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Verfasst am: 10.08.12 08:14

Von: Martin Metzenbauer

Sommergespräch mit Julian Jäger

Der Flughafen-Wien-Vorstand im Austrian Aviation Net-Interview.

Foto: Martin Metzenbauer

Seit knapp einem Jahr sitzt Julian Jäger gemeinsam mit Günther Ofner im Vorstand der Flughafen Wien AG. Ein Jahr, das es in sich hatte: So konnte das wohl skandalumwittertste Bauprojekt der letzten Jahrzehnte - der Skylink bzw. nunmehr Check-in 3 - letztlich erfolgreich in Betrieb genommen werden. Daneben musste sich der Airport um seinem stärksten Kunden Austrian Airlines gravierende Sorgen machen. Und einer der größten Geschäftsmieter, die Sardana Gruppe, schlitterte in die Insolvenz.

Austrian Aviation Net traf sich mit Julian Jäger um über die Turbulenzen der Vergangenheit, die Gegenwart, aber vor allem die Zukunft zu plaudern.

Austrian Aviation Net: Sie sind jetzt seit etwa einem Jahr als Flughafenvorstand im Amt. Haben Sie sich diesen Job rückblickend betrachtet leichter oder schwerer vorgestellt?

Julian Jäger: So ein Job ist immer eine Herausforderung und mit großer Verantwortung verbunden. Darüber war ich mir schon von Beginn an im Klaren. In den letzten zwölf Monaten ist aber sehr viel geschehen, was vielleicht nicht unbedingt in einem normalen Jahr als Vorstand passiert. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir diese Dichte nicht so vorgestellt habe.

Wir haben zu Beginn das Team neu aufgestellt und einige organisatorische Änderungen durchgeführt. Dann ist es aber relativ schnell mit essentiellen Aufgabenstellungen losgegangen: Zunächst kamen die Verhandlungen mit AUA und NIKI, danach die Check-in-3-Eröffnung, die Probleme mit den Geschäftsflächen der Sardana-Gruppe und aktuell der erstinstanzliche UVP-Bescheid zur dritten Piste.

Austrian Aviation Net: Abgesehen von der Größe des Airports – welche prinzipiellen Unterschiede sehen Sie zwischen Ihrem letzten Job als Chef des Flughafens Malta und Ihrem Vorstandsmandat hier in Wien?

Julian Jäger: Es ist wirklich schwierig zu vergleichen. Wenn man fünf Jahre lang einen Job macht, gibt es so etwas wie Routine. Routine hat sich hier noch nicht eingestellt. Einen großen Unterschied gibt es aber auf jeden Fall: Man ist in Malta an allem viel näher dran. Das macht vieles einfacher.

Hier in Wien ist eines viel schwieriger: Der Flughafen hat in der Vergangenheit viel an Reputation eingebüßt. Dementsprechend werden wir öffentlich besonders streng beobachtet und beurteilt. In Malta war das nicht der Fall – der Airport dort gilt als Paradefall einer geglückten Privatisierung und einer funktionierenden Infrastruktur.

Austrian Aviation Net: Versuchen Sie, diese "Nähe" in Malta auch auf Wien zu übertragen?

Julian Jäger: Ich versuche es. Beispielsweise bemühe ich mich, möglichst oft in das Terminal zu gehen und den Betrieb und die Bedürfnisse unserer Passagiere persönlich mitzuerleben. Eine Herausforderung ist es in Wien allerdings wirklich, aus dem 10. Stock (Anm.: Dort befinden sich die Vorstandsbüros) herauszukommen. Der ganze Tag ist voll von Terminen, dazwischen gibt es noch Telefonate. Um hinauszugehen und nachzuschauen, wie es den Passagieren geht – dazu muss man immer wieder die Freiräume schaffen.

Vor Wien war Julian Jäger Direktor des Flughafens Malta (Foto: William Shewring).

Austrian Aviation Net: Man hat überhaupt das Gefühl, dass seit ihrem Amtsantritt eine Art "Reset-Knopf" gedrückt wurde. Denken Sie, dass die Mitarbeiter nach den Problemen der letzten Jahre richtiggehend froh waren, dass hier ein komplett neuer Vorstand frischen Schwung hereinbringt?

