Austrian Aviation Net - Das Magazin der österreichischen Luftfahrt
 
 
 
   
 

Im Focus Detail


Verfasst am: 09.04.13 13:45

Von: Roman Payer

Condor: Neue Wien-Ziele im Jahrestakt

Im Gegensatz zu München droht in Wien voerst kein Konkurrenzkampf bei den Langstrecken-Urlaubsdestinationen - Boeing-767-Flotte erhält neue Sitze mit eingebauten Monitoren - Comfort Class wird zu Business Class - Condor-Gewinne, aber Milliardenminus bei Mutterkonzern Thomas Cook

Foto: AirTeamImages.com

Seit dem Verkauf der Lauda Air an die damals noch staatliche Austrian Airlines liegt der Markt für Langstrecken-Urlaubsflüge ab Wien mehr oder weniger brach. Diese Lücke schließt - zumindest im Winter - nun seit zwei Jahren der deutsche Urlaubsflieger Condor. Im Jahrestakt eröffnet Condor ab Wien Strecken zu exotischen Urlaubsdestination, zuerst Punta Cana in der Dominikanischen Republik. Im gerade abgelaufenen Winter ist Varadero auf Kuba dazu gekommen und ab dem nächsten Winter startet Condor Flüge nach Mombasa in Kenia - die mittlerweile dritte Destination ab Wien. Bereits jetzt ist Österreich der größte Auslandsmarkt für die Urlaubsfluggesellschaft, davon profitieren neben den heimischen Reiseveranstaltern und dem Flughafen Wien auch die Bodenabfertigungsfirma Celebi Österreich. Doch wie nachhaltig ist das Investment in Wien? Austrian Aviation Net hat sich die Pläne von Condor genauer angesehen.

Wie es Condor schafft, die Flieger zu füllen
Auf allen Flügen ab Wien setzt Condor eine Boeing 767 mit bis zu 270 Sitzplätzen ein. Die Mehrheit der Passagiere bucht den Flug im Reisebüro gemeinsam mit Hotel als Pauschal- oder Rundreise. Das alleine würde aber nicht reichen, die Flieger zu füllen. Den Rest der Sitzplätze bietet Condor im sogenannten Einzelplatzverkauf an. Denn nur bei einer Auslastung von weit über 90 Prozent sind die Flüge auch profitabel. Darüber hinaus kooperiert Condor mit anderen Airlines wie der Lufthansa, um Passagiere von anderen Regionen zu den Abflügen nach Wien zu bringen. Auch Passagiere aus osteuropäischen Ländern, allen voran Tschechien und der Slowakei, fliegen mit Condor ab Wien. Die Airline selber spricht von einer Catchment-Area von 16 Millionen Menschen.

Ein Langstrecken-Billigflieger?
Condor hat sich von reinen Charterflügen mehr oder weniger verabschiedet, um die Abhängigkeit von den Reiseveranstaltern zu verringern. Das Geschäftsmodell auf der Langstrecke ähnelt ansatzweise dem von Low-Cost-Carriern. Sonst wären Ticketpreise von 399,99 Euro (oneway) für Direktflüge von Wien nach Kuba oder in die Dominikanische Republik undenkbar. Der große Vorteil von Condor: Die teuren Pilotengehälter fallen bei langen Flügen von bis zu zwölf Stunden weniger ins Gewicht. Der mit Abstand größte Kostentreiber ist das Kerosin. Und das kostet für alle Fluggesellschaften gleich viel.

Richtig günstig sind dafür die Flughafengebühren in Wien. Der Wiener Flughafen subventioniert die Streckenaufnahmen durch sein Incentives-Programm, damit die neuen Destinationen "warm laufen" können, wie es heißt. Im ersten Jahr jeder neuen Strecke muss Condor keine Landegebühren zahlen, im zweiten Jahr nur 20 Prozent, im dritten Jahr 40 Prozent und im vierten Jahr 60 Prozent. Danach fällt der Rabatt weg. Die Frage ist, ob Condor die Flüge dann noch wirtschaftlich betreiben kann oder man nicht einfach die Destinationen wechselt und das Rabatte-Spiel neu beginnt. Condor-Sprecher Johannes Winter dazu: "Wir schauen uns das wirtschaftliche Ergebnis einer jeden Strecke an und entscheiden dann, ob wir sie weiter betreiben oder einstellen." In anderen Worten: Wenn die Strecken trotz Rabatt-Ende gut laufen, werden sie nicht eingestellt.

Zu der "Starthilfe" in Wien kommt, dass Condor typische Urlaubsdestinationen in Ländern, wo der Tourismus zur Haupteinnahmequelle zählt, anfliegt. Dementsprechend versuchen die jeweiligen Regierungen Urlaubsflieger wie Condor mit günstigen Flughafengebühren anzulocken. Landen und Starten in Mombasa, Varadero oder Punta Cana kostet einen Bruchteil dessen, was Netzwerk-Carrier wie Lufthansa, British Airways oder Air France auf den Drehkreuz-Flughäfen in New York oder London-Heathrow zahlen müssen.

Condor-Bordprodukt auf Langstreckenflügen
Beim Essen an Bord gibt es in der Economy Class zwei Menüs zur Auswahl. Ein Premium Menü kostet extra. Später werden Snacks verkauft. Bei der Bordunterhaltung kann der Urlaubsflieger mit mordernen Entertainment-Systemen anderer Airlines allerdings (noch) nicht mithalten, wie ein AANet-Test auf Einladung von Condor ergeben hat. Es fehlt derzeit an eingebauten Bildschirmen in den Vordersitzen. Neben den bis zu 217 Sitzen in der Economy Class, bietet Condor in den Boeing 767-Jets eine Premium Economy mit umfangreicherem Essen und ungefähr 15 Zentimeter mehr Sitzabstand an. Ganz vorne gibt es noch 18 Sitze in der Comfort Class. Auf den Flügen nach Varadero auf Kuba gibt diese Comfort Class allerdings nicht. Offenbar ist da die Nachfrage da zu gering.


