ATB: „Chance auf Wachstum in der Nach-Corona Zeit“

Wolfgang Henle, CEO der Austrian Airlines Technik Bratislava im Interview.

Wolfgang Henle ist Geschäftsführer der Austrian Airlines Technik Bratislava (Foto: Martin Dichler).

Seit dem Jahre 2006 betreibt Austrian Airlines am Flughafen Bratislava einen technischen Wartungsbetrieb. Austrian Technik Bratislava (ATB) hat sich auf die Wartung von Regionalflugzeugen spezialisiert. Wurden zunächst nur Flugzeuge der Typen Fokker 70 und Fokker 100 gewartet, wurde das Angebot mit den Jahren um die DHC Dash 8 und dem Embraer 190 Jet erweitert.

Dass die Corona Pandemie in der Luftfahrt nicht nur Verlierer, sondern vielleicht auch Gewinner hervorbringen kann, könnte ATB schon bald beweisen. Während Mitbewerber ihren Betrieb einstellen mussten, denkt man bei ATB inzwischen über Wachstum nach. Derzeit versucht ATB Kunden zu gewinnen deren Werften den Betrieb einstellen mussten. So hat das etwa Leasingunternehmen Nordic Aviation Capital derzeit siebzehn ehemalige Eurowings (DHC Dash 8-400) Maschinen in Bratislava abgestellt die alle eine technische Überholung benötigen.

AviationNetOnline sprach mit dem erfahrenen Piloten und dem ehemaligen Austromir Kandidat Wolfgang Henle, der seit dem Jahr 2013 als Geschäftsführer des Unternehmens fungiert.

Sie sind bereits seit 25 Jahren bei Austrian Airlines beschäftigt, können Sie uns einen kleinen Einblick in ihre berufliche Laufbahn geben?
Meine Karriere hat 1994 als Dash - 8 Pilot bei Tyrolean Airways begonnen, dabei war ich auch für die Flugadministration zuständig, später wurde ich Risiko Manager und Controlling Chef bei Austrian. Bei der Austrian Tochter Slovak Airlines war ich von 2004 bis 2007 als Chief Operating Officer tätig und seit 2013 bin ich Geschäftsführer bei ATB hier in Bratislava.

Sie fliegen noch aktiv bei Austrian?
Ich hätte da aktiv 14.000 Flugstunden vorzuweisen (lacht), die meisten Flugstunden habe ich auf der Tyrolean/Austrian Dash 8 geflogen und vor einem Jahr habe ich auf den Airbus 320 gewechselt. Es ist ungewöhnlich, dass jemand in meiner Position im Konzern noch aktiv fliegt. Wegen des langsamen Hochfahrens nach der Krise ist der Bedarf an A320 Piloten bei Austrian derzeit beschränkt. Ich hoffe aber, dass ich dieses Jahr noch zum Fliegen kommen werde.

Welche arbeiten bietet Austrian Technik Bratislava (ATB) an?
ATB ist eine dieser neuen Werften die sich ganz der Schwerwartung verschrieben haben und keine Kompromisse mit der Linienwartung macht. Wir sind Spezialisten für die Schwerwartung, besser bekannt als C und D Checks. Das sind Wartungsereignisse, die so alle zwei Jahre auftreten und bei denen 5000 bis 10.000 Mannstunden im Flugzeug stecken. Dabei wird nicht nur repariert, sondern die Flugzeuge werden zerlegt und dabei gründlich durchgecheckt, manchmal sogar Nieten erneuert und danach sind die Flugzeuge eigentlich wie neu. Diese Art der Checks sind der Garant dafür, dass ein Flugzeug so lange geflogen werden kann. Das ist zwar auch ein Grund, warum Fliegen so teuer, aber gleichzeitig auch so sicher ist!


DHC Dash 8-400 (Foto: Flughafen Bratislava).

Begonnen hatte alles mit der Fokker Wartung, welches Flugzeugmodelle kamen seitdem dazu?
Unser zentrales Modell heute ist der Embraer Jet, bei dem wir viele Kunden weltweit betreuen. Die Dash 8 ist neu dazugekommen und natürlich sind die Fokker Jets immer noch wichtig für uns, weil wir neben unserer europäischen EASA Lizenz auch eine australische CASA Lizenz besitzen, was uns auch zu einer offiziellen australischen Werft macht. Jeder Wartungsbetrieb kämpft im Sommer darum seine Hallen mit Flugzeugen zu füllen, hier kommt uns zugute, dass die australischen Airlines ihre Flugzeuge im Winter -also dem europäischen Sommer - warten möchten, weshalb die Flugzeuge mit bis zu fünf Zwischenlandungen nach Bratislava überstellt werden. Der Kostenfaktor bei der Maintenance ist hier einfach bedeutend, man muss wissen das die australischen Arbeitskosten bei rund 30% über denen in Westeuropa liegen.

Für die Fokker Jets gibt es zwischen Australien und Europa keine anderen Anbieter, die diese Arbeiten durchführen?
Im Grunde genommen nicht, den sie australischen Werften sind zu teuer, Fokker Singapore ist viel zu klein, um die Nachfrage abdecken zu können, und für die chinesischen und philippinischen Billiganbieter ist der Fokker - Markt einfach zu unbedeutend, um eine ganze Wartungslinie aufzubauen.

