Austrian Aviation Net - Das Magazin der österreichischen Luftfahrt
 
 
 
   
 

Im Focus Detail


Verfasst am: 17.12.12 18:00

Von: Jan Gruber

Flughafen-Bremen-Chef Jürgen Bula im Interview

Die Freie Hansestadt Bremen ist das Zentrum der europäischen Luft- und Raumfahrt. Das neue Satellitennavigationssystem “Galileo”, ein Airbus-Werk und zahlreiche Firmen im Bereich der Raumfahrt sind hier aktiv. Austrian Aviation Net sprach mit Flughafendirektor Jürgen Bula unter anderem über den City-Airport Bremen, den Wirtschaftsstandort Bremen, Wettbewerb unter Flughäfen, das Comeback von Regionalfluggesellschaften und Entenfamilien, die ein Verkehrschaos im Bereich der Flughafenzufahrt auslösen können.

Jürgen Bula ist Geschäftsführer des City-Airport Bremen. (Fotos: Flughafen Bremen GmbH)

Nicht nur für die Bremer Stadtmusikanten ist die Freie Hansestadt Bremen bekannt, sondern besonders als Kompetenzzentrum der europäischen Luft- und Raumfahrt. Jürgen Bula ist seit vier Jahren Geschäftsführer des sich im Herzen der Stadt befindlichen City-Airport Bremen, dessen Geschicke er leitet. Zuvor war der heutige Flughafendirektor in Personalunion Geschäftsführer einer Lufthansa-Bodenabfertigungsholding und Hauptabteilungsleiter über die deutschen Lufthansa-Flughäfen. Austrian Aviation Net telefonierte mit Jürgen Bula am vergangenen Dienstag.

Austrian Aviation Net: Welche Bedeutung hat der Flughafen Bremen für die Region?
Jürgen Bula: Der City-Airport Bremen ist das Mobilitätsportal der gesamten Nordwestregion und das Rückgrat der Verkehrsanbindung des Nordens an Europa und die Welt.. Über unseren Flughafen vernetzen wir Bremen mit der Welt und bringen die Welt nach Bremen. Unsere Stadt und die Region sind  ein Kompetenzzentrum für Zukunftstechnologien, besonders im Bereich der Luft- und Raumfahrt. Wir sind europaweit die Nummer Eins, denn hier in Bremen wird nicht nur entwickelt, sondern auch produziert. Der Cluster von Luft- und Raumfahrt in Bremen ist weltweit einzigartig und auch ein bedeutender Arbeitgeber für die gesamte Region. Mit dem Frachtflugzeug “Beluga” werden Teile eingeflogen, im Airbus-Werk Bremen fertiggestellt und anschließend zur Endmontage zum Beispiel nach Toulouse geflogen. Die Entwicklung und Produktion von “Galileo”, dem europäischen Satellitennavigationssystem, das Europa von der GPS-Technologie unabhängig machen wird, erfolgt ebenfalls in Bremen.

AANet: Wie viele Beschäftigte gibt es rund um Ihren Flughafen?
Bula: Insgesamt gibt es rund 6.600 Arbeitsplätze mittelbar in der Airportstadt, einem eigenen Stadtteil, und im gesamten Wirtschaftsraum sind es mehr als 25.000, welche am Airport hängen.

AANet: Da gibt es mit Sicherheit einen großen Anteil an Geschäftsreisenden...
Bula: Rund 60 Prozent unseres Passagiervolumens sind Geschäftsreisende. Natürlich gibt es auch andere, die gerne reisen. Im Low-Cost-Bereich hat ein Carrier bei uns Maschinen stationiert, namentlich Ryanair, der mehr als 20 Ziele ab Bremen anbietet. Im Touristikbereich gibt es viele preiswerte Flugverbindungen nach Südeuropa.

AANet: Ist Ihr Flughafen an die wichtigsten Hubs angebunden?
Bula: Der City-Airport Bremen bietet täglich über 120 Drehkreuzverbindungen im Onestop Verkehrs into the world, wir bedienen sieben Hubs. Diese Verbindungen stellen auch das Rückgrat unseres Mobilitätsportals dar. Wir sind an die Hubs Istanbul, München, Frankfurt, Zürich, Amsterdam, Paris CDG und Kopenhagen angebunden. Im Bereich der Point-to-Point-Verkehre gibt im Durchschnitt pro Jahr zwischen 45 und 50 direkte Ziele, die von 17 bis 22 Airlines angeboten werden. 

AANet: Viele Regionalflughäfen sind ohne öffentliche Subventionen nicht überlebensfähig. Benötigt Ihr Flughafen Subventionen zur Aufrechterhaltung des Betriebs?
Bula: Nein. Unser Flughafen ist seit dem Jahr 2000 subventionsfrei. Unsere Besonderheit ist, dass wir eine privatrechtliche Gesellschaft, also eine GmbH, in öffentlicher Hand sind und für Investitionen uns projektbezogen am  Kapitalmarkt bedienen. Wir haben eine öffentliche Aufgabe, jedoch sind wir absolut subventionsfrei. Unsere Bilanzsumme macht rund 140 Millionen Euro aus, die Eigenkapitalqoute liegt bei 60 Prozent und der Abschreibungsanteil notwendiger Investionen bei rund zehn Millionen Euro pro Jahr.

