Stuttgart: Michael O'Leary reagiert auf Ministerkritik

Das für die Verkehrspolitik und damit auch für den Flughafen Stuttgart verantwortliche baden-württembergische Landesregierungsmitglied kritisierte Billigangebote ab diesem Airport heftig und kündigte an, dass er sich dagegen einsetzen wird. Pikant: Landes-Verkehrsminister Winfried Hermann ist indirekt quasi "oberster Chef" des Stuttgarter Flughafens, der jedoch auf Wachstum mit Billigfliegern setzt.

Airbus A320 OE-LOM von Lauda am Flughafen Stuttgart (Fotos: Jan Gruber).

Rund um den Flughafen Stuttgart findet derzeit eine kontroverse, von Landes-Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) angestoßene, Diskussion statt. Der Politiker bezeichnete Flüge um 9,90 Euro als „unmoralisch“ und kündigt an, dass er sich gegen Billigangebote am Stuttgarter Flughafen einsetzen werde. Die Botschaft war explizit an Ryanair-Tochter Lauda gerichtet.

Die österreichische Airline will – wie AviationNetOnline berichtete – an genau diesem Airport weiter wachsen und kündigte dies am Donnerstag in Anwesenheit von Ryanair-Chef Michael O’Leary auch an. Lauda wird übrigens auch die Marokko-Route, die bislang von der Konzernmutter bedient wurde, übernehmen.

Angesprochen auf die Wachstumspläne erklärte die Fluggesellschaft, dass man rund 1,3 Millionen Fluggäste im ersten Jahr der Basis erwarte. Vor Ort hat man drei Airbus A320 stationiert, wobei die Wien-Route mit Maschinen, die in Österreich gebased sind, bedient wird. Der Grüne Verkehrsminister Winfried Hermann poltere bekanntermaßen bereits im Vorfeld der Stippvisite von Michael O’Leary und Andreas Gruber gegen Billigangebote am Flughafen Stuttgart. Dass Ryanair, Easyjet und andere Anbieter ab diesem Airport bereits seit einigen Jahren tätig sind, erwähnte der Politiker in seinen Äußerungen in keinem Wort.

Allenfalls ist festzuhalten, dass Stuttgart in der Branche hinsichtlich der Kosten nicht gerade als „Billigplatz“ gilt. Der ehemalige Airport-Chef Georg Fundel verteidigte wiederholt in Gesprächen mit AviationNetOnline die Preispolitik des Airports. Doch zuletzt gerieten gerade er und sein noch immer amtierender Co-Geschäftsführer aufgrund von branchenüblichen Incentive-Angeboten ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik. Das von Hermann geführte Verkehrsministerium richtete gar eine Art Kommission ein, die alles gründlich durchleuchten soll. Fundel und die Flughafengesellschaft wiesen wiederholt sämtliche von diversen Politikern und Regionalmedien erhobenen Vorwürfe zurück. Das Ergebnis der „behördlichen Durchleuchtung“ ist noch nicht öffentlich bekannt.

Andreas Gruber und Michael O'Leary betonen Öko-Aspekt von Lauda

So ist es offenbar auch nicht verwunderlich, dass Lauda-Geschäftsführer Andreas Gruber und Ryanair-Chef Michael O’Leary gerade in Stuttgart die „umweltfreundliche Luftfahrt“ betonten. Gruber holte gar gegen den „hochpreisigen Mitbewerber“ Austrian Airlines auch in einer schriftlichen Medienmitteilung verbal auf. Vor Ort setzte der Chef des irischen Billigfliegers noch eines drauf und betonte, dass Lauda deutlich weniger Kohlenstoffdioxid als Lufthansa und Eurowings/Germanwings ausstoßen würde. Andreas Gruber betonte, dass man um 25 Prozent unter den größten vier Fluggesellschaften liegen wurde. Wie berichtet betonte Lauda auch den Einsatz einer modernen Flotte, wobei kritisch angemerkt werden sollte, dass durchschnittliche Alter der momentan verwendeten Lauda-Flotte bei 12,8 Jahren liegt.

Zum Vergleich: Germanwings verfügt über 33 Maschinen der Typen A320/319, die durchschnittlich 19,7 Jahre alt sind. Die gesamte Flotte von Lufthansa Passage ist im Schnitt 12,1 Jahre alt. Billigtochter Eurowings setzt Jets ein, die im Durchschnitt 10 Jahre auf dem Buckel haben. Konzernschwester Austrian Airlines bringt es auf einen Flottenaltersschnitt vom 15,1 Jahren. Betrachtet man nun die direkten Ryanair-Rivalen: Easyjet (UK): 7,9 Jahre, Easyjet Switzerland: 6,2 Jahre, Easyjet Europe: 6,7 Jahre, Wizzair: 5,3 Jahre, Wizzair (UK): 0,8 Jahre. Ryanair hat bei der Flotte der Mainline ein durchschnittliches Alter von 7,7 Jahren. Somit ist die Lauda-Flotte hinsichtlich des Alters allenfalls im Mittelfeld, wobei mit der Einflottung der 15,3 Jahre alten OE-LOY sich der Schnitt nochmals anhob.


Eurowings und Austrian Airlines hinter einer Treppe am Flughafen Stuttgart.

Argumentiert wird die hohe Umweltfreundlichkeit der Lauda-Flotte durch den Einsatz auf Point-to-Point-Strecken und gleichzeitig würde diese durch eine durchschnittliche Auslastung von 93 Prozent erreicht werden, so Michael O’Leary. Dieser Vergleich hinkt allerdings insofern, da die Flotte und das Geschäftsmodell absolut mit Germanwings/Eurowings vergleichbar sind und die bei der Buchung angebotene freiwillige Kompensationszahlung der Kohlenstoffdioxid-Emissionen allenfalls eine Art moralische Ablass-Zahlung ist, jedoch der Ausstoß dennoch anfällt. Natürlich ist auch festzustellen, dass beim Vergleich „Emission pro Sitzplatz“ das Flugzeug generell sehr gut abschneidet, allerdings würde diese Bilanz bei Ferry-Flügen wieder ganz anders aussehen.

Stuttgart führt neue Entgeltordnung ein

Egal wie man es wendet oder dreht, die gesamte Branche versucht sich seit mehreren Jahren krampfhaft ein grünes Image zu verpassen und auf diesen Zug sind nun Ryanair und Lauda ebenfalls aufgesprungen, um offensichtlich dem Grünen Landespolitiker einige Gegenargumente liefern zu können. Immerhin: Winfried Hermann ist als Verkehrsminister des landeseigenen Flughafen Baden-Württembergs indirekt auch oberster Chef des Airports.


Terminal 3 in Stuttgart.

Laut Stuttgarter Zeitung (Printausgabe) wird der Flughafen mit 1. Juli 2019 eine neue Entgeltordnung einführen, die O’Leary als „teuer“ bezeichnet. Doch ob Lauda und/oder Ryanair über das branchenübliche Incentive-Programm Rabatte erhalten, wollten weder Flughafen noch die beiden Airlines beantworten. Allenfalls bietet Ryanair-Chef Michael O’Leary eine Art „Informationsgespräch“ an. Selbstverständlich richtet sich das Angebot an den Gründen Landes-Verkehrsminister Winfried Hermann. Ob der Politiker darauf eingehen wird, ist noch völlig offen…

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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