Julian Jäger: Ich denke, es war sehr gut, dass mit meinem Vorstandskollegen Günther Ofner jemand Fachfremder zum Flughafen gekommen ist, der einen gesunden Außenblick mitbringt. Andererseits war es auch nicht schlecht, dass ich das Unternehmen und die Aviation-Wirtschaft kenne, selbst aber in den letzten fünf Jahren auch nicht vor Ort war. Dementsprechend waren wir beide nicht Teil dieser Probleme hier. Das Ziehen an einem Strang ist uns besonders wichtig.

Wie es auf Mitarbeiterseite aussieht, ist schwieriger zu beurteilen. Immer wenn es einen Wechsel gibt, gibt es auch viel Hoffnung. Das Selbstbewusstsein der Flughafenmitarbeiter hat in den letzten Jahren schon sehr gelitten. Mit der geglückten Inbetriebnahme des Check-in 3 ist das dann aber durchaus besser geworden.

Veränderung ist aber nicht für jeden eine positive Veränderung. Da wir auf die Kosten schauen, müssen wir den Mitarbeiterstand reduzieren und effizienter werden. Wir haben ja beispielsweise die Kosten im Handling für die AUA um 12 Millionen Euro gesenkt. So etwas müssen wir kostenseitig woanders hereinholen.

Es dauert sicher eine gewisse Zeit – und länger als ein Jahr – bis die Leute eine Handschrift und eine Strategie erkennen und sich die Mitarbeiter auch wiederfinden.

Austrian Aviation Net: Personell hat sich ja in diesem Jahr sehr viel getan. Wie viele Stellen wurden im Bereich der mittleren Führungsebene neu besetzt?

Julian Jäger: Das waren etwa 50 Prozent. Ich denke, es war notwendig, dass wir die Management- und allgemein die Unternehmenskultur deutlich ändern. Und das geht nur, wenn man eine gute Mischung aus Leuten hat, die das Unternehmen kennen und solchen, die von außen hereinkommen und einen ganz anderen Blickwinkel haben.

Austrian Aviation Net: Welche Punkte sind Ihnen beim Thema Unternehmenskultur wichtig?

Julian Jäger: Ganz oben steht da die absolute Kundenorientierung. Da gehört beispielsweise dazu, dass sich jeder des Passagiers annimmt, der offensichtlich gerade Hilfe braucht. In ehemaligen staatlichen Strukturen gibt es oft die Kultur, dass man zwar sofort weiß, wer zuständig ist. Hauptsache, man ist es nicht selbst. Egal, ob es sich um den Passagier, die Airline, den Mieter handelt – ein ganz starker Fokus muss auf der Zufriedenheit des Kunden liegen.

Der zweite Punkt ist es, Verantwortung zu übernehmen – auch die Verantwortung für eigene Fehler. Wir brauchen eine Kultur, die Fehler zulässt und nicht zudeckt. Erstens kann man dadurch lernen und zweitens kann man auch größere Probleme vermeiden. Die entstehen ja oft erst dann, wenn Fehler vertuscht werden.

Der gegenseitige Respekt ist mir ebenfalls extrem wichtig – trotzdem muss man auch über Probleme reden können. Mir wird oft von Mitarbeitern gesagt, dass sie über etwas nicht reden können, weil sie einen Kollegen nicht anschwärzen wollen. Dabei soll eine offene Kultur herrschen – aber durchaus auch eine, wo Konflikte ausgetragen werden können.

Zum Schluss ist natürlich auch ganz wichtig, dass man diese Kultur auch vorlebt.

Austrian Aviation Net: Wie weit sind Sie in der Umsetzung dieser Punkte bis jetzt gekommen?

Julian Jäger: Eine Kultur wird über Jahrzehnte geprägt – die ändert man nicht in zwölf Monaten. Das ist ein viel längerer Prozess.

Austrian Aviation Net: Wie gefällt Ihnen eigentlich die vor kurzem eröffnete Terminalerweiterung?

Julian Jäger: Dazu habe ich gemischte Gefühle. Zum Positiven: Die Security, der Check-in-Prozess funktionieren einwandfrei. Wir haben bei den Sicherheitskontrollen kaum mehr Wartezeiten. Die Shopping-Flächen sind deutlich großzügiger als vorher. Wir haben viel mehr und viel modernere Sitzflächen.

Andere Bereiche funktionieren nicht so wie sie sollen, da gibt es Mängel und Schwächen. Gewisse Dinge werden wir ändern können und werden das auch tun. Bei anderen Bereichen geht das aus baulichen und planerischen Gründen leider nicht.

