Alexis von Hoensbroech: "Das hält keine Airline sehr lange durch"

Fünf Fragen an den CEO von Austrian Airlines.

Alexis von Hoensbroech ist seit 2018 AUA-Chef (Foto: Austrian Airlines Michèle Pauty).

In Zeiten der Corona-Krise ändert sich auch die journalistische Arbeit - zumindest ein wenig: Statt Pressekonferenzen vor Ort zu besuchen, nimmt man über Livestreams teil. Persönliche Interviews weichen Telefonaten oder Chats. Wir nutzen diese Veränderungen, um auf AviationNetOnline ein neues Format auszuprobieren: Wir stellen fünf Fragen und geben den Gesprächspartnern die Möglichkeit, ausführlich und schriftlich darauf zu antworten. Also ein Mittelding zwischen E-Mail-Interview, Analyse und Kommentar sozusagen. Geplant sind in den nächsten Wochen insgesamt fünf solcher "Fünf Fragen".

Den Anfang macht Alexis von Hoensbroech, seit mehr als eineinhalb Jahren Vorstandsvorsitzender von Austrian Airlines. Als er die AUA von seinem Vorgänger Kay Kratky übernommen hat, hätte er sich wohl nicht gedacht, dass nicht nur die Fluglinie sondern auch gleich die gesamte Aviation-Branche durch ein vor wenigen Monaten noch unbekanntes Virus in die wohl schwerste Krise überhaupt schlittert. Trotz der aktuellen Widrigkeiten, die sich noch On-Top auf eine zuletzt auch anderweitig unter Druck stehende Airline gesetzt hat, merkt man bei dem 49-jährigen gebürtigen Kölner relativ wenig Pessimismus - ganz im Gegenteil, wie man bei der letzten (virtuellen) Pressekonferenz anlässlich der letzten Bilanz gesehen hat. Und das Thema "Optimismus" war auch gleich zentral in der ersten der fünf Fragen an Alexis von Hoensbroech...

AviationNetOnline: Sie haben sich anlässlich der Präsentation des Jahresergebnisses optimistisch hinsichtlich der Zukunft von Austrian Airlines gezeigt. Woher rührt diese Zuversicht? Gerade die wichtige Sommersaison als Cash-Bringer wird ja vermutlich weitgehend ins Wasser fallen. Daneben gibt es auch noch viele weitere Unabwägbarkeiten - beispielsweise, wie lange und intensiv die Corona-Krise weltweit und vor allem in den AUA-Märkten dauern wird. Wieso kann man da so optimistisch sein?

Alexis von Hoensbroech: Meine Zuversicht rührt daher, dass ich mir sicher bin, dass Austrian Airlines wieder fliegen wird. Irgendwann ist der Corona-Spuk auch wieder vorbei! Gerade in dieser Krise sieht man ja, wie wichtig es für Österreich ist, dass es die Austrian Airlines gibt. Außer uns könnte niemand Österreicher aus der ganzen Welt heimholen und eine Cargo-Luftbrücke nach China aufbauen. Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um wieder abzuheben und bekommen dafür auch viel Zuspruch und Unterstützung in der Bevölkerung und in der Politik. Aber je länger die Krise dauert, desto mehr Unterstützung werden wir auch vom Staat benötigen.

Natürlich ist das für unser Unternehmen eine außerordentlich schwierige Situation. Wir haben 7.000 Mitarbeiter, millionenschwere Flugzeuge und aktuell null Einnahmen. Das hält keine Airline sehr lange durch. Aber hier sind wir weltweit in guter Gesellschaft und da Menschen auch in Zukunft wieder fliegen wollen, werden sich hier auch Lösungen finden. Dafür arbeiten wir zur Zeit Tag und Nacht.

Alexis von Hoensbroech im Homeoffice.

AviationNetOnline: Selbst wenn Sie es schaffen, die AUA nach dem Lockdown wieder zum Fliegen zu bringen (wovon man ja ausgehen kann), gibt es noch viele alte Themen, die danach auch wieder aktuell werden.  Kann die AUA nach der Krise realistischerweise überhaupt wieder eine solche „Flughöhe“ erreichen, um sich über immanente Dinge wie die überfällige Flottenerneuerung zu beschäftigen? Oder rechnen Sie damit, dass sich Austrian Airlines vielleicht doch komplett neu wird aufstellen müssen?

Alexis von Hoensbroech: Womit Sie schon mal Recht haben, ist dass die Krise unsere alten Probleme nicht für uns löst. Unsere strukturellen Probleme werden wir nach Corona genauso konsequent angehen, wie wir es vor der Krise bereits begonnen haben. Alles weitere ist derzeit Spekulation. Klar ist, je länger die Krise dauert, desto schwieriger wird auch die Zeit der Erholung, da sind sich alle Wirtschaftsforscher einig. Wir rechnen derzeit mehrere Szenarien durch. Es ist meines Erachtens aber zu früh, sich festzulegen. Wer hätte noch vor einem Monat gedacht, dass Corona die gesamte Airlineindustrie in die Knie zwingen wird? Insgesamt bleibe ich zuversichtlich, denn zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.

