Ryanair will in Berlin-Tegel starten

Unklare Lage bei Niki könnte sich zuspitzen.

Am Flughafen Berlin-Tegel könnte es noch zu heftigem Streit um ehemalige Air-Berlin-Slots kommen (Foto: www.AirTeamImages.com).

Während insbesondere in Berlin-Tegel seit dem Air-Berlin-Grounding zahlreiche Slots brachliegen, ist nun die irische Billigfluggesellschaft Ryanair auf den Plan gekommen eben genau diese zu besetzen. Während Lufthansa und Easyjet noch auf kartellrechtliche Freigaben warten, könnten die Iren auch einfach so zum Zug kommen.

Hintergrund ist, dass in Deutschland Slots eigentlich keine "Handelsware" sind. Wenn Start- und Landerechte frei sind, was bedingt durch das Air-Berlin-Grounding am Standort Tegel definitiv der Fall ist, müssen diese an Interessenten vergeben werden. Daher bewarb sich Ryanair um eine für insgesamt neun Boeing 737-800 ausreichende Anzahl an Slots für Tegel.

Bislang nutzt der irische Carrier ab der deutschen Bundeshauptstadt lediglich den ehemaligen DDR-Flughafen Schönefeld. Auch Mitbewerber Easyjet verlagerte vor längerer Zeit das komplette Flugangebot auf den brandenburgischen Airport. Nun wollen offenbar beide zumindest teilweise zurück. Die Briten über die Übernahme von Air-Berlin-Teilen, die jedoch zunächst mit einem Condor-Wetlease bedient werden sollen und die Iren über freie Slots.

Grundsätzlich könnte ein Markteinstieg von Ryanair in Berlin-Tegel durchaus Bewegung in den Markt bringen, jedoch ist davon auszugehen, dass sich die Airline rund um Michael O'Leary auf unbediente Routen stürzen wird und weniger am Wettbewerb gegen Lufthansa und Eurowings interessiert ist. Auszuschließen ist letzteres dennoch nicht.


Ryanair will Easyjet die Suppe in Berlin-Tegel versalzen (Foto: www.AirTeamImages.com).

Ryanair stichelt auch öffentlich gegen Easyjet und hält die "Slot-Übernahmen" von Air Berlin für fragwürdig. Diese Behauptung ist nicht so ganz an den Haaren herbeigezogen, da in Deutschland Start- und Landerechte keine Handelsware sind. Die Flughafenverwaltung und die Slot Coordination können daher die Air-Berlin-Lücken nicht unbeschränkt für Eurowings und Easyjet reservieren, wenn es interessierte Fluggesellschaften dafür gibt. Genau darauf spekuliert Ryanair offenbar und dies könnte dazu führen, dass sowohl Easyjet als auch die Lufthansa-Gruppe den einen oder anderen Slot nicht bekommen werden. Wichtig: Einen Slot zu "besitzen" bedeutet auch, dass dieser genutzt werden muss. Wenn man jedoch nicht fliegt, verfällt dieser und muss durch die Slot Coordination neu vergeben werden. Dieses Verfahren gilt allerdings nur an den koordinierten Flughäfen. Auf Provinzflugplätzen, die mangels großer Nachfrage ohnehin genug Platz haben, gibt es keine Slot Coordination.

Ryanair spielt Lufthansa positiv in die Hände

So unglaublich es klingt, aber Lufthansa könnte enorm von einem Marktstart der irischen Ryanair in Berlin-Tegel profitieren, denn ein zusätzlicher Mitbewerber, der ohnehin als angriffslustig gilt, könnte seitens des Kranichs durchaus auch zum Argumentieren in Brüssel verwendet werden. So würden die Auswahlmöglichkeiten in Tegel nach dem Air-Berlin-Grounding nicht sinken, sondern deutlich steigen, da Germania, Ryanair und Easyjet in den Tegler Markt eingetreten sind bzw. eintreten werden und erhebliche Expansionspläne haben. Auch weitere Anbieter, darunter SkyWork Airlines mit der Route Graz-Tegel, nutzen Lücken, die die Berliner hinterlassen haben.

Kurz gesagt: Lufthansa müsste sich gegenüber der EU-Kommission um den Markt in Tegel weniger kümmern, während es beispielsweise in Düsseldorf und Wien etwas anders gestaltet ist. Dem Vernehmen nach ist der EU-Kommission unter anderem an diesen beiden Großflughäfen die Marktmacht zu dominant, weshalb der Kranich zumindest für Düsseldorf die Abgabe von Slots angeboten hat, um die Übernahmen von LGW und Niki noch vor Weihnachten ohne weitere Auflagen bewilligt zu bekommen.