Aufgrund der Rückmeldungen der Passagiere versuchen wir den Terminal weiter zu verbessern und haben dazu mehrere Projekte identifiziert. Unter anderem haben wir zu wenig Lifte, im Leitsystem gibt es Probleme. Die Verbindung vom Altbestand zum neuen Terminal oder auch die Wege zu den Parkhäusern sind zum Teil suboptimal.

Bei anderen Dingen ist die Kritik für mich nicht vollständig nachvollziehbar. Bezüglich der Kritik der langen Wege muss man einfach anerkennen, dass wir seit dem Jahr 2000 um 77 Prozent Passagiere mehr haben. Das bringt notwendigerweise mit sich, dass man wächst und dass die Distanzen länger werden. Die Diskussion über die fehlenden Sitzmöglichkeiten im Check-in 3 verstehe ich auch nicht. Wir haben mit dem neuen Terminal über 1000 zusätzliche Sitzmöglichkeiten. In den Check-In Bereichen der Terminals 1 und 2 hat es auch früher keine Sitzmöglichkeiten gegeben.

Andere Dinge sind zwar nicht optimal, werden wir aber leider nicht mehr ändern können. Breitere Rolltreppen wären vielleicht schöner, das kann man aber die nächsten Jahre nicht ändern. Dass die Toiletten teilweise auf einer anderen Ebene als der Abflugebene sind, gefällt mir persönlich auch nicht, aber es gibt nun einmal die Flächen nicht. In der Gepäckausgabehalle hätte ich gerne in der Breite auch ein paar Meter mehr, aber die gibt das Gebäude nicht her. Das sind alles Dinge die für die nächsten Jahre einmal so bleiben werden müssen.

Die langen Wege sind für Jäger ein unverständlicher Kritikpunkt, das Leitsystem sieht er hingegen verbesserungswürdig (Foto: Martin Metzenbauer).

Austrian Aviation Net: Hätten Sie das Terminal anders geplant?

Julian Jäger: Im Nachhinein ist es immer sehr leicht, gescheit zu sein. Ich weiß es nicht, ob ich damals gescheiter gewesen wäre – das würde ich mir nicht anmaßen. Wenn wir es jetzt neu planen könnten, würden wir sicher vieles anders machen.

Austrian Aviation Net: Warum heißt eigentlich das gesamte Gebäude „Check-in 3“? Da gehört ja schließlich auch der Ankunftsbereich dazu?

Julian Jäger: Die Philosophie dahinter ist, dass wir alles unter einem Dach haben und dass es geringe Distanzen gibt. Wir wollten damit signalisieren, dass es einen Flughafen, einen Ankunftsbereich und drei unterschiedliche Check-in-Zonen gibt.

Austrian Aviation Net: Nach der Vergangenheit und Gegenwart möchte ich jetzt ein wenig in die Zukunft schauen. Wie sehen Sie eigentlich das Thema "europäische Luftfahrt" in den nächsten Jahren?

Julian Jäger: Ich gehe davon aus, dass es weiterhin Wachstum in Europa geben wird. Zugegebenermaßen hauptsächlich getrieben durch die überproportionale Entwicklung in China, Indien, Brasilien, Russland usw. Die Frage – auch für Wien – ist, wer vom globalen Wachstum profitiert und wer kann sich einen größeren Anteil am innereuropäischen Verkehr sichern? Ich sehe das grundsätzlich relativ positiv.

In der Langfristprognose sind wir von einem Wachstum von rund vier Prozent pro Jahr zwischen 2010 und 2020 ausgegangen. Bis jetzt liegen wir da deutlich darüber. Wir sind im heurigen Jahr unter den großen Flughäfen in Europa bei denen, die am meisten wachsen. Stärker sind nur die Flughäfen in Istanbul und Moskau.

Für die europäische Luftfahrt bin ich auch deswegen optimistisch, weil es auch in den Krisenjahren Wachstum gibt. Wenn die Eurokrise abschwillt, wird das Wachstum deutlich stärker werden. Die Sondersituation in Wien ist die, dass wir eine Catchment Area von 16 Millionen Menschen haben, von denen die Hälfte in unseren osteuropäischen Nachbarländern lebt. Dort gibt es einen irren Nachholbedarf. Der durchschnittliche Slowake reist 0,5mal pro Jahr, der durchschnittliche Österreicher 2,5mal.