AANet: Wie viele Beschäftigte hat Ihr Flughafen?
Bula: Insgesamt haben wir 250 Mitarbeiter aus 18 Nationen und drei Tochtergesellschaften auf dem Platz. Im Konzern beschäftigen wir 450 Mitarbeiter.


City-Airport Bremen

AANet: Wofür steht die Marke “City Airport”?
Bula: Unser Flughafen befindet sich im Herzen der Freien Hansestadt Bremen. Alle sechs Minuten kann man mit der Straßenbahn in nur 11 Minuten ins Stadtzentrum gelangen. Eine so schnelle Anbindung gibt es meines Wissens nach nirgendwo. Unser Flughafen unterliegt daher auch Betriebseinschränkungen, die wir akzeptieren und respektieren. Zwischen 22 Uhr 30 und 06 Uhr 00 soll  kein planmäßiger, kommerzieller Flug auf unserem Flughafen durchgeführt werden.

AANet: Spüren Sie den Flughafen Hamburg als Konkurrenz?
Bula: Der hamburigische Flughafen befindet sich in einer normalen Entfernung. Allerdings ist die Anreise von Bremen nach Hamburg sehr mühsam. Man muss zunächst über die häufig übervolle Autobahn A1, dann durch den Elbtunnel und so weiter. Mit dem Auto benötigt man rund zweieinhalb Stunden. Das ist dann schon sehr mühsam. Die Bahnverbindung zwischen Bremen und Hamburg ist sehr gut. Man hat sogar die Auswahl zwischen Angeboten der Deutschen Bahn und jenen einer Privatbahn. Nur: da ist man dann beim Hauptbahnhof in Hamburg und muss von dort aus mit S-Bahn und Bus erst mühsam zum Flughafen kommen. Der Hamburger Flughafen ist für uns gleichermaßen wie Münster/Onsabrück oder Hannover ein verkraftbarer Mitbewerber, denn wir haben gegenüber den bereits genannten Flughäfen keinen Wettbewerbsnachteil. Dies sehen wir eher sportlich Wir sehen aber den 250 km entfernten Flughafen Groningen in den Niederlanden eher kritisch. Alleine durch das Nichtvorhandensein der Luftverkehrssteuer in den Niederlanden hat dieser Flughafen einen Wettbewerbsvorteil und die Finanzierung des Ausbaus ist aus unserer Sicht nicht ganz transparent abgelaufen.

AANet: Wie viele Passagiere nutzen jährlich Ihren Flughafen?
Bula: Im Moment zählen wir rund 2,7 Millionen Passagiere pro Jahr bei rund 50.000 jährlichen Flugbewegungen.

AANet: Was ist Ihr Ziel in Richtung Wachstum?
Bula: Im Jahr 2016 werden wir drei Millionen Passagiere zählen. Ich betone aber, dass wir profitabel wachsen werden. Für uns geht Wertigkeit ganz klar vor Größe.

AANet: Welche Ausbauten und Projekte haben Sie dazu in den letzten Jahren umgesetzt?
Bula: Die punktgenaue Ablieferung zahlreicher Prozesse wurde verbessert. So wurden während einer mehrtägigen Schließung unsere Runway saniert und nebenbei auch die Redunanzanbindung der Stromversorung komplettiert. Wir setzen hier stark auf Digitalisierung und Modernisierung und werden im kommenden Jahr einen neuen Fuhrpark an Löschfahrzeugen eines österreichischen Herstellers übernehmen. Es handelt sich dabei um eine neue Ausführung, bei dem wir Launching-Customer sind. Seit 2010 haben wir sehr viel in die Verbesserung unserer Steuerung von Belüftung, und Stromversorgung investiert. Beispielsweise sind unsere Rolltreppen nur dann in Betrieb, wenn sie auch wirklich benötigt werden. Diese springen an, wenn sich ein Passagier in rund zwei Metern nähe befindet. Weiters wurden wir in WTO-konformer Ausschreibung Werksflughafen von Airbus, wobei es sich dabei um einen normalen Kunden handelt. In Toulouse ist das natürlich eine ganz andere Ausprägung, denn dort gehört Airbus der ganze Flughafen. Für die Zukunft haben wir uns vorgenommen, dass wir den Standortvorteil noch weiter optimieren und die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr weiter verbessern. Wir haben bereits ein neues Vertriebsportal geschaffen, das unter dem Namen “Fly Bremen” bei Bedarf ein Angebot schafft, mit dem wir Airlines, Kunden und dergleichen besser gemeinsam bedienen können.

AANet: Unter dem Namen "Bremenfly" gab es doch mal eine Airline...
Bula: Das war vor meiner Zeit. Ich wäre von diesem privat geführten Projekt nicht erfreut gewesen, denn der Name unserer Stadt “Bremen” steht für Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Qualität. Um es klar zusagen: ich hätte einer "Bremenfly" niemals zugestimmt.