Wie viele Fokker 70/100 Flugzeuge stehen heute noch weltweit im Einsatz?
Wie viele Fokker noch insgesamt im Einsatz stehen kann ich nur mit ca. 80 Stück schätzen, in Australien jedenfalls fliegen noch 60 Stück, was eine beträchtliche Zahl ist.


DHC Dash 8-400 (Foto: Flughafen Bratislava).

Könnten Sie sich vorstellen noch ein weiteres Produkt in ihr Portfolio aufzunehmen?
Ja sicher, wir sind am Überlegen den A 220 mitaufzunehmen, weil der in unsere Regionalpalette, also unter dem A320 ganz gut dazu passen würde.

Ist es schwer geeignetes Personal hier in der Slowakei zu akquirieren?
Eigentlich nicht, den das slowakische Schulsystem liefert sehr viele gut ausgebildete Ingenieure. Wir nehmen niemanden auf, der nicht mindestens Ingenieur oder Diplomingenieur ist. Es gibt in der Slowakei im Gegensatz zu Österreich zahlreiche Luftfahrt Universitäten, die sehr gute Leute hervorbringen.

Welche Auswirkungen hatte die Corona Krise auf das Unternehmen und die Mitarbeiter?
Die Arbeiten sind wie bisher weitergeführt worden. Wir haben versucht so viele Aufträge wie möglich rein zu bekommen, mussten unseren Kunden aber entgegenkommen und die Zahlungen stunden. Betreffend der Mitarbeiter haben wir gemeinsam mit der Gewerkschaft eine 20 bis 45-prozentige Gehaltssenkung über den Sommer vereinbart. Wenn wir wieder genug produzieren, werden wir diese Stundung aber hoffentlich wieder zurückzahlen können. Dass ist derzeit sicherlich eine schwere Zeit für die Kollegen. Für mich war aber von Anfang an klar, dass es keine Kündigungen bei ATB geben wird, wenn man sich mit der Gewerkschaft einigt. Es wurde daher niemand gekündigt und wir haben sogar die Mitarbeiter mit begrenzten Verträgen weiter verlängert. Wenn du so viel von deinen Leuten abverlangst und gemeinsam durchziehst, dann gehen Kündigungen einfach nicht.


Fokker 100 (Foto: Martin Dichler).

Flugzeug Storage ist ein neues Business Modell von ATB?
Nein, das langfristige Abstellen von Flugzeugen wäre kein Business Modell für uns. Flugzeug Storage allein ist eine kostenintensive Angelegenheit bei dem nur zertifiziertes Personal der „Linien- Maintenance“ zum Einsatz kommen würde, dies wäre uneffektiv. Unsere Flugzeuge hier benötigen aber alle einen Check, der Storage ist daher nur eine Art Zwischenlagerung.

Wie viele ehemalige Eurowings Maschinen sind aktuell am Flughafen Bratislava eingemottet?
Derzeit sind 17 Maschinen (Dash 8-400) abgestellt. Es ist aber geplant weitere Flugzeuge (Dash 8, Embraer und Airbusse) auch von anderen Airlines hier abzustellen, in Summe könnten es bis zu 110 Flugzeuge werden. Wenn es tatsächlich dazu kommt, wird der Flughafen eine Piste für uns langfristig sperren, um uns das Flugzeug - Storage zu ermöglichen.

Der Flughafen Bratislava hat hier bereits seine Unterstützung zugesagt?
Der Flughafen hat uns die Möglichkeit für die Dauer von zumindest zwei Jahren zugesagt, den bei einer so hohen Anzahl an Flugzeugen, dauert es eine Weile bis alle Checks erledigt sind.


Foto: Martin Dichler.

Wie gut lief die Kooperation mit dem Flughafen Bratislava und den Behörden während der Corona Krise?
Die Slowakei war sehr streng mit ihren Corona Maßnahmen, für uns wurde aber der Flughafen Bratislava offengehalten, um die Anflüge der technischen Übersteller zu gewährleisten. Auch die Rückreisemöglichkeiten für die ausländischen Piloten wurden garantiert.

Und wie sehen Sie die Zukunft der ATB?
Wir werden das Durchhalten und wenn die Vorhersagen halbwegs stimmen, gibt es sogar die Chance auf Wachstum für unser Unternehmen, da viele Konkurrenten das nicht durchgehalten haben. Es besteht die große Chance, dass ATB sehr viel stärker als zuvor aus der Krise hervorgeht.


Foto: Martin Dichler.

Die Luftfahrtvereinigung Airliners.sk hat von Alliance Air eine Fokker 100 (OE-LVJ) geschenkt bekommen und plant das Flugzeug für ein Museum zu erhalten. Was sagen Sie zu dem Projekt?
Wissen Sie wie es sich für einen Piloten anfühlt, wenn eine Maschine verschrottet wird? Ich finde deshalb, dass es ein gutes Projekt ist und ich hoffe, Sie bekommen das benötigte Geld für den Transport zusammen. Von unseren Mitarbeitern wird die Maschine die ursprünglich von uns verschrottet hätte werden sollen für den Transport hergerichtet. Die Kosten für diese Arbeiten übernimmt Alliance Air, denn eine Flugzeugverschrottung wäre auch eine teure und komplizierte Angelegenheit.  


Foto: Martin Dichler.

Autor: Martin Dichler
Martin Dichler war bis 2019 Vorsitzender der Flughafenfreunde Wien und schreibt seit Jahren als freier Journalist für diverse Luftfahrt- und Reisemedien.

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