionen Euro, berichtet die Tageszeitung „Kurier“. Ein Sprecher des Unternehmens bestätigte gegenüber dem Medium, dass bei der Kontrollbank und der Cofag insgesamt 767 Millionen Euro beantragt wurden.

Lufthansa droht mittlerweile unmissverständlich damit, dass man die Tochter Austrian Airlines in Insolvenz schicken werde, falls keine finanzielle Hilfe seitens der Republik Österreich erfolgen sollte. In Deutschland ist die Tonlage nicht anders, denn will man rund neun Milliarden Euro in Form von Bürgschaften, Beihilfen und Krediten vom Staat sehen, doch die Bedingungen, die die deutsche Regierung stellt, sind in den Augen von Konzernchef Carsten Spohr so unanehmbar, dass mit der Insolvenz in Form eine so genannten Schutzschirmverfahrens gedroht wird. Deutschland betrachtet die Kreditvergabe als Hochrisikodarlehen und fordert hierfür unter anderem neun Prozent Zinsen, eine Beteiligung in der Höhe von 25 Prozent plus eine Aktie sowie zwei Sitze im Aufsichtsrat. Zuviel Einflussnahme durch den Staat scheut man offenbar bei Lufthansa.

Der Kurier bezeichnet im zitierten Zeitungsbericht die aktuelle Lage der Austrian Airlines als „großes Desaster“ und deutet indirekt an, dass dem Carrier recht bald die Liquidität ausgehen könnte. Die Kurzarbeit der rund 7.000 Beschäftigten ist vorläufig bis zum 18. Mai 2020 befristet, kann jedoch auf Antrag verlängert werden.

Das Medium schreibt, dass Austrian Airlines zusätzlich zu staatlich garantierten Krediten mit einer Laufzeit von fünf Jahren mindestens 300 Millionen Euro an Eigenkapital, sprich direkte staatliche Beihilfe, benötigen würde. Dabei wird genannt, dass rund 120 Millionen Euro „sofort“ für Pensionsrückstellungen für rund „160 alte Führungskräfte weg“ wären. Es soll allerdings noch offen sein in welcher Form Austrian Airlines frisches Eigenkapital zugeführt werden könnte.

In den letzten Wochen kursierte wiederholt das Gerücht, dass Austrian Airlines einen akuten Finanzbedarf in der Höhe von 800 Millionen Euro habe. Selbst Firmenchef Alexis von Hoensbroech dementierte diese Zahl, unter anderem live im Fernsehen des Österreichischen Rundfunks. Bedingt durch den Umstand, dass nun ein Antrag über insgesamt 767 Millionen Euro bei der Cofag und der Kontrollbank eingebracht wurde, lagen die Spekulationen der vergangenen Wochen durchaus sehr nahe an der Realität.

Rund 400 Millionen Euro sollen laut Kurier-Bericht in Form von staatlich garantierten Krediten, die eine Laufzeit von fünf Jahren haben, fließen. Den Rest begehrt man in Form von Eigenkapital überwiesen zu bekommen, wobei die genaue Höhe und Zahlungsform noch verhandelt werden. Dazu soll am Mittwoch ein Treffen zwischen Lufthansa-Chef Carsten Spohr und Bundeskanzler Sebastian Kurz stattfinden.

Stimmung zwischen Österreich und Lufthansa ist vorbelastet

Das Klima zwischen Lufthansa und der österreichischen Regierung gilt seit vielen Jahren als vorbelastet. So war in den letzten Wochen wiederholt aus Kreisen der Bundesregierung zu vernehmen, dass der Kranich die Republik Österreich mehrfach regelrecht über den Tisch gezogen habe. Der Carrier wurde mit einer Mitgift von 500 Millionen Euro an Lufthansa verkauft, doch ernsthafte Investitionen, die das Leasing gebrauchter Flugzeuge überschreiten, wurden in den Augen der kritisierenden Politiker nicht vorgenommen. Doch viel schwerwiegender dürfte der Umstand liegen, dass es Lufthansa gelang die Bundesregierung Christian Kern mit der Drohung den Langstreckenverkehr oder gar Austrian Airlines in Wien zu beenden, zur Halbierung der Ticketsteuer zu bewegen. Versprochen wurden damals erhebliche Investitionen, insbesondere in den Ausbau und die Erneuerung der Langstrecke. Wien sollte durch die niedrigere Ticketsteuer einen massiven Wettbewerbsvorteil gegenüber den Hubs München und Frankfurt am Main haben, so dass ein großer Ausbau und die Verlagerung von Verkehren in Aussicht gestellt wurden. Die gesenkte Abgabe nahm man gerne an, doch neue Langstreckenmaschinen sind genauso wenig gekommen wie der schon fast als gigantomanisch schmackhaft gemachte Ausbau des Drehkreuzes Wien.

