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Verfasst am: 11.03.15 15:20

Von: Jan Gruber

Kommentar: Wieder da! Fliegen unter 10 Euro!

Süßer oder salziger Snack mit 0,2-Liter Getränk kostet 34,02 Euro Aufpreis.

Boeing 737-800 (Foto: www.AirTeamImages.com).

Im innerdeutschen Verkehr reduzierte sich in den letzten Jahren die Angebotsvielfalt auf Air Berlin und Lufthansa (inklusive Germanwings) sowie den Nischencarrier InterSky. Während letzterer einen Markt bedient, der  äußerst überschaubar ist, liefern sich Air Berlin und Lufthansa (inklusive Germanwings) einen Verdrängungswettbewerb auf eher hohem Preisniveau. Mit dem Markteintritt von Ryanair im innderdeutschen Luftverkehr kommt es nun zu einem Comeback des Fliegens unter zehn Euro.

Der irische Lowcoster prescht mit Kampfpreisen ab 9,98 Euro auf der Strecke Köln/Bonn-Schönefeld in den Markt und unterbietet damit den Einstiegspreis von Germanwings um 10,01 Euro. Absolut kein Zufall ist, dass die Lufthansa-Tochter die idente Städteverbindung neu aufnehmen wird. Letztlich ist es eine Art krampfhafter Versuch des Kranich-Konzerns, um Ryanair aus dem innerdeutschen Verkehr fernzuhalten.

Michael O'Learys Herzenswunsch geht nun in Erfüllung, denn seit Jahren droht er Lufthansa mit einem Preiskrieg im innerdeutschen Verkehr. Wirtschaftlich ist weder der Einstiegspreis von Germanwings, noch jener von Ryanair, denn allein die Luftverkehrsabgabe macht innerdeutsch 8,93 pro Strecke. Dazu kommen noch Sicherheitsgebühren, die Mehrwertsteuer auf den formellen Flugpreis, die Passagiergebühren und so weiter. Anders ausgedrückt: Beide Airlines zahlen bei jedem Billigticket kräftig drauf.

Dies bekräftigt die Ansicht, dass es ganz und gar nicht darum geht mutmaßlich an Fernbusse und die Deutsche Bahn verloren gegangene Passagiere wieder ins Flugzeug zu bringen, sondern lediglich um ein Kräftemessen zwischen Lufthansa und Ryanair. Letztere dürfte aufgrund der deutlich niedrigeren Produktionskosten, die dem Vernehmen nach um rund 40 Prozent unter jenen von Germanwings liegen, auf den ersten Blick die besseren Karten haben. Letztlich geht es dem Kranich-Konzern einzig und allein darum Ryanair aus dem innerdeutschen Verkehr zu verscheuchen.

Mit Stuttgart-Schönefeld steht bereits das zweite "Schlachtfeld" in den Startlöchern, denn auch hier werden sich Germanwings und Ryanair matchen. Das Preisniveau dürfte sich dann ähnlich wie auf der Verbindung von Köln/Bonn aus gestalten. Dem irischen Low-Coster sind noch zahlreiche weitere Strecken zuzutrauen, jedoch ist darüber noch sehr wenig bekannt.

Künftig werden Jugendliche also die Möglichkeit haben unter zehn Euro pro Richtung von Berlin nach Köln zum Feiern zu fliegen, denn warum nicht mal die Nacht in Deutschlands Partymetropole durchmachen, wenn das Taxi nach Hause möglicherweise teurer ist.... Oder Beamtenfamilien können sich gegenseitig im Tagesrand zum Dumpingpreis besuchen, wobei der Kuchen natürlich gleich mitgebracht werden kann. Das Kölsch besser nicht, denn Flüssigkeiten gehören bekanntlich ins Gepäck und das kostet bei beiden Anbietern extra.

Ab Wien war es vor einigen Jahren möglich ab zwei Euro oneway beispielsweise nach Bukarest zu fliegen. So konnte man sich beispielsweise in Wien bei Ikea beraten lassen, um anschließend idente Ware in einer rumänischen Filiale einzukaufen. Der Reisepreis war mit vier Euro (return) billiger als heute zwei Einzelfahrscheine der Wiener Linien. Das Ende von SkyEurope ist allseits bekannt, doch handelt es sich im deutschen "Revival des Fliegens unter 10 Euro" um zwei Schwergewichte der Branche.

In den Ring treten Lufthansa mit konzernweit 398 Flugzeugen und zehn offenen Bestellungen und Ryanair mit 302 Boeing 737 und 275 offenen Bestellungen. Beide Player sind börsennotiert und haben eine besondere Vorliebe Flugtarife, die kein Gepäck inkludieren. Ryanair gilt als Europameister der Zusatzgebühren, während Lufthansa eher auf Gratis-Quietschentchen in Badewannen luxuriöser HON-Circle-Lounges steht.

Als Hauptfeind der Lufthansa gelten streikende Piloten, "fliegende Teppiche" in die Golfregion, die Luftverkehrsabgabe und ganz generell die Marktsituation. Ryanair kann französische Provinzgerichte, die ziemlich teuer kommen können, sämtliche Kosten rund ums Fliegen und sämtliche Mitbewerber, die nicht Ryanair heißen, nicht ausstehen. Lufthansa kennt den irischen Low-Coster offiziell gar nicht, Ryanair pinselt "Auf Wiedersehen Lufthansa!" auf den Rumpf.

Zumindest was das zur Verfügung stehende Kapital anbelangt wird es auf jeden Fall ein faires Match, so dass man fast glauben könnte, dass Air Berlin ein großer Stein vom Herzen fällt, dass Lufthansa nun einen finanzkräftigen Spielkameraden bekommen hat. Zumindest hoffen darf man ja, dass Lufthansa und Germanwings auf anderen Strecken die Preise anziehen müssen, um die bevorstehenden Verluste auf den Ryanair-Germanwings-Match-Strecken wieder reinfliegen zu können.

Der erst kürzlich vorgestellte JustFly-Tarif von Air Berlin ist ab 44 Euro oneway dagegen schon fast hochpreisig, doch immerhin sind ein "süßer oder salziger Snack" und ein Getränk inklusive. Im Vergleich zum billigsten Ryanair-Tarif kommen Soletti und 0,2-Liter-Getränk des Qualitätscarriers mit weiß-roter Lackierung im günstigsten Fall auf 34,02 Euro. Qualität hat eben seinen Preis, denn wer nach Tegel statt ins gefühlt am Ende der Welt liegende Schönefeld möchte, muss eben mehr bezahlen oder aber bei der Konkurrenz Germanwings nach Tegel buchen...

Air Berlin ist allerdings im Moment auch mit dem "Luxusproblem" beschäftigt Maschinen des Typs Saab 2000 von Etihad Regional im Streckennetz unterzubringen...


 
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