Testpiloten trafen sich in Salzburg

"Society of Experimental Testpilots" diskutierte in Salzburg Strategien für mehr Sicherheit.

Beim „European Flight Test Safety Workshop“ analysierten Des Barker (rechts) und Boeing-Chef-Testpilot Ricardo Traven die Risiken bei Airshows und Display-Flügen. Barker ist der neue Preisträger des European Flight Test Safety Award, der in Salzburg vergeben wurde (Foto: Iris Melcher).

"Der gute Ruf der Testpiloten wurde durch Top Gun entscheidend ruiniert", meint einer, der locker das Drehbuch für den Hollywood-Streifen hätte schreiben können. Ricardo Traven, Chef-Testpilot des F/A-18-Programms von Boeing, ging beim 5. Europäischen Testpiloten Sicherheitskongress in Salzburg mit seiner Branche letztlich ernsthaft ins Gericht. Er warnte vor überzogenen Showeinlagen bei Airshows und Produktpräsentationen (Display Flights), denn es gebe keinen Hersteller-Auftrag nach dem Motto "Let’s shock the crowd".

Dieter Reisinger vom Institut für Flugsicherheit in Wien hatte den Kongress für die Society of Experimental Test Pilots (SETP) vom 8. bis 10. November organisiert. 2.400 Mitglieder zählt die SETP weltweit. 40 internationale Testpiloten, darunter auch eine Testpilotin aus der Schweiz, diskutierten in Salzburg Risiken und Strategien bei Display Flights und Airshows, vor allem in Hinblick auf Flugzeug-Prototypen. Eine sehr spezielle Thematik, die dennoch in ihrem Kern viel Lernstoff für "Alltagspiloten" beinhaltet.
 
Wer entscheidet über den Start?

Testpiloten hätten die Aufgabe, neue Produkte vorzuführen und ihre Besonderheiten hervorzuheben. Sie müssten dafür nicht in Wettbewerb mit anderen Piloten treten, unterstrich Ricardo Traven. Er warnte vor hochriskanten Manövern: "Das Publikum erkennt die G-Belastung nicht". Gefährlich wird es auch bei mangelnden Alternativen. Etwa, wenn das Wetter bei der Flugshow nicht so mitspielt, wie es die Veranstalter gerne hätten. Wer entscheidet über das "Go" oder "No go" vor dem Start eines Prototypen bei marginalen Wetterbedingungen? Eine kritische Frage im Grenzbereich von Ökonomie, Showeffekt und Sicherheitsdenken.

Traven plädierte außerdem  für eine penible Berechnung der zu fliegenden Manöver bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Belastungen. Und für das Üben im Simulator: "Sie können wählen. Entweder machen Sie und Ihre Firma das, oder die Flugunfall-Untersuchungskommission danach."

Bilder und Videos dazu lieferte Des Barker, der ehemalige Kommandeur des südafrikanischen Air Force Zentrums für Testflüge (TFDC) und Display-Pilot für die Dassault Mirage F1 und III, in ausreichendem Maß. Dennoch kam der Autor von "Zero Error Margin: Airshow Display Flying Analyzed" zu dem Schluss, dass Testpiloten in der Regel mit den fatalen Einflussfaktoren „Publikum, Kameras und männliches Ego“ gut fertig werden. Seiner Ansicht nach sind Testpiloten alles das nicht, was ihr öffentliches Image ausmacht: Sie sind keine Adrenalin-Junkies, nicht egoistisch oder arrogant, wollen den Envelope nicht unnötig ausreizen, sind weder furchtlos noch rücksichtslos. "Display-Piloten wollen die Zuschauer glücklich machen - und selbst am Leben bleiben, meint Barker.

Nicht alles auf Piloten abwälzen

27 tödliche Airshow-Unfälle pro Jahr bei leicht steigender Tendenz hält er dennoch für zu viel. "Wer ein Display fliegt, sei es für Kunden oder Sonntagsnachmittags-Publikum macht das Zweitgefährlichste nach einem Kampfeinsatz", betont der Pilot, der selbst 6.500 Stunden auf 45 verschiedenen Militärmaschinen absolvierte. Immer wieder passieren Unfälle bei Airshows, die als "flight into terrain" bezeichnet werden. Es sei die Unbeständigkeit des menschlichen Urteilsvermögens, die selbst Trainingsroutiniers aus dem Konzept bringt, meinte Barker - und einige der nachfolgenden Statements aus der Testpiloten-Runde bestätigten diese These.

Die großen Flugshows wie etwa Paris Le Bourget sind berühmt-berüchtigt dafür, dass sie funktionieren sollen "wie ein Schweizer Uhrwerk". Das sei aus Sicht von Testpiloten nicht möglich, erklärte einer der Piloten des Kongresses mit besonders langer Erfahrung. Patrick Experton war für Dassault seit 1978 für verschiedene Modelle Chef-Testpilot (unter anderem Alpha Jet und Mirage 3). Sein Fazit nach 30 Jahren als Testpilot mit 5000 Flugstunden: "Der Pilot ist am Ende für seine Show verantwortlich. Aber man sollte nicht alles auf ihn abwälzen", nahm Experton die Manager und Ingenieure von Flugzeugherstellern in die Pflicht.

Am Rande des Kongresses analysierten die Experten das Thema "Loss of Control".  Der Sinn einer Angle-of-Attack-Anzeige auch in zivilen Verkehrsflugzeugen wurde kontrovers diskutiert. Vielleicht werde es in Salzburg bald eine eigene Konferenz zu diesem Thema geben, meinte Dieter Reisinger.

Den "European Flight Test Safety Award 2011" erhielt beim Testpiloten-Treffen dieses Jahr Des Barker für seine Leistung, eine Hochrisiko-Branche sicherer zu machen. Der Preis, gestiftet von Heidi Biermeier, wird in Erinnerung an den bei einem Display-Flug tödlich verunglückten Gérard Guillaumaud verliehen.

Weitere Informationen unter www.flugsicherheit24.at.

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