Dem heutigen Bundeskanzler dürfte der „Deal“, den die Regierung Kern damals mit Lufthansa gemacht hat, sehr gut bekannt sein, denn Sebastian Kurz gehörte genau diesem Kabinett an. Der Kanzler und viele weitere Regierungsmitglieder gelten nicht gerade als Anhänger der Aussage, dass Austrian Airlines „der“ National Carrier ist, sondern haben wiederholt betont, dass es sich um eine Tochtergesellschaft der Lufthansa handelt. Dennoch wird man die 7.000 Jobs nicht leichtfertig aufs Spiel setzen, aber wie Sebastian Kurz in einem Fernsehinterview unmissverständlich sagte: „Nicht um jeden Preis.“ Anders ausgedrückt: Lufthansa werde man nicht jede x-beliebige Summe sprichwörtlich in den Rachen stecken ohne dafür Sicherheiten oder Garantien zu haben.

Insbesondere die Arbeitnehmervertreter und Oppositionsparteien forderten in den letzten Wochen wiederholt, dass sich die Republik Österreich im Gegenzug für die Staatshilfe an Austrian Airlines beteiligen soll, um eben einen gewissen Einfluss auf die Geschicke des Unternehmens und damit das Investment zu haben. Doch als Minderheitsaktionär in einer Tochtergesellschaft, die sehr eng mit der Mutter verzahnt ist, hat man defacto keinen nennenswerten Einfluss. Daher steht nun eine staatliche Beteiligung an der Deutschen Lufthansa AG zur Debatte. Deren Börsenwert ist derzeit übrigens mit etwa 3,7 Milliarden Euro äußerst gering. Die Bundesrepublik Deutschland wäre also mit der angebotenen Hilfe in der Höhe von neun Milliarden Euro durchaus in der Lage den gesamten Konzern fast dreimal zu 100 Prozent zu übernehmen. Da erscheint eine Sperrminorität plus zwei Aufsichtsräte schon fast weit unter dem Wert der Finanzhilfe. In der Schweiz verhandelt man übrigens um rund 1,4 Milliarden Euro für die Tochter Swiss. Belgien sagte für Brussels Airlines bereits rund 290 Millionen Euro zu.

Regierung will Austrian Airlines nicht um jeden Preis retten

Auch der Kurier berichtet unter Berufung auf Regierungskreise, dass im Falle der Gewährung hoher Finanzhilfen für Austrian Airlines nur eine Beteiligung der Republik Österreich an der Lufthansa AG in Frage kommen würde. Selbiges ist in der Schweiz und in Belgien ebenfalls in Diskussion, so dass sich der börsennotierte Konzern den Einfluss seiner Geld- und Kreditbürgen wohl oder übel gefallen lassen muss. Allerdings ist dieses Szenario für den Spohr-Vorstand fast unannehmbar, denn es wurde mit der Insolvenz von Austrian Airlines und einem Insolvenz-Schutzschirmverfahren für die Konzernmutter gedroht. Ob dies nur „Pokern“ ist oder tatsächlich in die Realität umgesetzt werden könnte, wird sich zeigen, doch der Kurier zitiert aus der österreichischen Bundesregierung: „Wir werden uns nicht unter Druck setzen lassen. Es werden alle Alternativen vorbereitet.“

Konkret prüft man Austrian Airlines pleitegehen zu lassen und im Fall des Falles einen neuen National Carrier aufzubauen. Dieser könnte als staatlicher Alleingang aufgebaut werden, aber auch in Zusammenarbeit mit einem neuen Partner, der eben nicht mehr Lufthansa wäre. Genannt werden namentlich die International Airlines Group, die mit Level Europe bereits eine österreichische Tochter unterhält, Air France-KLM und nicht näher bezeichnete Golfcarrier. Der Kurier zitiert aus Regierungskreisen, dass „eine Insolvenz für die Mutter Lufthansa sicher ein größeres Problem wäre als für Österreich. Eine AUA-Pleite würde Österreich die Chance eröffnen, einen neuen National Carrier mit einem anderen Partner aufzubauen, der den Hub Wien ernst nimmt und weiter ausbaut.“

Weiters wird berichtet, dass die österreichische Regierung auf Wachstums- und Bestandsgarantieren für Wien als Drehkreuz, aber auch die Bundesländerflughäfen poche. Von letzteren zog sich Austrian Airlines bereits weitgehend zurück, was für erhebliche Verstimmung in der Politik sorgte. Eine österreichische Staatsbeteiligung an der Lufthansa AG solle auch „auch eine Beteiligung des Standortes Österreich am Wachstum aller anderen Hubs“ sichern. Konkret soll es dabei um die Langstrecke, die bis zum Eintreten der Corona-Krise profitabel war, gehen.

