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Verfasst am: 10.07.09 06:22

Von: Martin Metzenbauer und Christoph Griensteidl

Cockpitkarriere trotz Luftfahrtkrise: Pilot bei NIKI

Austrian Aviation Net-Gespräch mit Director Operations Peter Esther und Director Training Erwin Müller.

Peter Esther (re.) und Erwin Müller.

In Zeiten von Rezession und Luftfahrtkrise rückt der Traum, einen der begehrten Arbeitsplätze im Cockpit eines Verkehrsflugzeuges einzunehmen, für viele Menschen in scheinbar unerreichbar weite Ferne. Trotz Mitarbeiterabbaus bei renommierten Airlines gibt es aber noch immer Chancen, eine Pilotenkarriere zu beginnen – gerade im Executive-Bereich werden jetzt wieder vermehrt Kapitäne und Co-Piloten gesucht und auch bei manchen Fluglinien merkt man personalmäßig nicht viel von der Krise – ganz im Gegenteil.

Speziell die Low Cost Carrier gelten ja als Profiteure der aktuellen misslichen Wirtschaftslage. Firmen setzen statt auf teure Business Class-Tickets immer mehr auf die vor ein paar Jahren noch verpönten "Billigflieger", die mittlerweile schon richtig schick geworden sind. Das merkt auch die zweitgrößte heimische Fluglinie NIKI, die heuer bereits ein deutliches Passagierplus vermelden konnte.

Dass bei NIKI das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist, unterstreichen die Flugzeugbestellungen. Sowohl für Airbus A320 als auch Embraer 190 liegen fixe Orders und Optionen auf. Wie stark die Flotte in den nächsten Jahren genau wachsen wird, ist naturgemäß noch nicht fix (solche Planungen ändern sich im Airline-Business ja ständig), aber Insider gehen davon aus, dass der Flugzeugpark mittelfristig auf 15 bis 20 Flugzeuge ansteigen wird. Derzeit fliegen 11 Maschinen in NIKI-Bemalung.

Nachdem die zusätzlichen Flugzeuge nicht alleine abheben werden, ist NIKI auf der Suche nach Piloten. Derzeit werden sowohl Kapitäne als auch künftige First Officers eingestellt und zwar sowohl für die Airbus- als auch die Embraer-Flotte.

Insgesamt sollen in den nächsten Monaten mehr als 30 Piloten bei NIKI aufgenommen und ausgebildet werden um das derzeitige Team von etwa 100 Captains und First Officers ergänzen. Für den Embraer werden aktuell 10 Kopiloten gesucht, für den Airbus 20. Außerdem werden für die A320-Flotte 6 bis 7 Kapitäne eingestellt (die Embraer-Captains kommen derzeit noch aus den eigenen Reihen).

Am Rande bemerkt erfahren wir übrigens, dass die Entscheidung für den Embraer-Kauf dadurch belohnt wurde, dass sich dieser Flugzeugtyp im Unternehmen bis dato durch eine 100%ige Zuverlässigkeit auszeichnet; ein Umstand, der speziell bei einer derart hohen Utilisation, wie sie im Low-Cost-Segment (die E 190 fliegen je 8 Sektoren täglich) vorherrscht, eine sehr gewichtige Rolle spielt.

Die Stimmung unter den Piloten beschreibt Director Training Erwin Müller – selbst A320/330 Kapitän – im Austrian Aviation Net-Gespräch als sehr gut, die meisten seien "äußerst zufrieden". Gründe dafür gibt es laut Müller und Director Operations Peter Esther einige: So ist das Arbeitsklima in der (noch immer) "jungen" Airline angenehm, abends kehrt man fast immer in die Homebase zurück (gerade für Menschen mit Familie ist das angenehm) und so manche Goodies (wie günstige Auto-Leasingkonditionen oder verbilligte Handyverträge und natürlich preiswerte Reisen im NIKI/Air Berlin-Streckennetz) versüßen das Leben. Schließlich stimme – entgegen oftmalig geäusserten Vermutungen von Aussenstehenden - auch noch die Bezahlung.
 
