Gerhard Widmann: "Wer Easyjet kennt weiß, dass sie wachsen wollen"

Im zweiten Teil der AviationNetOnline-Bundesländerserie ist der Grazer Flughafendirektor am Wort, der die Hintergründe des Passagierrekords von 2018 erklärt und auch beschreibt warum die Billigfluggesellschaft Easyjet für die Entwicklung des Airports ein wichtiger Meilenstein ist.

Gerhard Widmann ist Geschäftsführer des Grazer Flughafens (Fotos: René Steuer).

Nach Oberösterreich geht es im zweiten Teil der AviationNetOnline-Bundesländerserie in die Steiermark. Der Grazer Flughafendirektor Gerhard Widmann stellt im Gespräch mit AviationNetOnline aktuelle Entwicklungen vor und erklärt warum gerade die Routen nach Amsterdam, Zürich und Istanbul die Fluggastzahlen im Vorjahr auf ein neues Rekordniveau haben steigen lassen. 

Gerhard Widmann, der in seiner Freizeit sich ehrenamtlich im Sport engagiert und auch Präsident der ASKÖ Steiermark ist, sieht große Chancen, dass Easyjet am Grazer Flughafen weiter wachsen könnte. Ganz abseits der Funktion als Flughafen ortet der Manager auch eine Nebenfunktion als Nahversorger für die Region, die für die Gastronomen und Betreiber der Geschäfte von wichtiger Bedeutung ist.


Terminal des Grazer Flughafens.

AviationNetOnline: Das Jahr 2018 brachte für Graz einen neuen Passagierrekord. Können Sie im laufenden Jahr 2019 diese Marke übertrumpfen?
Gerhard Widmann: Richtig, 2018 war ein Rekordjahr mit dem besten Passagierergebnis seit Bestehen des Flughafens. Aber auch im Cargobereich hatten wir mit über 19.000 Tonnen inklusive des Speditionshandling ein super Ergebnis. Insgesamt war 2018 ein sehr starkes Jahr, denn wir haben mit einem Umsatzplus von ungefähr neun Prozent auch ein sehr gutes wirtschaftliches Ergebnis erreichen können. Das Jahr 2019 hat auf jeden Fall gut begonnen und wir gehen auch davon aus, dass wir im Jahr 2019 ähnlich wie im Jahr 2018 abschneiden werden.

AviationNetOnline: Zum Passagierrekord: Welchen Beitrag haben da beispielsweise die Turkish-Airlines-Route oder die neue Easyjet Strecke nach Berlin Tegel bzw. die mit immer größeren Fluggerät bediente Amsterdam-Zubringer-Route von KLM geleistet?
Gerhard Widmann: Große Beiträge, keine Frage! Insbesondere auch die KLM, die im vorigen Juli und August mit einer 737, die sehr gut besetzt war, geflogen ist. Begonnen hat es mit einem Embraer 175, dann erfolgte der Umstieg auf einen Embraer 195 und in den Sommermonaten schließlich sogar auf eine 737. Sehr gut war auch die Turkish-Airlines, insbesondere im Sommer. Ein besonderer Meilenstein für den Flughafen Graz war mit Sicherheit die Aufnahme der Flugverbindung von Graz nach Berlin mit easyJet am 4. August des letzten Jahres. Das war insofern auch ein Meilenstein, weil wir seit Jahren versuchen einen starken Low-Cost-Carrier auf den Flughafen Graz zu bekommen und mit easyJet ist es uns geglückt. easyJet ist sicher einer der stärksten Low-Cost-Carrier Europas und mit der Aufnahme dieser Flugverbindung haben wir einen wichtigen Schritt in Richtung Zukunft gemacht. Wir haben ja auf der einen Seite die Star-Alliance die in Graz dominiert mit Swiss, Lufthansa, AUA und natürlich auch der Turkish Airlines, auf der anderen Seite war im Linienverkehr schließlich ein großes Highlight am 15. Mai 2017 die Aufnahme der KLM-Verbindung nach Amsterdam. Dadurch sind wir in eine zweite Alliance, dem SkyTeam eingetreten. Und ein wichtiger Meilenstein war eben die Aufnahme der Low-Cost-Verbindung nach Berlin. Natürlich hat es im Vorjahr auch Wehrmutstropen gegeben, natürlich tut es uns sehr leid, dass die SkyWork Airlines in Konkurs gegangen ist, denn das war ein guter Partner mit dem wir auch schon einiges über die Zukunft gesprochen haben. Es tut uns immer wieder sehr weh, wenn eine Airline den Flughafen Graz, aus welchen Gründen auch immer, verlässt, weil wir um jede Airline kämpfen, auch wenn wir derzeit sicher gut aufgestellt sind.

