Wagner: "Im Nachhinein ist man immer schlauer."

Eurowings-Geschäftsführer Oliver Wagner im Interview.

Oliver Wagner ist Geschäftsführer bei Eurowings (Foto: Eurowings GmbH).

33 Millionen Passagiere mit bis dahin 160 Flugzeugen will Eurowings heuer befördern. Die am Mittwoch neu eröffnete Basis in Palma de Mallorca soll wesentlich zum Erreichen dieses Ziel beitragen. Aus Anlass der Eröffnung dieser Basis hat Michael Csoklich mit Eurowings Geschäftsführer Oliver Wagner das folgende Interview über die Zukunft der Fluglinie im umkämpften Markt der Billigfluglinien gesprochen. 

Austrian Aviation Net: Sie befördern von und nach Palma derzeit eine Million Passagiere, sie wollen 200.000 mehr haben. Bis wann?
Oliver Wagner: Wir trauen uns zu, spätestens Ende 2018 die zusätzlichen 200.000 Passagiere zu fliegen. Ab Sommer 2018 werden wir zu den vorhandenen vier Flugzeugen zwei weitere in Palma stationieren. 

AANet: Sie sind ja nicht die einzigen, die nach Mallorca fliegen. Germania fliegt zum Beispiel jetzt auch, tangiert sie das?
Wagner: Wir sind selbstbewusst und sagen, der Wettbewerb schreckt uns nicht. Wir wachsen ja derzeit sehr stark, alleine im Mai bieten wir 30 Prozent mehr Sitze an. Die beste Nachricht dabei ist: Wir sind zurzeit in der Lage dieses XL-Wachstum am Markt abzusetzen, auch ohne Preisverluste. 

AANet: Wem nehmen sie denn ihre zusätzlichen Passagiere weg?
Wagner: Der europäische Markt wächst um rund sechs Prozent. Wenn wir mit 30 Prozent wachsen, müssen die Passagiere ja irgendwo herkommen, also auch von anderen Fluglinien. 

AANet: Von der Lufthansa?
Wagner: Nein, von der Lufthansa nicht und von der AUA auch nicht, weil wir uns in einem anderen Segment positionieren, mehr auf touristisch geprägten Strecken. Die Passagiere kommen stärker aus dem Geschäft mit Reiseveranstaltern, und Air Berlin zum Beispiel hat sich ja aus manchen Strecken zurückgezogen. Wir sind mit Eurowings in der Lage, Kunden eine frische Low Cost Marke zu präsentieren und neue, preisgünstige Angebote zu machen. 

AANet: Ist es langfristig das Ziel von Eurowings, das Wachstum von Ryanair zu begrenzen? 
Wagner: So etwas kann ja kein Selbstzweck sein. Unser nächstes Ziel nach dem rasanten Wachstumskurs ist es jetzt, profitabel zu fliegen, das schaffen wir spätestens 2018. Im laufenden Jahr schultern wir noch hohe Anlauf- und Integrationskosten, ohne diese wären wir operativ heuer schon profitabel. Wie gesagt, der Wettbewerb schreckt uns nicht. Keine Airline in Europa wächst zurzeit schneller als Eurowings. 

AANet: Noch einmal: ist es das Ziel, Ryanair den Markt nicht zu überlassen?
Wagner: Dass wir wachsen und Marktanteile gewinnen wollen, dass die Lufthansa Gruppe auch in Märkten außerhalb von Deutschland, der Schweiz, Österreich und Belgien eine starke Position anstrebt, ist logisch. Marktanteilsgewinnung und Marktanteilsverteidigung ist natürlich eines unserer strategischen Ziele. 

AANet: Sie sprechen sichtlich nicht gerne aus, dass sie Ryanair beschränken wollen…
Wagner: Beschränkung ist ein schwieriges Wort. Lassen Sie es mich so sagen: Sicherlich wollen wir es Mitbewerbern so schwierig wie möglich machen, in unsere Heimatmärkte einzudringen. 

AANet: Was in München und Frankfurt jetzt aber passiert, Ryanair fliegt Frankfurt an und wird München anfliegen.
Wagner:
Zunächst hat Eurowings am Flughafen München eine neue Basis, die bei Kunden vom Start weg hervorragend ankommt. Mit Frankfurt verhandeln wir noch, da gibt es keine Entscheidung. Es geht auch nicht um Eurowings gegen Ryanair. Es geht vielmehr darum, dass Europas führende Low Cost-Systeme sehr gut funktionieren. Auch Eurowings ist auf diesem Weg jetzt sehr konsequent und sehr gut auf Kurs, und wir haben ja etwas aufzuholen. 

AANet: Weil sie das Geschäftsmodell von Ryanair lange unterschätzt haben.
Wagner: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ja, wir hätten Germanwings, als wir sie gegründet haben, schneller ausbauen müssen. Aber jetzt geben wir europaweit Gas, und das sehr ordentlich in den vergangenen drei Jahren. 

AANet: Was ist das Ziel von Eurowings?
Wagner: Mit Ende des Jahres werden wir zusammen gut 160 Flugzeuge haben und 33 Millionen Passagiere befördern. Damit verringern wir den Abstand zu den führenden Low Cost Airlines in Europa deutlich. Eurowings ist ja nach Umsatz bereits größer als die AUA und betreibt inzwischen mehr Flugzeuge als die Swiss. 