Eines muss man auch sagen: Der AUA ist es in den letzten Monaten gelungen, sich innerhalb des Lufthansa-Konzerns eine deutlich bessere Position zu verschaffen. Die AUA hat mit dem Betriebsübergang eine bessere Kostenbasis erreicht.

Austrian Aviation Net: Die AUA ist ja für den Flughafen Wien noch immer einer der wichtigsten Wachstumsbringer. Wie würde es dem Flughafen gehen, wenn es die AUA plötzlich nicht mehr gäbe?

Julian Jäger: Wir haben uns natürlich in der Vergangenheit recht intensiv Zürich und Brüssel angeschaut, die schon einmal durch so ein Schicksal gegangen sind. Zürich hatte 2011 um sieben Prozent mehr Passagiere als 2000, dazwischen ist die Kurve hinuntergegangen. Brüssel hat jetzt noch nicht so viele Fluggäste wie im Jahr 2000.

Man verliert in so einem Fall als erstes die Langstrecke und die Nischendestinationen und sehr viel Transferverkehr. Der Point-to-Point-Verkehr wird dann von ein paar Low-Cost-Carriern bedient. Ein Temesvar oder Cluj fliegt dir niemand.

Wir haben hier allerdings eine bessere Situation, da wir mit NIKI einen zweiten Homecarrier haben und damit ein dezidierter Air-Berlin- und Oneworld-Hub sind. Bei uns wäre die Voraussetzung also wohl etwas besser als beispielsweise in Zürich vor zehn Jahren. In Summe kann so etwas zehn Jahre in der Entwicklung kosten.

Austrian Aviation Net: Ein Schwachpunkt in Wien sind die fehlenden Langstreckenverbindungen. Warum war der Flughafen Wien in der Vergangenheit hier so schwach positioniert?

Julian Jäger: Es ist schwierig, hier über die Vergangenheit zu reden. Faktum ist, dass wir hier viel aufzuholen haben. Ein Problem war immer, dass wir den Ruf hatten, überwiegend eine Tourismusdestination zu sein. Damit füllt man die Business Class nicht. Das ändert sich jetzt aber. Wien ist führend, was die reine Anzahl an Kongressen betrifft. Auch die wirtschaftliche Kooperation mit anderen Ländern entwickelt sich sehr, sehr positiv. Wien als Destination hat jetzt mehr zu bieten als noch vor fünf Jahren.

Es ist auch ganz wesentlich, dass wir mit dem neuen AUA-Management eine sehr positive Kooperation begonnen haben, mit dem Ziel, Star-Alliance-Partner nach Wien zu bekommen. Das geht nicht von heute auf morgen. Was besseres als der Herr Albrecht hätte uns hier auch nicht passieren können – als ehemaliger Star-Alliance-CEO, der die Allianz gut kennt und hier unterstützend wirkt, um den einen oder anderen Carrier nach Wien zu bekommen. Die AUA hat aber auch selbst vor, auf der Langstrecke zu wachsen.

Ein ganz wichtiger Punkt in Wien ist aber auch die Wachstumsperspektive, die wir nicht zuletzt durch den positiven UVP-Bescheid zur dritten Piste bieten können.

Foto: Flughafen Wien / Roman Boensch

Austrian Aviation Net: Wie sehen Sie selbst die Chance, dass Wien in zehn Jahren eine dritte Piste bekommt?

Julian Jäger: Man kann das in Prozent nicht ausdrücken. Unsere Einstellung ist klar. Wir bauen sie nur, wenn sie notwendig ist.  Wir glauben aber, dass sie für den Standort ein ganz wesentlicher Wettbewerbsvorteil ist, wenn man Pistenkapazität auf den Markt bringen kann.

Austrian Aviation Net: Denken Sie, dass der Flughafen Wien durch die Kapazitätsprobleme in den anderen Lufthansa-Hubs Frankfurt, München und Zürich profitieren kann?

Julian Jäger: Das hoffe ich.

Austrian Aviation Net: Sie haben von der Star Alliance und Lufthansa gesprochen. Wie wird es mit NIKI und Oneworld in Wien aussehen? Erwarten Sie hier auch zusätzlichen Langstreckenverkehr?

Julian Jäger: Wir bemühen uns sehr intensiv, neue Airlines nach Wien zu bekommen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind beispielsweise regelmäßig bei allen Routes-Konferenzen vor Ort. Unsere Marketingleute fliegen auch immer wieder in die Airline-Headquarters. Mein Eindruck ist, dass es besonders wichtig ist, auf persönlicher Ebene Kontakte zu pflegen.