AviationNetOnline: Das Thema Low-Cost ist ja in Wien gerade sehr im Boomen, mit Tickets von 1 Cent bis 9,99 Euro ist kurzfristig alles zu haben, woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die Low-Coster sich für die Bundesländerflughäfen nur zaghaft bis gar nicht interessieren? Zum Beispiel hängte Lauda sogar die Palma-Strecke von Graz ab?
Gerhard Widmann: Gar nicht kann man nicht sagen, weil wir haben ja eben gerade easyJet für die Aufnahme der Graz-Berlin-Verbindung gewinnen können. Ich denke da haben wir auch gute Karten, dass sich hier noch weitere Entwicklungen ergeben, denn jeder der die easyJet kennt weiß, dass easyJet-Strecken im Normalfall einigermaßen funktionieren und, das sehen wir auch an den Zahlen, sie auf dem jeweiligen Flughafen weiter wachsen will. Dass es mit Laudamotion derzeit noch nicht funktioniert, hat folgenden Grund: Wenn zwei Partner zusammenarbeiten, dann muss es letztlich eine Win-Win-Situation für beide geben und das heißt, es muss jeder Partner zufrieden sein. Das haben wir leider mit Laudamotion noch nicht erreicht. Wir haben ja auch die Ryanair schon mal bei uns gehabt. Auch das war viele Jahre eine erfolgreiche Zusammenarbeit, aber dann hat es leider nicht mehr ganz gepasst. Vielleicht kommen wir wieder einmal zusammen, das schließe ich nicht aus. Wir arbeiten ständig daran neue Destinationen an Graz und damit an den Wirtschafts- und Tourismusstandort Steiermark anzubinden.


Überblick über den Check-In-Bereich und die Sicherheitskontrolle am Flughafen Graz.

AviationNetOnline: Ryanair und Laudamotion haben in Interviews immer wieder kritisiert, dass die Flughafenkosten und Gebühren die, die Airlines zu zahlen hätten, in den Bundesländern sehr teuer wären. Michael O’Leary hat es sogar unverschämt teuer genannt, wie stehen Sie zu diesem Vorwurf?
Gerhard Widmann:  Diesen Vorwurf kann ich mit Sicherheit nicht nachvollziehen. Ryanair ist ja 11 Jahre sehr erfolgreich bei uns geflogen. Wir haben die LaudaAir bei uns gehabt, dann viele Jahre die Flyniki und beide waren bei uns sehr erfolgreich

AviationNetOnline: Gab es schon Gespräche mit der Anisec, die als Level unterwegs ist?
Gerhard Widmann: Wir sprechen permanent mit Fluggesellschaften, denn eine unsere Hauptaufgabe ist auch die Kernstrategie Nummer Eins: Weitere Destinationen an den Standort Graz anzubinden. Wir arbeiten permanent daran mit Fluglinien neue Strecken von Graz aus zu entwickeln, aber keine Frage, das ist nicht einfach.

