Austrian Aviation Net - Das Magazin der österreichischen Luftfahrt
 
 
 
   
 

Featuredetail


Verfasst am: 08.06.09 19:19

Von: Manfred Saitz (Text & Fotos), Gerhard Vysocan (Fotos)

Historischer Flugtag Fischamend

100 Jahre Luftfahrtstandort Fischamend

Am 6. und 7. Juni fand in den Feldern am südöstlichen Rand von Fischamend der Flugtag des Historischen Museums Fischamend statt. Er sollte an hundert Jahre Luftfahrtgeschichte in der Kleinstadt östlich des Flughafens Schwechat erinnern. Lange bevor dort die erste Flugbewegung stattfand gab es in Fischamend schon ein Flugfeld. Und genau 100 Jahre vor dem aktuellen Flugtag fand am 7.6.1909 mit dem Aufstieg eines Fesselballons genau an dieser Stelle die erste Flugbewegung statt.

Unterstützt durch die Gemeinde Fischamend hatte sich das k. und k. Kriegsministerium 1909 für dieses Areal als Standort für eine militär-aeronautische Anstalt entschieden. In der Folge wurden hier Ballone, Luftschiffe, Flächenflugzeuge und Helikopter untersucht und erprobt. Vor Ort gab es ein Flugzeugwerk, eine Fliegerwerft und eine Versuchsanstalt.

1921 fanden die Luftfahrtaktivitäten in Fischamend ein Ende. Die alliierte Kontrollkommission hatte nach dem verlorenen 1. Weltkrieg die vorhandenen Flugzeuge beschlagnahmt bzw. zerstört und Bestrebungen für eine zivile Nachnutzung des Flugfeldes wurden durch den Entscheid für Wien-Aspern als neuen Standort für einen Zivilflughafen nicht unterstützt.

So sollten erst 2009 wieder Flugzeuge auf diesem historischen Gelände starten und landen.

Im Heimatmuseum Fischamend, in dem man sich vorbildlich um die Aufarbeitung und Dokumentation der Stadtgeschichte bemüht gibt es eine Arbeitsgruppe Luftfahrt, die sich der aeronautischen Vergangenheit der Stadt Fischamend angenommen hat. Der Leiter des Fischamender Heimatmuseums, Franz Lorenz, hatte 2007 die Idee geboren, dieses 100-jährige Jubiläum mit einem Flugtag zu feiern.

 

Im guten Einvernehmen mit dem Besitzer des Grundstückes, der Gutsverwaltung Pecina, gelang es die Zustimmung zur Benutzung des Areals als temporärer Flugplatz zu erlangen. Auch der Flughafen Wien und die Austro Control signalisierten 2008 in ersten Gesprächen ihre Unterstützung für das Projekt zu. Auch eine Reihe von Sponsoren konnte an Bord geholt werden, um die Kosten zu tragen.

 

Bereits 2008 wurde begonnen, die Piste und das Vorfeld durch Säen von Grassamen vorzubereiten. Der Flughafen Wien, die Stadtgemeinde Fischamend sowie zahlreiche Firmen und Vereine standen hilfreich zur Seite. Anfangs war an eine Piste mit Ausrichtung 16/34 gedacht worden, letztendlich entschloss man sich für die Pistenrichtung 15/33. Die Dimensionen der Piste betragen 500x20 Meter, mit einem 20 Meter Sicherheitsstreifen und einem anschließendes Vorfeld von 20x230 Meter. Für den Flugplatz wurde eigens die ICAO-Abkürzung LOWF vergeben.

Organisator Franz Lorenz (links) und Betriebsleiter Ing. Gerhard Gruber

In Zusammenarbeit mit der Austro Control wurde ein Sichtflugverfahren erstellt, das einen sicheren Betrieb ohne Beeinträchtigung des benachbarten Flughafens garantierte. Es wurde eine Aerodrome Traffic Zone (ATZ) mit einer Obergrenze von 2000ft eingerichtet. Vor Ort wurde aus einem mobilen Einsatzleitungsfahrzeug des Flughafen Wien auf einer eigenen Platzfrequenz (131,625) von Flugverkehrsleitern, die normalerweise auf dem Kontrollturm in Schwechat arbeiten, der Verkehr kontrolliert. Zusätzlich wurden auf einem eigens für die Veranstaltung besetzten Arbeitsplatz auf dem Tower in Schwechat auf der Frequenz 121,2 die via Petronell und Orth an der Donau an- und abfliegenden Maschinen zum und vom Platz kontrolliert. Zwischen den beiden Kontrollstellen wurden die Flüge koordiniert übergeben.