Bei Niki wird es immer enger

Die Zeit drückt, denn laut einem Bericht der Tageszeitung Kurier sollen bei Niki die Buchungszahlen nicht nur drastisch eingebrochen sein, sondern Walter Säckl, Generalsekretär des österreichischen Reiseverbands, wird im Kurier gar mit dem Rat "Aufpassen und abwarten mit dem Buchen" zitiert. Auch die Arbeiterkammer rät in der heimischen Tageszeitung zur erhöhten Vorsicht: Sollte tatsächlich Insolvenz beantragt werden, solle man nicht mehr bei Niki buchen.


Sticker weisen darauf hin, dass es sich bei diesem Jet eigentlich um ein Niki-Flugzeug handelt, denn Geld für Umlackierungen hat man offenbar nicht mehr (Foto: Martin Metzenbauer).

Auf die finanzielle Lage der heimischen Ferienfluggesellschaft dürften diese öffentlichen Appelle jedenfalls keinen guten Einfluss haben, denn wie berichtet soll Niki wöchentlich zehn Millionen Euro Verlust einfliegen. Beachtlich, denn zu Beginn der Air-Berlin-Pleite wurde die heimische Airline noch als hochprofitables Filtetstück propagiert.

Bis 21. Dezember 2017 muss die EU-Kommission bekanntgeben, ob die von Lufthansa angebotenen Niki-Slotabgaben ausreichend sind, ob der Deal gänzlich untersagt wird oder eine vertiefende Prüfung eingeleitet wird. Längst haben sich Condor/Lauda in Stellung gebracht, um Niki in einem zweiten Anlauf zu bekommen, doch es wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Airline ohne Flugzeuge, denn unbestätigten Meldungen nach soll sich Lufthansa hinter den Kulissen bei den Leasinggebern längst die komplette Niki-Flotte exklusive der Tuifly-Wetlease-Maschinen unter den Nagel gerissen haben.

Dies könnte dann natürlich auch zu einem Plan B führen, denn Niki könnte regelrecht aufgerieben werden. Wenn der Deal untersagt wird, würde Lufthansa mit hoher Wahrscheinlichkeit den Carrier nicht mehr durch das Aufkaufen von Tickets stützen. Wenn die Zeit zu knapp wird, wäre auch eine Übernahme durch Condor/Lauda nicht mehr rasch genug möglich, was unweigerlich zur Insolvenz der Ferienfluggesellschaft führen würde. Auf einen Schlag wären quasi über Nacht sämtliche Slots frei, die beispielsweise Eurowings ohne jegliche Auflagen besetzen könnte. Diese Spekulation hat nur einen kleinen, aber feinen Haken: Dem Vernehmen nach mangelt es insbesondere im Bereich Eurowings derzeit vorne und hinten an fliegendem Personal, so dass die Lufthansa Gruppe wertvolle Niki-Slots an Mitbewerber, die rasch Fluggerät samt Beschäftigten stationieren können, verlieren könnte. Das heißt konkret, dass Lufthansa das Insolvenz-Szenario nur dann riskieren kann, wenn man entweder selbst oder mit Wetlease unverzüglich die betroffenen Slots besetzen kann. Andernfalls muss man Niki übernehmen oder dem Mitbewerb die Lücken überlassen, was angesichts dessen, dass Lufthansa möglichst keinen Wettbewerber haben möchte, eher unwahrscheinlich ist.

Betriebsübergang oder nicht? - Gerichte müssen entscheiden

Dennoch brodelt es heftig, denn in Deutschland ist auch noch nicht das letzte Wort gesprochen, denn Gerichte müssen entscheiden, ob es sich bei der Verschiebung des Eurowings-Wetleaseauftrags zur LGW bzw. der Übernahme von Teilen der Air Berlin um einen Betriebsübergang handelt oder nicht. Der Bundestagsabgeordnete und Rechtsanwalt Gregor Gysi vertritt wie viele andere Juristen auch die Rechtsmeinung, dass es sich um einen Betriebsübergang handelt. Dies hätte zur Folge, dass sich nahezu jeder Air Berliner seinen Job bei den übernehmenden Firmen einklagen könnte und das natürlich zu seinem bisherigen Lohn. Genau das will aber der Kranich tunlichst vermeiden, denn laut deutschen Gewerkschaften will man Air Berlinern, die sich um ihre bestehenden Jobs neu bewerben müssen, weniger Lohn bezahlen, was selbstredend von Lufthansa und deren Töchtern dementiert wird.


Foto: www.AirTeamImages.com.

Letztlich bleibt es aber abzuwarten was die Justiz entscheidet. Vermutlich könnte es ein Verfahren werden, das durch alle Instanzen geht und im Extremfall in vielleicht fünf Jahren durch den EuGH entschieden werden könnte. Aus der Sicht der Air Berliner ist das alles kein Trost, denn diese brauchen jetzt Jobs und damit Einkommen für sich und ihre Familien.

Autor: Jan Gruber
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Jan interessiert sich seit seiner Kindheit für die Luftfahrt und ist seit 2012 Mitglied der Redaktion von Austrian Aviation Net. Sein Spezialbereich ist die Regionalluftfahrt.

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