Die Comfort Class weicht schon bald einer Business Class. (Foto: Condor)


Nachdem momentan einer der großen Condor-Rivalen, Air Berlin, neue Business-Class-Sitze in die Langstreckenflugzeuge einbauen lässt, hat nun auch Condor reagiert. Condor-CEO Ralf Teckentrup: "Wir passen unser Langstreckenprodukt an die allgemeine Marktlage an." Die Comfort Class wird zu einer vollwertigen Business Class mit 1,80 m Bettlänge und einer Neigung von 170 Grad, dazu wird es USB- und Stromanschlüsse geben. Auch die Eco-Sitze werden gegen moderne Sitze mit In-Seat-Monitoren ausgetauscht. Zukünftig werde in allen Klassen "Entertainment on demand" angeboten, mit dem jeder Passagier auf seinem eigenen Bildschirm sein Unterhaltungsprogramm frei wählen kann, informierte Condor am gestrigen Montag in einer Presseaussendung mit interaktivem Rundgang. Intern war die Entscheidung schon länger bekannt. Das erste Flugzeug mit neuer Kabine soll im Herbst 2013 abheben. Zum Sommer 2014 will Condor die Umrüstung der gesamten Flotte abgeschlossen haben. Der Testbetrieb von "Boardconnect", bei Filme und Musik über ein lokales kabelloses Netzwerk im Flugzeug auf W-Lan-fähige Geräte wie Smartphone, Tablets oder Laptops übertragen werden, dürfte laut AANet-Infos hingegen eingestampft werden.

Parallel dazu ändert Condor auch die Flottenstrategie: Von den zwölf Boeing B767-300 Flugzeugen verfügen künftig drei über 30 Business-Class-Sitze. Diese Flugzeuge werden verstärkt auf Strecken ab Frankfurt mit hoher Business-Class-Nachfrage, wie den Malediven, den Seychellen und Mauritius, eingesetzt. Die übrigen neun Flugzeuge werden wie bisher mit 18 Business Class-Sitzen ausgestattet. Dazu kommen im nächsten Winterflugplan noch zwei Boeing 767 vom britischen Mutterkonzern Thomas Cook, die im Wetlease mit deutschsprachigem Kabinenpersonal für Condor fliegen werden.


Foto: AirTeamImages.com


Condor-Gewinn geht in Thomas-Cook-Verlusten unter
In den letzten Jahren tauchten immer wieder Übernahmegerüchte auf, zuletzt knapp vor einem Jahr. So wurde der deutsche Airline-Investor Hans Rudolf Wöhrl, dem auch die Mehrheit an InterSky gehört, als potentieller Käufer gehandelt. Keim der Verkaufsspekulationen ist in erster Linie die Finanzsituation des Mutterkonzerns Thomas Cook. Das in London an der Börse notierte Reiseunternehmen hat in den letzten zwei Jahren Verluste von über einer Milliarde Pfund angehäuft, im Geschäftsjahr 2011/2012, das am 30. September 2012 endete, stand unterm Strich ein Minus von 590 Millionen Pfund - umgerechnet sind das rund 730 Millionen Euro. Condor kann die Thomas-Cook-Verluste mit seinen operativen Gewinnen (2012: 35,7 Millionen Pfund, 2011: 69,3 Millionen Pfund) nur wenig abfedern. Dass Condor mit Thomas Cook untergehen würde, gilt Branchenexperten zufolge aber als unwahrscheinlich. Die Condor Flugdienst GmbH sei nur wenig mit dem Mutterkonzern verbunden, auch wenn das Management in London die einzelnen Konzern-Airlines stärker verzahnen will.

Droht Preiskampf mit Air Berlin in München?
Nachdem sich der operative Gewinn von Condor von 2011 auf 2012 halbiert hat, könnten auch die nächsten eineinhalb Jahre schwierig werden. Denn Condor plant, im kommenden Winter zwei Langstreckenflieger in München zu stationieren, nachdem Air Berlin zuletzt angekündigt hatte, sich auf die Standorte Düsseldorf und Berlin konzentrieren wollen. Fix ist der Abzug der Air-Berlin-Langstreckenflieger aus München allerdings noch nicht. Im Gegenteil: "Unser Langstreckenangebot ab München bleibt unverändert", sagte Air-Berlin-Pressesprecher Mathias Radowski am Dienstag gegenüber Austrian Aviation Net.

Aus heutiger Sicht sieht der Flugplan der Air Berlin im nächsten Winter zwei Airbus A330-200 mit zwölf wöchentlichen Abflügen vor. Sollten tatsächlich interkontinentale Ferienziele von Air Berlin in MUC bleiben, droht auf zahlreichen Strecken ein direkter Konkurrenzkampf mit Condor. Die Frage ist nur, ob sich Air Berlin einen solchen Preiskampf leisten will und kann. Air Berlin schreibt seit Jahren Verluste und hat 2012 nur dank des Verkaufs des Meilenprogramms einen kleinen Gewinn ausweisen können. Bei Condor ist die Entscheidung zu München jedenfalls bereits gefallen - egal was Air Berlin nun macht.


 
News Regional News International Feature Forum Im Focus Home Newsletter Jobs Facebook Links