Terminal des City-Airport-Bremen

AANet: In den 1990er-Jahren gab es noch sehr viele Regionalfluggesellschaften. Sehen Sie generell ein Revival der Kleinen?
Bula: Absolut. Die durch die Konsolidierung der Netzwerkcarrier eingeleiteten Ausdünnungen der regionalen Anbindungen eröffnet kleineren Airlines die Chance profitable Direktverbindungen anzubieten. Geschäftsreisende sind auf gute Direktverbindungen angewiesen, bei denen es heißt: Einsteigen, Aussteigen und pünktlich ankommen. Time is money! Die Regionalfluggesellschaften positionieren sich als Qualitätscarrier und wachsen bedarfsorientiert und vorsichtig. Auch Bedarfsfluglinien wie Netjet haben Vorteile, denn diese können ein auf den Kunden maßgeschneidertes Produkt anbieten. Der große Vorteil ist, dass man die GAT-Bereiche nutzen kann. Bei uns in Bremen ist das eine sehr tolle Sache, aber in Frankfurt am Main vielleicht weniger, denn da landet man dann in Egelsbach weitab vom wirtschaftlichen Geschehen. Ich sehe aber ganz klar eine deutliche Renaissance der regionalen Non-Stop-Verbindungen kleinerer Airlines.

AANet: In Deutschland gibt es sehr viele, teilweise sehr kleine Flughäfen. So gibt es Kleinstflughäfen mit nur sehr wenigen, nur saisonalen oder überhaupt keinen Flugverbindungen, die dennoch in Betrieb gehalten werden. Könnte es hier zu einer Marktbereinigung kommen, wenn diese nicht mehr subventioniert werden oder subventioniert werden dürfen?
Bula: Zahlreiche dieser Kleinstflughäfen sind betriebs- wie volkswirtschaftlich reinster Irrsinn. Dort steht kommunales Ego vor wirtschaftlicher Vernunft. Die Preispolitik, die solche Flughäfen dann fahren, um überhaupt Flugangebote zu haben, ist nicht schön und eine, um es deutlich zu sagen, Sauerei.. Das ist sogar eine große Gefahr, wenn durch öffentliche Subventionen Dumpingpreise ermöglicht werden, die das Defizit eines solchen Kleinstflughafens nur weiter verschlimmern. Der Flughafen Kassel-Calden wurde in einem Investitionsausmaß errichtet, das nicht privat finanziert werden konnte. Die Inbetriebnahme löst allerdings eine ganze Kette aus. Die ohnehin schon nicht gerade mit hohem und wertigemFlug- und Passagiernachfrage gesegneten Flughäfen Paderborn, Münster/Osnabrück, Weeze und auch Dortmund werden das zu spüren bekommen. Am Ende zahlt der Steuerzahler diese Zeche.

AANet: Welche Wachstumshemmungen hat die Luftfahrt in Deutschland?
Bula: Wir müssen alle gemeinsam an einem Strang ziehen, um die Luftverkehrssteuer und die Himmelsmaut wieder abzuschaffen. Das ist so was von Gift für nachhaltiges Wachstum. Wenn es eine paneuropäische Angelegenheit wäre, dann würde es ja alle gleichermaßen treffen und niemand hätte einen Vor- oder Nachteil. Mit den nationalen Alleingängen ist es so, dass nun eben die Verkehre sich zunehmend jenseits der Grenzen entwickeln. Mit nationalen Alleingängen hat die Politik die Marktmechanismen in einem  vereinten Europa nicht verstanden.

AANet: Welche Besonderheiten hat Ihr Flughafen in Bremen, die es nur bei Ihnen gibt?
Bula: Zum einen haben wir Wilma, unsere Leitkuh. Im Süden des Flughafengeländes grasen Rinder und hierbei gibt es eine Kuh, die immer unseren Flughafen beobachtet und versucht Flughafengras zu fressen. Sie lehnt sich auch gerne am Zaun an und löst dabei Alarm aus. Die Kuh hat scheinbar nie gelernt, dass man sich nicht an Aluzäunen anlehnen sollte. Absolut kurios ist aber, dass es bei uns gelegentlich zu Verkehrseinschränkungen im Bereich der Zufahrt durch Entenfamilien kommt. Diese leben im nahegelegenen Flughafenpark und kommen zu den Cafés, um sich dort einige auf den Boden gefallene Leckerlies zu holen. Wenn hier dann zahlreiche Enten die Einfahrt blockieren, ist das eine schon lustige Gegebenheit, die man an einem Flughafen so jetzt nicht erwarten würde. Die Enten sind dadurch dann auch besonders produktiv, so dass wir beim Teich unseres Flughafenparks häufig das Wasser wechseln müssen. Über den Winter sind die Enten nicht da, aber kommen im Frühjahr wieder eingeflogen, weil sie sich im Flughafenpark offensichtlich heimisch fühlen.


 
News Regional News International Feature Forum Im Focus Home Newsletter Jobs Facebook Links