Schnadt: "Partner für die Post-Brexit-Welt gesucht"

BMI-Regional-Chief-Commercial-Officer Jochen Schnadt im ITB-Messetalk.

Jochen Schnadt ist Chief Commercial Officer bei BMI Regional (Foto: Jan Gruber).

Am Flughafen Graz wird die Regionalfluggesellschaft SkyWork Airlines gegen Ende dieses Monats auf der Tegel-Route abheben, während deren "Kollegen" von BMI Regional fast zeitgleich die Birmingham-Strecke einstellen werden. Doch die beiden Carrier sehen ihre Zukunft in größerem Fluggerät, wobei das war es dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Der Österreicher Jochen Schnadt ist seit einigen Jahren als Chief Commercial Officer für BMI Regional tätig, die sich seit einigen Monaten verstärkt als "flyBMI.com" vermarktet. Die Namensrechte der ehemaligen Muttergesellschaft hatte man sich rechtzeitig gesichert. 

Austrian-Aviation-Net Redaktionsleiter Jan Gruber sprach im Zuge der ITB Berlin mit Jochen Schnadt unter anderem über die Probleme, die der bevorstehende Brexit für BMI Regional bringen könnte, die Erweiterung der Flotte mit größeren Jets und über den Rückzug aus Graz.


Jochen Schnadt am BMI-Regional-Messestand auf der ITB Berlin (Foto: Jan Gruber).

Austrian Aviation Net: Herr Schnadt, die BMI Regional sitzt im East Midland in England und hat somit ein britisches AOC, eine britische Betriebsbewilligung, ist aber auch viel im EU-Festland unterwegs. Wie bereitet sich die BMI auf den Brexit vor?
Jochen Schnadt: Die Brexit-Thematik ist natürlich ein Riesenthema für uns. Wir arbeiten derzeit an diversen Szenarien, wie eine Post-Brexit-Welt für die BMI aussehen kann oder wird oder soll. Da gibt es einige Varianten. Die wahrscheinlichste wird sein, dass man versucht, einen geeigneten Partner im EU27-Raum zu finden, mit dem man dann eine Kooperation eingehen kann, die uns erlauben würde, dann auch nach März 2019 das weiter fortzuführen, was wir jetzt schon machen.

Austrian Aviation Net: Wäre für die BMI die Gründung eines EU-Festland-Ablegers eine Option? Warum oder warum nicht?
Jochen Schnadt: Eine Option ist es auf jeden Fall. Es ist ja schon von anderen vorgezeigt worden, was man da machen kann. Allerdings bei einer BMI, die derzeit 20 Flugzeuge hat, erscheint mir diese Variante nicht die logischste, weil einfach die Doppelgleisigkeiten und die damit verbundenen Kosten für eine relativ kleine Firma wie uns schon beträchtlich wären. Von daher ist das eine eher unwahrscheinliche Variante für uns.

Austrian Aviation Net: Sie haben gerade das Stichwort „Flugzeuge“ genannt. Die Flotte der BMI besteht zurzeit aus Embraer 135 und Embraer 145. Wie wird es mit der Flotte weitergehen? Wird sie vergrößert oder verkleinert? Kommt vielleicht ein größerer Jet dazu?
Jochen Schnadt: Die Embraer 135/145-Flotte wird sicher noch ein Bestandteil für etliche Jahre für uns bleiben. Ich möchte da auch keinen konkreten Zeitraum nennen. Das Flugzeug ist ein absolutes Nischenprodukt und erlaubt uns eben einen speziellen  Markt ganz gut abzudecken. Und deswegen sehe ich auch keine Veranlassung, dass wir uns da zeitnah verändern werden. Allerdings ist auch klar, dass die 50-Sitzer-Jets nicht mehr erneuert werden. Da auch kein Nachfolgemodell kommt, müssen wir auf jeden Fall mittelfristig schauen, eine zweite größere Plattform zu bekommen. Diese Überlegungen sind auch derzeit im Gange und meine Erwartungshaltung wäre die, dass wir innerhalb der nächsten wahrscheinlich zwölf Monate den Schritt setzen werden, einen zweiten größeren Flieger parallel in die Flotte zu holen. Wir sehen das zum einen als Perspektive, um organisch zu wachsen – das heißt, bei gewissen Strecken, die wir jetzt schon bedienen, dieses Flugzeug einzusetzen, weil wir dort auch dementsprechendes Potential sehen – beziehungsweise dann aber auch zu sagen, wenn man so ein Gerät hat, was man dann noch machen kann, was wir heute nicht machen können, weil der 50-Sitzer-Jet für gewisse Strecken einfach nicht geeignet ist. Auf der Basis haben wir vor, sicher in den nächsten zwölf bis 18 Monaten positive Akzente nach vorne zu setzen. Derzeit ist es so, dass wir wahrscheinlich bei unserer derzeitigen Flottengröße von 20 Flugzeugen bleiben werden. Mitunter gibt man einen Flieger ab. Wir durchlaufen gerade eine Phase, wo wir versuchen, das Netzwerk und unsere derzeitige Produktion ein bisschen zu stabilisieren, um eben dann gegen Ende dieses Jahres/Anfang nächsten Jahres zu schauen, wie man dann auch mit einem zweiten Flottentyp mitunter weiter ausbauen kann.

