Wie viele Flughäfen in Österreich haben Landebahnen mit einer Länge von mehr als 2000 Metern? Den meisten würden dazu Wien, Salzburg, Linz, Graz, Klagenfurt, Innsbruck und Zeltweg einfallen. Eher wenig bekannt ist die Tatsache, dass ein paar Kilometer nördlich der Wiener Stadtgrenze eine Flugplatz brachliegt, der über eine Runway von mehr als 2 Kilometern Länge verfügt hat. Diesen Flughafen, der zwischen den Gemeinden Strasshof, Deutsch Wagram und Markgrafneusiedl liegt, umgibt ein wenig die Aura des Geheimnisvollen - ist doch lange nicht so viel darüber bekannt, wie über den einige Kilometer südlich gelegenen ehemaligen Flugplatz Wien-Aspern.

Der kurze geschichtliche Abriss ergibt, dass erstmals zur Zeit des ersten Weltkriegs Flieger in dem Gebiet unterwegs waren, die Anlage dann aufgegeben wurde, um während des zweiten Weltkriegs wieder reaktviert zu werden. Danach hat die Rote Armee den Platz benutzt - nach ihrem Abzug war dann lange Zeit Ruhe, bis vor einigen Jahren Modellflugbegeisterte einen Teil der Runway okkupiert haben.

 

Lageplan des Flugfeldes und der Umgebung (Klicken aufs Bild öffnet eine größere Version).

Grafik: Austrian Aviation Net

 

Wir begeben uns zum Lokalaugenschein. Man erreicht den Ort relativ leicht - über die Verlängerung der Süd-Ost-Tangente kommt man auf die Bundesstraße 8, läßt die Ortschaften Aderklaa und Deutsch-Wagram hinter sich, und biegt vor einem Autohaus rechts ab. Relativ bald nachher kommt man zu einem der berühmten runden Verkehrszeichen mit dem roten Kreis und dem weißen Inneren. Das Fahrverbot sollte man natürlich beachten und sich zu Fuß weiterbewegen. Der weitere Weg ist ohendies durch Schlaglöcher nicht gerade sehr einladend für Fahrzeuge mit weniger Bodenfreiheit als ein Hummer H2.

Nach einer kurzen Weile fallen auf der linken Seite (im Plan oben gelb markiert) eine ganze Reihe von mehr oder weniger zerstörten Gebäuderesten auf (wahrscheinlich Bunker, Mannschaftsquartiere und Hangars). Wirklich viel intakt ist dort eigentlich nicht mehr, aber man kann sich einen Eindruck davon verschaffen, dass dort vor ca. 60 Jahren einige Betriebsamkeit geherrscht haben muss.

 

An der nördlichen Zufahrtsstraße finden sich noch einige Reste ehemaliger Hangars, Bunker und dergleichen.

Foto: Austrian Aviation Net

 

Eines der noch besser erhaltenen Gebäude.

Foto: Austrian Aviation Net

 

Die Natur hat sich in Strasshof schon einiges zurückgeholt.

Foto: Austrian Aviation Net

 

Ein Stück weiter kommt man zu einer Abzweigung die nach rechts führt. Zu Beginn dieser Straße fällt ein uraltes verrostetes Schild auf - mit einer Unzahl an Einschußlöchern, die definitv nicht von Luftdruckpistolen stammen. Wir denken lieber nicht genauer darüber nach, folgen der Straße, die irgendwann nach rechts abbiegt und dort immer mehr die Form eines Rollweges annimmt.

 

Ein Rollweg.

Foto: Austrian Aviation Net

 

Noch ein Stück weiter biegt der Rollweg nach links ab und nach kurzer Zeit erreicht man - die Start- und Landebahn! Sie besteht aus Betonplatten, aus deren Fugen allerlei Natur von Gras bis hin zu Sträuchern sprießt. Alles in allem ist die Bahn aber in einem verhältnismäßig nicht so schlechten Zustand. Auf der Bahn selbst sind wir übrigens nicht allein. Einige Autos und Motorräder drehen ihre Runden - welchen Zweck diese Fahrten erfüllen, ist allerdings nicht wirklich zu erkennen.

 

Die Runway in Richtung Westen.

Foto: Austrian Aviation Net

 

Wenn man die Runway dann entlanggeht, kommt man nach einiger Zeit zu einer Mauer, der quer über die Landebahn läuft und das Areal des Modellflugplatzes abtrennt. Vor einigen Jahren soll ein Flugzeug im Rahmen einer außerplanmäßigen Landung ein kleines Problem damit gehabt haben.

Auf der anderen Seite des Modellflugplatzes ist die Landebahn nur noch in sehr bescheidenen Teilen erkennbar. Dem Vernehmen nach soll in dem Bereich ein Gewerbepark entstehen, durch den dann wahrscheinlich die Reste der Bahn auch noch verschwinden werden.