Wichtig ist hier, dass es weniger um die Konditionen des Flughafens, sondern um den Markt geht. Man muss eine Airline überzeugen, dass es hier ausreichend Passagiere gibt und dass ein anständiger Yield zu erzielen ist.

Natürlich sind wir hier auch an Oneworld, dem Netzwerkpartner von NIKI und Air Berlin dran. Ich glaube aber, dass der Fokus hier ursprünglich sehr auf Berlin gelegen ist. Ob sich das durch die Probleme mit dem neuen Flughafen geändert hat, kann ich nicht wirklich beurteilen. Insgesamt bin ich hier aber etwas weniger optimistisch als bei der Star Alliance.

Austrian Aviation Net: Wann rechnen Sie damit, dass sich auf der Langstrecke ab Wien wieder etwas Nennenswertes tut?

Julian Jäger: In den nächsten 24 Monaten sollte sich hier etwas bewegen. Wenn nicht, wäre das eine Enttäuschung.

Austrian Aviation Net: Kommen wir noch einmal zurück zur dritten Piste. Als möglicher Baubeginn wird immer wieder das Jahr 2016 genannt. Warum geht das eigentlich nicht schon früher?

Julian Jäger: Das Problem ist, dass wir ohne rechtsgültigen Bescheid noch keine endgültige Planung machen können. Und ohne Planung kann nicht zu Bauen begonnen werden. Wir sind auch aus der Erfahrung vorsichtig, was Kostenschätzungen betrifft. Es ist wichtiger, dass das Ganze seriös und solide gemacht wird.

Austrian Aviation Net: Was sagen Sie zu den Aussagen, dass man ja den Flughafen Bratislava als dritte Piste nutzen kann?

Julian Jäger: Bratislava kann auf keinen Fall in irgendeiner Form ein Ersatz für unsere dritte Piste sein. Es heißt immer wieder, dass Charterverkehr ab Bratislava fliegen kann. Diese Flüge starten aber zu einer Zeit, wo wir selbst genug Kapazität haben – da würden wir auf Umsatz zu einem Zeitpunkt verzichten, an dem wir kein Problem haben.

Die Kapazitäten brauchen wir in den AUA- und NIKI-Spitzen und da hilft uns Bratislava nicht. Wenn die AUA drei Flieger dorthin stellt, ist damit niemandem gedient. Und auch der Transfer zwischen Wien und Bratislava ist nicht wettbewerbsfähig.

Austrian Aviation Net: Bratislava hat ein neues, attraktives Terminal mit einer Kapazität von fünf Millionen Passagieren bekommen, derzeit zählt man dort nur rund 1,5 Millionen Fluggäste. Sehen Sie Bratislava damit schon als Konkurrenz?

Julian Jäger: Ein Flughafen, der so nahe ist, ist zu einem gewissen Grad auch Konkurrenz. Bratislava ist aber von zwei Millionen Passagieren auf eineinhalb Millionen geschrumpft. Wir sind in diesem Zeitraum aber deutlich gewachsen. Mein Eindruck ist, dass uns diese Konkurrenz in der Vergangenheit nicht besonders geschadet hat.

Austrian Aviation Net: Wenn wir schon über kleinere Flughäfen sprechen, kann man auch über die drei Beteiligungen der Flughafen Wien AG an den Airports Kosice, Friedrichshafen und Malta reden. Wie sieht hier die Entwicklung aus?

Julian Jäger: Malta läuft gut, dort haben wir in den ersten sechs Monaten ein marginales Verkehrswachstum gehabt. Das Ergebnis ist dort um 14 Prozent besser geworden, nachdem wir deutlich Personal reduziert und die Kosten um knapp fünf Prozent gesenkt haben.

Friedrichshafen läuft nicht zu unserer Zufriedenheit, das haben wir ja zur Gänze abgeschrieben. Kosice geht wirtschaftlich gut, verkehrsmäßig leider nicht.

Austrian Aviation Net: Was wird sich baulich in der nächsten Zeit tun?

Julian Jäger: Der Check-in 1 erhält gerade ein Facelift. Unter anderem wird hier der Boden abgeschliffen, die Airline-Schalter und Check-in-Counter erneuert, die Wände frisch gestrichen und ein neues Beleuchtungskonzept eingebaut.