 

Das Austro Control Team vor Ort in LOWF

Personal der Flughafen Wien AG (FWAG) sorgte am Platz für die Gewährleistung eines sicheren Flugbetriebes. Ein Betriebsleiter, Einwinker und Ordner sorgten für einen reibungslosen Ablauf. Auch Feuerwehr und Rettung waren vor Ort.

Ab ca. 9:15 gab es ein Briefing für die am Flugplatz betrieblich eingesetzten Kräfte. Ab 10:15 folgten die ersten Flugbewegungen. Die Antonov 2 HA-MKI machte den Anfang und setzte auf der wie ein Golfrasen gepflegten Graspiste auf. Geleitet von einem Einwinkerfahrzeug der FWAG wurde sie zur Abstellfläche gebracht und vor Ort unterstützt durch Einweiser nach einer 180 Grad-Drehung abgestellt.

 

Bis 12:30 folgten neun weitere Flugzeuge und wurden in Reih und Glied positioniert. Der böige Südwind, der sich bis zum Nachmittag noch intensivieren sollte, verlangte den Piloten fliegerisches Geschick ab, zumal einige der teilnehmenden Maschinen keine perfekte Sicht aus dem Cockpit nach vorne bieten.

 

T-131PA Bücker Jungmann OE-ARM

Christen Eagle II OE-CRE

Ultralight Kiebitz D-MJHS

Boeing Stearman E75 OE-AJM

Cockpitsection der Ryan ST-3KR (PT22) N59GD

PC-6 Pilatus Porter 3G-EJ des Bundesheeres nach extrem kurzer Landung

Boeing Stearman PT-17 OE-AMM

Obwohl die feierliche Eröffnung der Veranstaltung für 13:00 und die Flugvorführungen ab 14:00 angekündigt worden waren, hatte sich das Veranstaltungsgelände den ganzen Vormittag über nach und nach immer mehr gefüllt. 4.200 Besucher sollten es für den Samstag werden, weitere 4.600 am Sonntag. Eintritt wurde keiner verlangt.

 

Einweisung des Helikopters F-GLPV aus dem Getreidefeld

Ein Festzelt und zahlreiche Pagodenzelte des Flight Club Event Managements boten ein umfangreiches Speisen- und Getränkeangebot an. Darüber hinaus gab es ein Rahmenprogramm diverser Aussteller und Musik durch die Blaskapelle des Fischtaler Musikvereins, bzw. durch die Litschauer Stadtkapelle am Sonntag. Die Moderation der Veranstaltung übernahm ex-Radiomoderator und Austrian Arrows Pilot Hary Raithofer (am Sonntag Matthias Euler-Rolle).

 Um 13:00 wurde die Veranstaltung feierlich eröffnet und unter anderem Grußworte von Flughafenvorstand Mag. Herbert Kaufmann und Abg. Zum NR Johannes Schmuckenschlager an die Anwesenden gerichtet.

 

Antonov 2 HA-MKI bei der Flugvorführung

Nach einem Pilotenbriefing begann um 14:00 das Flugprogramm einzelner angereister Flugzeuge. Kurzstarteigenschaften, Wendigkeit, Langsamflugeigenschaften und das Flugbild allgemein wurden dem Publikum vorgeführt. Einzig die Christen Eagle II OE-CRE, pilotiert durch Herbert Schmaderer, zeigte ein Kunstflugprogramm. Manche Piloten mussten durch den böigen Südwind mit Windspitzen über 40 Knoten Abstriche bei ihrem Flugprogramm machen.