Eine Pleite hätte auch Vorteile

Eine Insolvenz von Austrian Airlines könnte auch für Lufthansa ein durchaus reizvolles Szenario sein, denn die Marke könnte man auf das „Zweit-AOC“ Eurowings Europe übertragen und auf Grundlage dieses Unternehmens eine „neue AUA“, aber ohne Altlasten „aus der Parteibuchzeit“ aufbauen. Dem Personalüberhang, der in der Anfangszeit „nach Corona“ mit hoher Wahrscheinlichkeit bestehen könnte, hätte man sich so auch entledigt. Wer einen Job will, müsste sich dann bei Eurowings Europe neu bewerben. Unterm Strich käme es erheblich günstiger als die hohe Staatsbeihilfe für Austrian Airlines und die Ansprüche der „ehemaligen Führungskräfte“ wären dann ein Fall für den Insolvenzverwalter.

So der Staat lieber mit der International Airlines Group kooperieren möchte, so hätte diese mit ihrer Tochter Level Europe bereits ein heimisches AOC samt aufrechter Betriebsgenehmigung. Diese auszubauen wäre sehr einfach und auch Langstreckenfluggerät ist im Konzern verfügbar. Dieses müsste nur umregistriert werden. Österreich könnte sich an Level Europe beteiligen und in den Ausbau eines neuen National-Carriers auf Grundlage der heutigen Level Europe investieren. Anschlüsse und Zubringer könnten über die IAG und die Oneworld sichergestellt werden. Dieses Szenario gilt als durchaus möglich, jedoch wird zumindest offiziell verneint, dass es Gespräche dazu geben würde.

Im Golfcarrier-Szenario stellt sich allerdings die Frage mit wem man eigentlich kooperieren will. Etihad Airways fällt flach, denn das Unternehmen hat selbst genug Probleme und mit einer Ausnahme sind alle Airline-Beteiligungen mittlerweile pleite. Qatar Airways wäre zwar eine Option, gilt jedoch als durchaus komplizierter Kooperationspartner, der nicht mit der Wimper zuckt eine Reißleine zu ziehen, wenn von der anderen Seite her Forderungen nicht erfüllt werden. Die Pleite von Air Italy ist ein durchaus imposantes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit. Emirates Airlines dürfte wohl kaum an einer Zusammenarbeit mit Österreich interessiert sein, denn man beteiligt sich normalerweise nicht an anderen Carriern außerhalb der VAE. Wer bleibt also noch übrig? Gulf Air? Oman Air? Saudia? Eher unwahrscheinlich. Daher erscheint das Szenario eines neuen Staatscarriers mit Minderheitsbeteiligung aus der Golfregion eher wenig aussichtsreich.

Bleibt dann noch ein möglicher Alleingang des Staats. Hierzu müsste man sich rasch eine bestehendes österreichisches AOC kaufen oder aber selbst eine Neugründung vornehmen. Bedarfsorientiert könnte der Staat eine kleine Airline mit ein paar wenigen Langstrecken und einigen Regionalflügen aufbauen. Man hätte aber zumindest am Anfang keine Zubringer und Anschlussflüge, da man eben nicht auf das Netzwerk globaler Allianzen zurückgreifen kann. Bilaterale Codeshare-Vereinbarungen müssten geschlossen werden. Air Baltic zeigt, dass ein Carrier mit staatlicher Mehrheitsbeteiligung auch ganz ohne Allianz-Mitgliedschaft und großem Airlinepartner finanziell äußerst erfolgreich sein kann, doch: Air Baltic hat unzählige Codeshare-Partnerschaften, jedoch keine eigene Langstrecke. In Österreich hat der Staat Austrian Airlines in ihrer langjährigen Firmengeschichte „standalone“ gleich mehrfach fast an die Wand gefahren. Unter den Flügeln der Lufthansa konnte sich der Carrier bis zur Corona-Pandemie stabil halten und auch ein wenig weiterentwickeln. Daher ist das Szenario „der Staat macht’s alleine“ auch angesichts der Konkurrenz durch Ryanair und Wizzair ein hochriskantes und eher abwegiges Szenario.

2.000 Jobs wackeln, Lohnkürzungen von bis zu 30 Prozent drohen

Beim Mitbewerber Lauda werden Lohnreduktionen von bis zu 14 Prozent (bei Kapitänen) und der Abschluss eines neuen Kollektivvertrags im Expressverfahren gefordert. Andernfalls werde man die Basis Wien schließen und alle Routen werden von Konzernschwestern innerhalb der Ryanair Group übernommen. Diese Ankündigung sorgte selbst im Nationalrat in einer Rede für Kritik. Doch auch bei Austrian Airlines denkt man sehr laut darüber nach die Kosten durch Lohnsenkungen zu reduzieren. Der Kurier schreibt, dass die Belegschaft am Dienstag im Rahmen einer „Red Hour“ darüber informiert wurde, dass ein Reallohnverlust von bis zu 30 Prozent droht. Insgesamt sollen jährlich 100 Millionen Euro eingespart werden. Bereits am Vortag berichteten Zeitungen ohne nähere Quellenangabe, dass bis zu 2.000 Stellen abgebaut werden könnten. Die Gewerkschaft Vida sieht laut Kurier das „Race to the Bottom“ in Österreich eröffnet.

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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