Wenn man die letzten Jahre betrachtet, dann sind uns einige ganz entscheidende und auch sehr wichtige Schritte gelungen. Das hat mit Turkish Airlines begonnen und ist weitergangen mit der Swiss und KLM, womit wir letztlich auch in eine zweite Alliance eingetreten sind und jetzt, mit dem Low-Cost-Carrier easyJet, ist ein weiterer Meilenstein gelungen. Insgesamt muss man sagen: Es geht ja nicht nur um neue Fluglinien, die den Flughafen Graz besuchen und von hier aus operieren, sondern natürlich auch um Frequenzaufstockungen. Derzeit fliegt Lufthansa fünf Mal täglich nach München, vier Mal täglich geht es mit der AUA nach Frankfurt und vier Mal täglich nach Wien, die Swiss fliegt täglich nach Zürich, easyJet fliegt die Berlin-Verbindung und Turkish die Istanbul-Verbindung vier Mal die Woche. Also ich denke wir haben eine gute Anbindung an die Welt und eine Reihe von Charterverbindungen, die im Sommer geflogen werden. Wir machen auch ein ständiges Benchmarking, nicht nur mit den anderen österreichischen Regionalflughäfen, sondern auch mit Regionalflughäfen aus Deutschland, und da sehen wir schon, dass wir mit den Hub-Anbindungen, aber auch mit den Point-to-Point-Anbindungen und mit dem Charteroutgoing, und immer interessanter auch mit dem Charterincoming doch ganz gut aufgestellt sind. Ich denke, dass wir sehr gute Entwicklungschancen haben. Vor allem, wenn ich mir den Wirtschaftsgroßraum Graz anschaue; Wir haben hier nicht nur Großbetriebe, die international tätig sind, sondern auch Klein- und Mittelbetriebe, die hoch exportorientiert arbeiten und das generiert natürlich auch Flugverkehr. Wir haben den Autocluster mit rund 300 Betrieben, die mit der Automobilindustrie verbunden sind. Da sind natürlich Verbindungen, wie die nach Stuttgart, die ganz wesentlich von Autocluster gestaltet werden, sehr wichtig. 

AviationNetOnline: Welche Routen fehlen der Wirtschaft eigentlich? 
Gerhard Widmann: Die Wirtschaft hat sicher sehr viele Wünsche, keine Frage. Weitere Hub-Anbindungen, weiters auch Point-to-Point-Anbindungen und so weiter. Wir haben auch eine Reihe an Verbindungen, an denen wir immer dran sind und ständig mit Airlines sprechen. Ich hüte mich jetzt aber davor nähere Einzelheiten zu nennen. 

AviationNetOnline:  Zum Thema Wien-Strecke: Die AUA kündigte kürzlich an, dass die dezentralen Basen in den Bundesländern geschlossen werden. Sehen Sie da ein Risiko, dass auch die Anbindung nach Wien in Gefahr ist?
Gerhard Widmann: Das hat bei uns derzeit keine großen Auswirkungen. Natürlich hat es da schon Gespräche mit der AUA gegeben. Meinem Informationsstand nach wird Lufthansa die Route nach Frankfurt wieder selbst betreiben. Die Destinationen Düsseldorf und Stuttgart sollen von Eurowings bedient werden. Das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein, auch wenn es auf den ersten Blick keine Stärkung des Luftfahrtstandorts Graz ist. Man muss auch nicht drum herumreden, dass die AUA sich stark auf Wien fokussiert, aber ich weiß aus Gesprächen mit Austrian Airlines, dass Graz-Wien eine wichtige Route ist, die zu 95 Prozent von Umsteigern genutzt wird. Natürlich hat die Lufthansa Group die Möglichkeit diesen Verkehr über ihre Drehkreuze Zürich, München und Frankfurt „umzuleiten“, aber auch das Risiko, dass potentielle Passagiere dann mit dem Bus, Auto oder Zug nach Wien fahren und dort bei einem Mitbewerber einsteigen. Diese Thematik ist Austrian Airlines sehr bewusst.


Blick von der Terrasse auf die Lounge.

AviationNetOnline: Kurz nach der Pressekonferenz, auf der die AUA „die Katze aus dem Sack“ gelassen hat, versuchten einige Politiker regelrechte Panik zu machen. Ihre Darstellung klingt so als wären die Inlandsrouten „safe“?
Gerhard Widmann:  Mein Informationsstand ist, und das haben auch klar die Gespräche gezeigt, dass derzeit an einer Graz-Wien-Strecke nicht gerüttelt wird

AviationNetOnline: Eine Voyage Air aus Bulgarien will Varna-Graz bedienen. Kommen die wirklich?
Gerhard Widmann: Die Slots sind angemeldet und zugeteilt. Ich hoffe, dass Voyage Air kommt und Varna bedient.