Austrian Aviation Net: Von welcher Größenklasse reden wir da? Reden wir von 80-100-Sitzern oder von 300-Sitzern?
Jochen Schnadt: Ich habe ja vorhin erwähnt, dass wir ein Nischencarrier sind. Wir haben auch keine Vorstellungen, aus dieser Nische auszubrechen. Die Nische funktioniert sehr gut für uns und von daher gibt es eigentlich nur eine logische Perspektive, die da heißt, es wird so im 80-100-Sitzer-Bereich sein.


Embraer 145 bei der Enteisung in Leeds-Bradford (Foto: www.AirTeamImages.com).

Austrian Aviation Net: Stichwort „Österreich“: Die Strecke Graz-Birmingham wird aufgegeben. Woran liegt das?
Jochen Schnadt: Die Strecke Birmingham-Graz ist eigentlich im Großen und Ganzen, man kann fast sagen, als Werksverkehrsshuttle betrieben worden. Man hat einen wesentlichen Großkunden gehabt. Dieser Großkunde hat an diversen Projekten gearbeitet, die die zwei Regionen stark miteinander verbunden haben. Diese Aktivität wird sich aber ab dem 2. Quartal 2018 entschleunigen und wird weniger werden und auf Grund dessen haben wir uns angesehen, ob man das noch weitermachen kann bzw. ob man die Strecke mitunter anders bedienen kann. Wir sind aber dann im Endeffekt zum Schluss gekommen, dass auf Grund dieses geringeren Bedarfs von diesem Großkunden speziell in einer Zeit, in der auch die Treibstoffpreise höher werden und das eine unserer längeren Strecken ist, das jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, die Strecke neu zu orientieren und den breiteren Bedarf aufzubauen. Von daher haben wir gesagt, wir müssen uns dem anpassen und werden mit Ende März, mit Ende des Winterflugplans, die Strecke einstellen.

Austrian Aviation Net: Wie laufen die innerdeutschen Strecken, die zum Beispiel von Rostock nach Stuttgart oder München angeboten werden, bzw. die Strecke von Brno, Tschechien, nach München?
Jochen Schnadt: Sehr gut. Wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung von diesen Strecken. Das sind eben genau diese Nischenstrecken, wo unser Produkt und unser Fluggerät eigentlich maßgeschneidert sind, um solche Sachen zu machen; wo man eben mit Frequenz und guten Produktionskosten diese Märkte effektiv bedienen kann und diese Potentiale, die auch zwischen den Regionen bestehen, die teilweise sekundäre oder tertiäre Regionen sind, eben auch dementsprechend fördern kann; wo man den Leuten ermöglichen kann, dass man relativ schnell, bequem und zu vernünftigen Zeiten von A nach B kommt. Von daher sind das Strecken, die sich sehr gut entwickeln, und wir glauben, dass es noch wesentlich mehr von diesen Potentialen gibt.

Austrian Aviation Net: Zum Abschluss noch eine Frage, die uns Leser immer wieder schreiben: Können Sie uns den Unterschied zwischen einem Interline und einem Codeshare erklären und was sind die Auswirkungen der Unterschiede für den Passagier bzw. die Möglichkeiten?
Jochen Schnadt: Der Interline, vereinfacht ausgedrückt, ist einfach die Möglichkeit, zu sagen, ich buche ein Ticket, das es mir erlaubt, mit zwei Fluggesellschaften, die ein Interline-Abkommen haben, von A über B nach C zu fliegen. In der Regel beinhaltet das, dass man zumindest das Gepäck durchchecken kann. Es ist aber in der Regel so, dass man keinen durchgehenden Boardingpass bekommt. Vom Marktauftritt ist es natürlich auch wesentlich komplexer, weil ich Interline in der Regel nicht so leicht im direkten Vertrieb darstellen kann, da es sich um zwei Airlines mit zwei verschiedenen Flugnummern handelt. Der Codeshare entfernt diese Komplexität und eröffnet dann die Möglichkeit, das gesamte Ticket von A über B nach C, mit einer Airline darzustellen. Auf Grund dessen ist dann auch ein Check-In, wo ich von A nach C direkt durchchecken kann, möglich und vom Vertrieb her ist es natürlich wesentlich einfacher, weil ich dann in meinen eigenen direkten Vertriebskanälen es als, in dem Fall, BMI-Flug darstellen kann, was ich sonst natürlich nicht machen kann, weil das zweite Segment ein Segment von einem Partner ist, ich aber keinen BMI-Code darauf hätte. Das heißt, das ist eine wesentlich effizientere Darstellung des Angebots in allen Vertriebskanälen und bringt natürlich auch ein verbessertes Produkt für den Kunden mit sich.

Autor: Jan Gruber
Leitender Redakteur
Jan interessiert sich seit seiner Kindheit für die Luftfahrt und ist seit 2012 Mitglied der Redaktion von Austrian Aviation Net. Sein Spezialbereich ist die Regionalluftfahrt.

    Special Visitors

    Alitalia / EI-EJO
    KlasJet / LY-VTA
    Rhein Mosel Flug / D-FEPG
    Flybe / G-FBEJ
    CENTURION CARGO / N986AR
    ProAir / Global Reach Aviation / D-ANSK
    SCOOT / 9V-OFI

    Unsere Autoren

    Martin Metzenbauer

    Jan Gruber

    Michael Csoklich

    Robert Hartinger

    Christoph Aumüller