 

SE313B Alouette II F-GLPV

Unterbrochen wurden die Vorführungen um 15:10 durch ein besonderes Highlight: Der am Flughafen Schwechat gestartete Airbus 320 OE-LBP der Austrian Airlines im Retro-Anstrich führte einige niedrige Überflüge über LOWF durch. Darunter ein schneller Vorbeiflug mit eingefahrenem Fahrwerk, ein low pass im Langsamflug mit ausgefahrenem Fahrwerk und eine „Acht„ über dem Flugplatz. Anschließend flog er wieder zurück nach Schwechat

 

Ab ca. 16:15 begannen die Flugzeuge wieder zu ihren Heimatflugplätzen zurück zu fliegen. Ein paar wenige Maschinen übernachteten in LOWF.

Der Tag wurde abgerundet durch ein Clubbing des „Flight-Club„ am Festgelände.

Am Sonntag Vormittag ab 10:00 wurde den zahlreichen bereits anwesenden Zuschauern ein tolles Flugprogramm mit Modellflugzeugen geboten. Ein paar Abstürze in der Anfangsphase konnten die Begeisterung des Publikums nicht trüben. Unter den knapp 50 Modellflugzeugen befanden sich einige historische Modelle wie eine Spirit of St. Louis, Etrich Taube, Focke-Wulf Ta-400 (6 motoriger Langstreckenbomber), Fieseler Storch, B-25 Mitchell oder Boeing Super Stearman PT-17.

Ab 13:00 trafen wieder die am Vortag abgereisten Flugzeuge ein. Um 14:00 begannen die ähnlichen Flugvorführungen und Überflüge wie am Samstag. Nachdem diesmal weniger Wind wehte waren ein wenig mehr Kunstflugelemente zu sehen. An Stelle des AUA Airbus 320 erfreute diesmal ein aus Schwechat kommender Bombardier Challenger 300 mit der Registrierung OE-HNL der Firma International Jet Management die Zuschauer mit niedrigen Überflügen und Steilkurven.

Zu einem Zwischenfall, der zum Glück glimpflich ausging und von einem großen Teil der Besucher nicht einmal bemerkt wurde, kam es beim gemeinsamen Anflug der Ryan ST-3KR N59GR mit der Boeing Stearman E75 OE-AJM. Im Endanflug zur Piste 15 verloren beide Flugzeuge durch eine Böe abrupt an Höhe. Die Stearman konnte auf Grund ihrer Motorleistung rasch korrigieren, die Ryan kappte mit dem Fahrwerk eine 15.000 Volt Verstärkungsleitung der ÖBB. Die N59GR entschloss sich daher dazu, sicherheitshalber direkt nach Spitzerberg zu fliegen, wo sie sicher landete. Sie trug leichte Beschädigungen davon.

Gegen 15:30 war das Flugprogramm zu Ende und die teilnehmenden Flugzeuge flogen bis gegen 17:30 aus LOWF ab. Zurück blieben zufriedene Zuschauer und glückliche Veranstalter. Es war ein tolles Fest für alle Beteiligten. Eine Geburtstagsfeier, die dem historischen Luftfahrtstandort Fischamend mehr als gerecht wurde. Die Worte von Organisator Franz Lorenz bringen es auf den Punkt: „Ich hatte einen Traum, der wurde umgesetzt. Die Wirklichkeit hat alles bei weitem übertroffen.„

 

Organisator Franz Lorenz im Cockpit vor einem Rundflug

Austrian Aviation Net gratuliert dem Heimatmuseum Fischamend zu dieser wirklich gelungenen Veranstaltung! Es ist gelungen, den Luftfahrtstandort Fischamend bei der Bevölkerung und auch in der Fachwelt nachhaltig in Erinnerung zu bringen.

Aus LOWF wird nun wieder eine landwirtschaftliche Fläche. Der geschichtsträchtige Boden bleibt bestehen.

Interessante weiterführende Informationen finden sich unter folgenden Links:

http://www.heimatmuseum-fischamend.at/index.php

www.luftfahrt-fischamend.at/index.html

 


 
News Regional News International Feature Forum Im Focus Home Newsletter Jobs Facebook Links