AviationNetOnline: Wer soll diese Flüge durchführen, denn laut Auskunft der bulgarischen Luftfahrtbehörde haben sie weder AOC noch Betriebsbewilligung?
Gerhard Widmann: Ich gehe davon aus, dass diese Flüge, die bereits buchbar sind, die entsprechenden Buchungszahlen erreichen und dann auch durchgeführt werden.

AviationNetOnline: Was sind die Highlights in den nächsten Monaten die uns in Graz bevorstehen werden?
Gerhard Widmann: Das Restaurant soll komplett neugestaltet werden. Überlegungen gibt es auch den SPAR zu verändern, also im Terminal selbst einfach wieder attraktiver zu werden. Das Flugprogramm für den Sommer steht natürlich und das entspricht in etwa dem Angebot des letzten Jahres, also auch wieder mit 11 Destinationen in Griechenland und zwei Destinationen in Ägypten; Antalya wird heuer wieder ganz stark sein und dann gibt es drei Mal die Verbindung nach Palma, sowie die vielen Kurz- und Städteflüge und die Linienverbindungen. Insofern denke ich, dass wir gut aufgestellt sind für den Sommer und sehen dem mit Freude entgegen.


Tower am Flughafen Graz.

AviationNetOnline: Fungiert der SPAR-Supermarkt eigentlich auch als Nahversorger für die Region?
Gerhard Widmann: Absolut! SPAR ist ja nicht nur für die Passagiere und rund 900 Beschäftigten in 50 verschiedenen Firmen am Airport da, sondern für alle. Die guten Öffnungszeiten von 5:30 Uhr bis 21:00 Uhr führen selbstverständlich auch dazu, dass viele am Flughafen einen Stopp machen, um Lebensmittel einzukaufen. Dabei darf man nicht vergessen, dass täglich rund 20.000 Autos am Airport vorbeifahren. Wir unterstützen das auch gerne und bieten 30 Minuten Gratisparken an. Nicht nur Einkäufe bei SPAR sind für die Umlandgemeinden interessant, sondern immer wieder kommen Familien mit ihren Kindern vorbei, um Flugzeuge zu beobachten, auf unserem Kinderspielplatz zu spielen, im Restaurant essen zu gehen oder einfach nur einen Kaffee zu trinken. Alles in allem: Ja, unser Flughafen hat ganz klar auch eine Nebenfunktion als Nahversorger. Das ist zwar nicht unser Kerngeschäft, aber es ist eine Win-Win-Situation für uns, die Betreiber der Lokale und Geschäfte und natürlich die Bevölkerung.

AviationNetOnline: Haben Sie eigentlich Ihren Sommerurlaub schon gebucht?
Gerhard Widmann:  Gebucht noch nicht, aber ich werde auf jeden Fall öfters privat wegfliegen. Mir schweben ein paar Tage Istanbul und ein paar Tage Berlin vor. In den Sommerurlaub würde ich gerne nach Griechenland fliegen.

AviationNetOnline: Vielen Dank für das Gespräch und vorab schon einmal einen schönen Urlaub.


Spar-Supermarkt am Flughafen Graz.

Autor: René Steuer
Redakteur
René ist seit Oktober 2018 für Aviation Net tätig und bringt frischen Elan in die Redaktion.
    Autor: Jan Gruber
    Leitender Redakteur
    Jan ist seit 2012 für Aviation Net zunächst als Redakteur und seit Oktober 2013 als Leitender Redakteur tätig. Zuvor war er bei Österreichischem Rundfunk und Österreichischem Wirtschaftsverlag redaktionell beschäftigt. Jan studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und interessiert sich seit seiner Kindheit für Luftfahrt. Seine Spezialgebiete bei Aviation Net sind die Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region, Low-Cost-Airlines und Themen, die ausdauernde und tiefgehende Recherchen erfordern...

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