Letztere setzt sich bei NIKI aus drei Komponenten zusammen: Zum einen gibt es ein Grundgehalt, zum anderen wird nach Flugstunden abgerechnet. Ergänzend dazu erhält man bei Einsatzzeiten ab 4 Stunden noch Tagesdiäten. Da im Sommer mehr geflogen wird als im Winter, fällt in den warmen Monaten der Verdienst auch etwas höher aus. "Der Unterschied ist aber durch unsere ganzjährig operierten Städteverbindungen nicht so extrem – ich gehe von rund 20% aus", erklärt Erwin Müller. Selbst im Krankheitsfall wird man übrigens nicht auf das Grundgehalt reduziert, sondern erhält eine anteilige Flugstundenzulage.

Wie wird man nun Pilot bei NIKI? Dies geschieht in mehreren Schritten: Zuerst einmal schickt man seinen Lebenslauf an die Fluglinie. Wenn dieser den Anforderungen und Vorstellungen entspricht (bei First Officers fällt darunter neben JAA ATPL oder frozen ATPL, CPL/IR MEP, Medical Class I auch eine Mindestflugstundenzahl von 500h), wird man zu einem Gespräch eingeladen. Dies ist in etwa 80% der Bewerbungen der Fall.

Als nächster Schritt steht dann das Einstellungsgespräch auf dem Programm, wobei sich Peter Esther darüber verwundert gibt, wie schlecht vorbereitet manche dazu erscheinen: "Ich empfehle jedem, ein Bewerbertraining zu machen." Wenn man diese Hürde geschafft hat, geht es als nächstes zum "Vorfliegen" auf den Simulator. Danach stellt sich heraus, ob der Bewerber wirklich ins NIKI-Team passt.

Wenn dies der Fall ist, startet das Typerating. Hierbei orientiert man sich nicht nur an den gesetzlichen Rahmenbedingungen, sondern übertrifft diese bei weitem. Beim Airbus wird neben 40 Stunden am Full Flight Simulator ebenso viel Zeit am Fixed Base Simulator verbracht. Anschließend werden dann noch im "richtigen" Flugzeug Platzrunden gedreht oder der Abschluss des Typeratings auf dem Sim (gemäß EU OPS "Zero Flight Time Training") gemacht. Letzteres ist möglich, wenn der Pilot mindestens 1.500 Flugstunden vorweisen kann und auch abhängig davon, ob dies das allererste Typerating des Schülers ist. Anschließend wird man dann mit einem erfahrenen Trainings-Captain auf das Line Training geschickt, von dem man dann nach mindestens 60 Sektoren als "echter" First Officer auschecken kann. Sämtliche Fluglehrer sind selbstverständlich auch bei NIKI als Pilot beschäftigt. Die Simulator-Ausbildung für den A 320 findet in Wien und Berlin statt, die E 190 Ausbildung in Zürich und Helsinki.

Weniger bekannt ist übrigens die Tatsache, dass die "NIKI Flight Academy" auch in der Ausbildung für andere Fluglinien tätig ist. So wurden die Trainings für ca. 80 Air Berlin A320-Piloten von NIKI durchgeführt und auch andere Airlines – wie beispielsweise Hamburg International – setzen auf die qualitativ hochwertige NIKI-Ausbildung.

Abgesehen vom Training finden aber auch immer wieder Piloten anderer Airlines Gefallen an der österreichischen Fluglinie – und zwar als Arbeitgeber. So trifft man heute eine Reihe ehemaliger AUA- und Tyrolean-Kapitäne im NIKI-Cockpit. "Nicht nur wir sind mit diesen Kollegen sehr zufrieden, sondern sie fühlen sich auch bei uns  – speziell hinsichtlich Dienstplan und Bezahlung - sehr wohl", erläutert Peter Esther. Aktuell erwartet man bei NIKI in Anbetracht des Stellenabbaus bei der Austrian Airlines Group zusätzlich wieder deutlich mehr Bewerbungen aus den AUA-Reihen.

Ein interessantes Detail, das sicherlich Spielraum für Vermutungen über etwaige Zukunftspläne bietet, verraten die beiden NIKI-Directors abschließend im Gespräch: "Wir haben 15 Kapitäne mit A330-Typerating und einer Menge Erfahrung auf dem Typ in unserem Team und achten genau darauf, dass sie ihre Berechtigungen erhalten." Selbstverständlich ist NIKI Flight Academy berechtigt, A330 zu schulen.

> NIKI Stellenangebot für Piloten


 
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