AviationNetOnline: Halten Sie es für möglich, dass sich das Reiseverhalten nachhaltig ändern wird? Jetzt während der Corona-Pandemie lernen die Menschen, auch ganz gut ohne Fliegen zurecht zu kommen. Nach der Krise wird auch das Thema Umweltschutz und Flight-Shame zurückkommen. Und ob man durch die nun drohende Wirtschaftskrise überhaupt noch genug Geld zum Fliegen haben wird, ist eine weitere Frage. Befürchten Sie nicht gerade aus der Kombination dieser Dinge einen nachhaltigen negativen Effekt auf die gesamte Branche?

Alexis von Hoensbroech: Die Krisen der Vergangenheit, wie der 11. September, SARS oder die Finanzkrise, waren jeweils „V-förmige“ Krisen, die Nachfrage ist also immer schnell auf das Vorkrisenniveau zurückgekehrt. Ob es dieses Mal anders ist, werden wir sehen. Fakt ist, die Welt erlebt die schwerste Pandemie seit der Spanischen Grippe vor über 100 Jahren. Da diese aber mit dem Ende des ersten Weltkrieges zusammenfiel, ist es schwer auf die damaligen Erfahrungen zurückzugreifen. Krisen beschleunigen oft Veränderungsprozesse, daher halte ich es durchaus für möglich, dass wir unser Verhalten anpassen. Wir lernen gerade Digitalisierung in einer Geschwindigkeit, die unter normalen Umständen nicht möglich gewesen wäre.

Und trotzdem bleibt das Bedürfnis groß, die Tante oder den Freund wieder in die Arme nehmen zu können oder einen Kunden persönlich zu treffen. Wir werden auch nach der Corona-Krise Menschen bleiben, die ihre Grundbedürfnisse behalten. Dazu gehört auch die Mobilität. Corona wird das lokale und nationale Bewusstsein stärken, den Welthandel und die Globalisierung aber nicht abschaffen. Aber es könnte durchaus einige Jahre dauern, bis die Nachfrage wieder auf das Vorkrisenniveau zurückkehrt, daher wird es entscheidend sein, mit der richtigen Kapazität und der richtigen Sequenz das Unternehmen wieder anzufahren. 

AviationNetOnline: Wie wird sich Ihrer Meinung nach der Standort Wien nach dem Lockdown verändern? Wird der Airline-Mix nach der Corona-Krise maßgeblich anders aussehen als zuvor?

Alexis von Hoensbroech: Die österreichische Regierung hat rasch und standortsichernd gehandelt. Die Maßnahmen, Unternehmen und auch die Flugindustrie rasch zu unterstützen und damit zu schützen, wurden rasch auf dem Weg gebracht. Dafür ziehe ich meinen Hut. Es ist auch hier schwer abzuschätzen, wie sich die Krise auf den Wettbewerb auswirken wird. Krisen beschleunigen Denkprozesse, vielleicht wird der Markt hinterher weniger überhitzt sein. Aber das ist Spekulation, auf dieser Hoffnung dürfen wir uns nicht ausruhen. So wie wir gelernt haben werden, dass Sozialpartnerschaft, gute Zusammenarbeit mit Regierung, Botschaften, Ministerien in guten Zeiten ihren Sinn haben, so werden wohl einige erkennen, dass es ganz gut ist, eine rot-weiß-rote Airline zu haben, die auch eine Langstrecke aus Wien heraus betreibt...

Austrian Airlines bleibt in den nächsten Wochen weitestgehend am Boden. Sie persönlich haben deswegen wahrscheinlich trotzdem nicht weniger zu tun. Wie werden Sie Ihre nächsten Wochen gestalten?

Alexis von Hoensbroech: Ich verbringe die meiste Zeit so wie alle anderen im Homeoffice in Wien – und wenn es nötig ist, fahre ich auch mal ins Büro oder zum Flughafen. Glücklicherweise haben wir zu Hause ausreichend Platz und meine Frau und unsere fünf Kinder nehmen Rücksicht darauf, dass ich nun viel Zeit am Schreibtisch und in Videokonferenzen verbringe. Gemeinsam mit meinen Kollegen im Vorstand und Management arbeite ich fast Tag und Nacht für die Zukunft unserer Austrian Airlines.

Besonders stolz macht mich zu sehen, wie in dieser Krise alle zusammenrücken und an einem Strang ziehen. Und welche Einsatzbereitschaft unsere Kollegen teilweise zeigen. Wie professionell wir den Betrieb runtergefahren haben, wie schnell und pragmatisch wir mit dem Außenministerium die „größte Rückholaktion in der Geschichte der zweiten Republik“ (Minister Schallenberg) auf die Beine gestellt haben, wie kreativ unser Team war um die Cargo-Luftbrücke nach China zu bauen und wie groß die Bereitschaft unserer Crews ist, freiwillig diese Flüge durchzuführen. Davor habe ich großen Respekt und dem gilt mein großer Dank! 

Die Austrian Airlines kann Krise, das hat sie in der Vergangenheit oft bewiesen und jetzt zeigt sie es wieder. Dieses Unternehmen ist wahrlich großartig, und auch daraus schöpfe ich meine Zuversicht für die Zukunft. Denn das ist sicherlich kein „Good Bye“, sondern ein „Servus“ und „See You Later“.

Autor: Martin Metzenbauer
Herausgeber und Chefredakteur
Martin gründete 2004 aufgrund seines starken Luftfahrtinteresses Aviation Net. Er liebt das Fliegen und Reisen– und schreibt darüber natürlich auch gerne.

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