 

Blick auf die Runway von einem Hügel am südöstlichen Ende.

Foto: Austrian Aviation Net

 

Die Geschichte des Flugplatzes beginnt - wie schon erwähnt - vor fast einem Jahrhundert. Die ersten Flugzeuge landeten in der Gegend nämlich während der Zeit des ersten Weltkriegs. 1915 wurde das Feld als Ausrüstungsflugplatz errichtet, im Jahr darauf wurden k.u.k. Fliegerkompanien (Flik 24, Flik 68, Flik 101) stationiert, im Jahr 1918 kam eine Bombergruppe dazu. Nach dem wenig ruhmreichen Ende des Krieges wurde der Flugplatz 1922 komplett aufgelassen.

Nach der Besetzung Österreichs durch Hitler-Deutschland wurde der Flugplatz wieder reaktiviert, bis 1939 wurde er als Einsatzhafen ausgebaut, unter anderem wurde ein Barackenlager, ein Flugzeughangar und ein Munitionslager mit 5 Bunkern errichtet. Nach Beginn des zweiten Weltkriegs wurde der Flugplatz durch Kadetten der Flugzeugführerschule A/B 112 (dabei erhielten Offiziersanwärter die sogenannte A/B Schulung) und später der Luftkampfschule Tulln/Langenlebarn genutzt.

1944 wurde der Flugplatz ausgebaut und die noch heute vorhandene Betonbahn gebaut. Diese hatte nach mehreren Angaben eine Länge von 3000 x 60 Metern. Heute sind auf Satellitenbildern und vor Ort noch ca. 2200 Meter recht gut zu erkennen. Wozu man damals eine so lange Runway gebraucht hat, ist alles andere als klar. Eventuell wurden Langstreckeneinsätze, die einen Start mit Überlast erforderlich gemacht hätten, geplant (vielleicht mit He 111 oder 177). Strahlflugzeuge - wie die Me 262 oder die Ar 234 - benötigten nur Startbahnlängen von 1200 Metern.

Jedenfalls waren in den letzten Monaten des Krieges Teile der Schlachtgeschwaders 9 mit Maschinen vom Typ Henschel Hs 129 B und Teile des Jagdgeschwaders 53 mit Messerschmitt Bf 109G dort stationert.

 

Dieses Foto wurde während eines Bombenangriffes auf den Bahnhof Strasshof im März 1945 von einem amerikanischen Bomber der 461st Bomb Group aus aufgenommen.

Wir danken den Betreibern der Seite 461st.org für die Bereitstellung des Fotos!

Foto: 461st.org

 

Am 10.04.1945 jedenfalls ging Strasshof kampflos an die der Roten Armee. Zuvor wurden jedoch Munitionsbunker, Wasserwerk, Garage und einiges mehr gesprengt, die Baracken wurden niedergebrannt, auf der Startbahn wurden in regelmäßigen Abständen Sprengladungen gezündet (die "gestopften" Krater kann man übrigens immer noch gut erkennen).

Die Sowjetarmee hat dann den Flugplatz bis zu ihrem Abzug genützt. Hier stationierte Einheiten sollen Teile der 8. Gardefrontbombenfliegerdivision gewesen sein - diese könnten mit Iljushin IL-28 ausgerüstet gewesen.

Nach der sowjetischen Episode war der Platz dann weitgehend ungenutzt. Pläne, den Flughafen zu reaktivieren gab es dann in den 1970er-Jahren, als der Flugplatz Aspern geräumt werden musste und eine neue Heimat für die allgemeine Luftfahrt gesucht wurde. Anrainerproteste verhinderten eine Wiedereröffnung sodaß die "kleinen" Flieger bekanntermaßen nach Bad Vöslau auswanderten. Wenn man sich allerdings die "Wass wäre wenn"-Frage stellt, kann man sich schon ausmalen, was man mit einer so langen Bahn alles hätte machen können...

Die Fliegerei ist vor einigen Jahren in Form des Modellflugplatzes des MFC Falke (www.mfc-falke.at) zurückgekehrt. Dieser muss aber in naher Zukunft dem geplanten Industrie-und Gewerbepark weichen, hat aber auf einem anderen kurzen Landebahnstück am Ostende des Areals eine neue Heimat gefunden.

Noch kann man die Reste dieses geheimnisvollen und weitgehend unbekannten Flugplatzes besichtigen - in naher Zukunft wird dann aber die Errichtung des geplanten Industriegeländes den verbliebenen Resten des Flugplatzes den Garaus bereiten.

 

Wir möchten auf jeden Fall darauf hinweisen, dass die Besichtigung des Areals auf eigene Gefahr geschieht und wir keinerlei Verantwortung für daraus resultierende Folgen übernehmen - insbesondere finden sich im Bereich des Flugplatzareals auch einige Jagdgebiete...