AANet: Wie wichtig ist Wien als Basis?
Wagner: Wien ist für uns sehr wichtig, da hat ja Eurowings Europe ihre Heimatbasis. Und die ist unser Wachstumsmotor außerhalb von Deutschland. Das Produkt wird von unseren Gästen sehr gut angenommen, die Auslastung ist sehr gut, wir sind wirtschaftlich auf einem guten Weg und fühlen uns sehr wohl in Wien. 

AANet: Neben Wien ist auch Salzburg eine Basis für Eurowings mit einem stationierten Flugzeug. Sind auch andere Bundesländerflughäfen wie Graz eine mögliche Basis?
Wagner: Wir fliegen derzeit von Graz aus nach Palma, an eine Basis in Graz ist derzeit aber nicht gedacht. 

AANet: Die österreichische Gewerkschaft klagt, die Mitarbeiter von Eurowings stünden immer noch in einem sozialen Leerraum, und sie fordert einen Abschluss der Tarifverhandlungen. Woran spießt es sich?
Wagner: Natürlich hat die Gewerkschaft ihre Vorstellungen, und wir haben unsere. Wir sind aber in einem regelmäßigen Austausch und führen konstruktive Gespräche - weil beide Seiten an einer weiterhin  positiven Entwicklung unserer Airline interessiert sind. 


Lufthansa-Vorstandsmitglied Thorsten Dirks mit Eurowings-Geschäftsführer Oliver Wagner in Palma de Mallorca (Foto: Michael Csoklich).

AANet: Als Eurowings gegründet wurde, gab es ja die Einladung an andere Low Cost Fluglinien, dieser Plattform beizutreten und sie zu nutzen. Täusche ich mich oder ist das Interesse enden wollend?
Wagner: Da täuschen Sie sich, es gab und gibt viele Gespräche mit Interessenten. Aber wir müssen auch realistisch sein: 33 Flugzeuge von Air Berlin im Wetlease zu integrieren ist bereits eine Riesenaufgabe. Darüber hinaus haben wir entschieden, Brussels Airlines mit ihren 50 Flugzeugen in die Eurowings zu integrieren. Wir können nicht alles auf einmal machen und sind derzeit sehr, sehr gut ausgelastet. 

AANet: Aber hat sich aktiv tatsächlich jemand für die Plattform interessiert? Mit wem sprechen Sie?
Wagner: Wir sollten uns zu solchen Fragen erst dann äußern, wenn aus interessanten Gesprächen Partner geworden sind. Es sind abseits von Air Berlin und Brussels Airlines keine Entscheidungen zu neuen Partnern gefallen. 

AANet: Wann soll es eine Entscheidung geben?
Wagner: Das kann man schwer sagen, weil wir, wie gesagt, derzeit mit der Integration vieler Flugzeuge sowie neuer Basen sehr beschäftigt sind. Eurowings kann nicht alles über Nacht stemmen, hat ja eine kleine, sehr schlanke Unternehmensstruktur. 

AANet: Könnte man sagen, Eurowings wächst ja so schnell, dass man keine anderen Partner mehr benötigt, dass man sich selbst genügt?
Wagner: Nein, das glaube ich nicht. Wir sind heute bereits sehr stark in unseren Heimatmärkten, wollen uns aber auch stärker europäisch aufstellen. Deshalb glaube ich an weitere Partnerschaften, auch weil eine Konsolidierung im europäischen Markt längst fällig ist. Denken sie etwa an den italienischen Markt - da werden sich neue Chancen auftun, auch für Eurowings. 

AANet: Was bedeutet es für Eurowings, sollte die Lufthansa die "Reste" von Air Belin übernehmen?
Wagner: Da halten wir uns daran, was Lufthansa CEO Carsten Spohr gesagt hat. Es gibt drei Kernprobleme, die einer Übernahme von Air Berlin im Wege stehen: die hohen Schulden, die nicht wettbewerbsfähige Kostenstruktur sowie kartellrechtliche Fragen. Erst wenn all diese Hürden beseitigt sind, wäre eine Integration in die Eurowings vorstellbar. Wir reden hier also klar im Konjunktiv. 

AANet: Bedeutet Restrukturierung von Air Berlin einen Konkurs der Fluggesellschaft?
Wagner: Das ist eine Frage für Air Berlin, nicht für Eurowings. 

AANet: British Airways und Air France haben auch Low Cost Töchter gegründet, was bedeutet das für Eurowings, für den Low Cost Sektor insgesamt?
Wagner: Der Trend zu Low Cost ist eine logische Entwicklung, die inzwischen auch die Langstrecke umfasst. Als Full-Service Fluglinie kann man eben nicht alle Ziele anbieten. Es bleiben immer Nischen etwa im touristischen Bereich, die man als klassischer Business-Carrier kaum profitabel fliegen kann. 

AANet: Sind das jetzt neue Konkurrenten?
Wagner: Noch kommen wir uns ja nicht in die Quere. Eurowings ist bei der Low Cost Langstrecke noch stark auf Deutschland fokussiert, fliegt bisher allein aus der Heimatbasis Köln/Bonn heraus.

Autor: Michael Csoklich
Autor
Michael Csoklich ist einer der bekanntesten Wirtschaftsjournalisten Österreichs und leitete über viele Jahre das Ressort Wirtschaft im ORF Radio. Seit 2015 leitet er den LG für Wirtschaftsjournalismus in Krems, ist Moderator, Querdenker und arbeitet als freier Journalist für die Kleine Zeitung. Und seit 2016 schreibt er als Luftfahrtspezialist auf Austrian Aviation Net insbesondere über Spezialthemen.

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