Der Check-in 2 wird entweder abgerissen oder renoviert – dazu soll die Entscheidung Ende 2012 oder Anfang 2013 fallen. Das wird sicher unser größtes Projekt in den nächsten Jahren.

Für den Pier West und die Busgates wurde eine neue, zentrale Sicherheitskontrolle eingerichtet. Hier wird es ebenfalls noch Umbauten geben, im Pier sollen neue Shoppingflächen entstehen und die alten Glaswände bei den Flugsteigen werden entfernt. Das wird bis zum ersten Quartal 2013 abgeschlossen sein.

Wir überlegen auch, beim Pier Ost eine zentrale Sicherheitskontrolle zu verwirklichen. Nur müssten wir dort ankommende von abfliegenden Passagieren räumlich trennen – ob das vernünftig möglich ist, prüfen wir gerade.

Austrian Aviation Net: Die alte Ankunftshalle wird ja weggerissen. Was kommt dort hin?

Julian Jäger: Dort entsteht der neue Bahnhof, der für die Fernzüge verlängert wird. Er wird mit der Inbetriebnahme des Hauptbahnhofs 2014 eröffnet. In diesem Jahr soll dann auch mindestens ein Fernzug pro Stunde durchgezogen werden. Der große Vorteil wird dann sein, dass man von Salzburg und Linz direkte Verbindungen zum Flughafen Wien haben wird.

Ab 2014 sollen am Vienna International Airport auch Fernzüge halten (Grafik: ÖBB).

Austrian Aviation Net: Wie sieht es mit dem Airbus A380 aus? Ist geplant, dass der hier abgefertigt werden kann?

Julian Jäger: Zu diesem Thema gibt es zwei Komponenten. Die eine ist die Piste, die nächstes Jahr saniert und Code-F-fähig wird. Die andere ist die Terminalseite – hier ist aber derzeit nichts geplant. Wir haben zwar Ideen, wie man das Terminal verändern könnte, um A380-fähig zu werden. Um ehrlich zu sein, sehe ich den A380 aber in absehbarer Zeit nicht in Wien.

Wir würden diese Investitionen auch nur dann auf uns nehmen, wenn es eine ganz ernsthafte und konkrete Anfrage gibt.

Irgendwann wollen wir allerdings schon A380-fähig sein! Allerdings wird das wahrscheinlich nicht in den nächsten fünf Jahren der Fall sein.

Austrian Aviation Net: Ein ganz anderes Thema: Bei der Bevölkerung ist der Flughafen nicht immer ganz so beliebt – abgesehen davon, wenn man selbst fliegen möchte. Das Thema Fluglärm beispielsweise führt immer wieder zu hohen medialen Wogen. Wird der Flughafen in Zukunft mehr unternehmen, um bei der Bevölkerung eine höhere Akzeptanz zu erreichen? Ein gutes Beispiel dafür ist der Flughafen Zürich, der ja eines der größten Ausflugsziele in der Schweiz ist und den Besuchern auch sehr viel bietet.

Julian Jäger: Einerseits haben wir eine umfassende Mediation durchgeführt, das europaweit größte Mediationsverfahren. Im Besucherangebot haben wir sicher noch aufzuholen. Es wird besser als bisher. Die Terrasse wird demnächst eröffnet. Wir haben zwar auch in der Vergangenheit – zum Beispiel mit dem Visitair Center – einiges gemacht. Auch die Rundfahrten sind sehr informativ. Aber das was uns noch fehlt, ist die Erlebniskultur.

Austrian Aviation Net: Abschließend ein Blick in die Zukunft. AUA-Chef Jaan Albrecht hat bei der Eröffnung des Check-in 3 gesagt: Denken Sie an den Check-in 4. Ist das ein Stichwort für Sie?

Julian Jäger: Dem Spirit dieser Aussage kann ich sehr viel abgewinnen. Es geht darum, dass wir am Standort gemeinsam wachsen wollen und dass wir als Systempartner gut zusammenarbeiten. Einen vierten Terminal sehe ich in den nächsten Jahren allerdings nicht. Ich denke aber, dass wir mit einer intelligenten Lösung, den Terminal 2 zu sanieren, zu erweitern oder neu zu bauen viel von den Problemen lösen, die wir jetzt noch haben. Wir müssen unsere Terminalstruktur für 30 bis 35 Millionen Passagiere im System optimieren.


 
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