Aigle Azur muss den Flugbetrieb einstellen

Mehrere Mitbewerber schielen auf die wertvollen Slots in Paris-Orly.

Airbus A320 (Foto: www.AirTeamImages.com).

Die französische Fluggesellschaft Aigle Azur steht nun unmittelbar vor dem Kollaps, denn das Unternehmen teilte mit, dass am Freitagabend der Flugbetrieb eingestellt werden muss. Sämtliche Verbindungen ab Samstag sind gestrichen. Die finanzielle Lage lasse eine Fortführung des Flugbetriebs nicht mehr zu, so Aigle Azur.

Auch hinsichtlich möglicher Entschädigungen wurde erklärt, dass man diese nicht garantieren könne. Erst Anfang der Woche wurde bekannt, dass Aigle Azur beim zuständigen Gericht in Paris einen Insolvenzantrag einbrachte und ein Sanierungsverfahren nach französischem Recht beantragt hat. Nun spitzte sich die Finanzlage des 1946 gegründeten Carriers offenbar rasant zu, da dem Vernehmen nach diverse Zulieferer, unter anderem Treibstoff und Flughäfen, auf Barzahlung im Voraus bestehen sollen. Dies erhöht den Cashbedarf enorm und die Kassen der insolventen Airline sind ohnehin leer.

Wie es mit dem Carrier generell weitergehen wird, ist noch völlig offen. Der Flugbetrieb wurde bereits am Donnerstag drastisch reduziert und die letzten Verbindungen sollen per Freitagabend aufgegeben werden. Dennoch besitzt die Airline etwas, das für Mitbewerber äußerst wertvoll ist und zwar etwa 9.800 Slots am chronisch überlasteten Flughafen Paris-Orly. Für genau diese interessieren sich diverse Mitbewerber, darunter die IAG, Air France und Air Caraïbes, die in diversen Zeitungsberichten namentlich genannt werden. Vueling hatte eigentlich bereits Slots, Flugzeuge und Besatzungen erworben, doch der Deal erlangte aufgrund des Insolvenzantrags keine Rechtskraft.

Nun muss alles sehr schnell gehen, denn sobald die französischen Behörden das AOC und die Betriebsbewilligung von Aigle Azur entziehen, muss der Regulator auch die gehaltenen Slots neu vergeben und das übrigens kostenfrei. Air France benötigt für das Wachstum von Transavia, aber auch um Konkurrenten wie Vueling und Level in ihrem Expansionsdrang in Orly hindern zu können, zusätzliche Slots. Umgekehrt hat auch die IAG großes Interesse daran, dass für die von OpenSkies durchgeführten Langstreckenflüge ab Orly ein Zubringernetzwerk mit Vueling und Anisec aufgebaut werden kann. Momentan müssen beide Airlines überwiegend nach Charles de Gaulle fliegen, was hinsichtlich der Netzwerkplanung sehr ungeschickt ist. Auch Air Caraïbes möchte ab Paris-Orly weiterwachsen und ist an den Slots interessiert. Ein weiterer Kandidat, der ab diesem Airport ebenfalls expandieren möchte ist Corsair.

Die Beweggründe für eine mögliche Aigle-Azur-Übernahme sind äußerst unterschiedlich, doch bleibt abzuwarten, ob es den Verwaltern gelingt rechtzeitig einen Käufer zu finden, denn sobald die Betriebsbewilligung entzogen ist, sind auch die Slots weg und Aigle Azur ist damit für potentielle Käufer, die mutmaßlich ausschließlich an den Slots interessiert sind, wertlos. Paris-Orly darf maximal 250.000 Flugbewegungen pro Jahr abfertigen. Der Airport ist sehr stadtnah und daher bei Airlines besonders beliebt. Aufgrund der Restriktion ist dieser hinsichtlich der Slots überlastet und Start und Landerechte sind daher heißbegehrt und äußerst wertvoll. Im Fall von Aigle Azur dürfte aus auch der einzige ernsthafte Wert sein, an dem Mitbewerber interessiert sind.

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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