Montréal: Liebe auf den zweiten Blick

Die zweitgrößte kanadische Stadt zeigt ihren Charme nicht unbedingt sofort. Dafür wird sie umso interessanter, wenn man sich mit ihr länger auseinenandersetzt.

Der Charme Montréals zeigt sich oft erst auf den zweiten Blick - beispielsweise im Arrondissement Le Plateau (alle Fotos: Martin Metzenbauer).

Der erste Eindruck ist... naja. Wer sich vom Flughafen kommend der Innenstadt von Montréal nähert, fährt nicht wirklich durch einladende Gegenden: Gewerbegebiete, Autobahnen und viele Baustellen findet man hier - charmant ist anders. Dann kommen immerhin Hochhäuser, wie man sie von Nordamerika kennt - viele davon siedeln sich stilistisch allerdings irgendwo zwischen Brutalismus und Seventies Style an. Hardcore-Architektur-Freaks werden sich vielleicht an dieser Zeitkapsel erfreuen - andere könnten etwas irritiert darüber sein.

Nun ja. Der erste Eindruck von Montréal lässt also wohl nicht bei jedem spontane Hochgefühle aufkommen. Man muss sich also vermutlich etwas bemühen, um das Besondere an dieser zweitgrößten Stadt Kanadas zu entdecken. Ein erster Schritt dazu ist ein Spaziergang - und zwar durch die Altstadt "Vieux Montréal". Diese ist für Nordamerika wirklich "alt" - die Basilika Notre-Dame beispielsweise wurde 1829 erbaut, rundherum finden sich aber sogar Häuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Man kann dieses Viertel zu Fuß erkunden - und bekommt hier einen ersten Eindruck einer dann doch nicht uncharmanten Seite der Zwei-Millionen-Stadt am Sankt-Lorenz-Strom.

Die Basilique Notre-Dame de Montréal am zentralen Place d'Armes.

Vor der Kathedrale befindet sich der Place d'Armes - ein in mehrfacher Hinsicht interessantes Sammelsurium an Baustilen und einem ganz besonders witzigen Detail. Gegenüber der Kathedrale befindet sich beispielsweise die im klassizistischen Stil errichtete Bank of Montréal, neben dem Gotteshaus das 1931 fertig gestellte Édifice Aldred - ein 23 Stockwerke hohes Art-Deco-Gebäude. Auf der anderen Seite steht ein 133 Meter hoher Wolkenkratzer im International Style, welcher als Hauptsitz der Bank of Canada dient.

Das Édifice Aldred (rechts) wirkt wie die kleine Schwester des Empire State Building. Das Gebäude in Rot ist das New York Life Insurance Building, das 1889 fertiggestellt wurde und damals das höchste Haus Montréals war.

Nun zum Witzigen: Links und rechts neben diesem Gebäude befinden sich zwei Statuen - ein Mann und eine Frau. Beide haben eine (aufgesetzte) Nase, die sie recht hoch tragen und sich dabei demonstrativ nicht ansehen. Und beide tragen Hunde auf dem Arm - die quasi startbereit sind, um aufeinander zuzulaufen. Diese beiden Statuen stehen für die französisch- und englischsprachigen Einwohner der Stadt, die sich in der Vergangenheit nicht immer herzlichst verstanden haben sollen - zumindest deren freundliche Hunde sind aber bereit, aufeinander zuzulaufen.

Die (frankophone) Dame in Chanel und mit Pudel schaut demonstrativ vom englischsprachigen Pendant weg.

Heute dürfte die Situation übrigens viel entspannter sein als früher - Montréal ist eine sehr offene und kosmopolitische Stadt geworden. "No one gives a shit about language", erklärt Thom Seivewright, der als gebürtiger Montréaler Gästen "seine" Stadt präsentiert. Niemand schert sich um die Sprache - obwohl Französisch die einzige Amtssprache der Provinz Québec ist. Primär frankophon sind übrigens nur knapp mehr als 50 Prozent der Einwohner Montréals, 13 Prozent sprechen hauptsächlich Englisch. Danach folgen Arabisch, Spanisch, Italienisch, Kreolisch, Mandarin und Vietnamesisch. Thom sieht die Stadt allerdings nicht als "Melting Pot" - "Montréal is a mosaic", so der Stadtexperte. Jeder Gruppierung behält hier ihre Eigenheiten - und das ist offenbar auch gut so.

Wenn man sich vom Place d'Armes etwas wegbewegt, findet man in der Nähe noch eine ganze Reihe weiterer klassischer Sehenswürdigkeiten, wie das Rathaus oder die ehemalige Markthalle Bonsecours. Nett sind aber auch die vielen kleinen Gässchen, wo man auch gleich Souvenirs unterschiedlichster Art kaufen kann. Nicht wundern darf man sich beim Schlendern übrigens, wenn man gewisse süßliche Gerüche wahrnimmt - der Besitz und Konsum kleinerer Mengen Cannabis ist in Kanada seit 2018 legal.

Das Hôtel de Ville (Rathaus) wurde 1878 im sogenannten Second-Empire-Stil errichtet.

Eine besonders coole Location in der Innenstadt befindet sich in einem ehemaligen Bankgebäude - Crew Collective heißt sie. Dort gibt es zum einen ein (wunderschönes!) Café, zum anderen aber auch Co-Working-Spaces, Seminarräume etc., die man ganz flexibel (auch tageweise) mieten kann. Montréal verfügt über eine spannende Start-Up-Szene - besonders im Bereich Artificial Intelligence tun sich hier spannende Dinge. Die "Creative Economy" macht rund 30 Prozent der Wirtschaftsleistung der Region aus.

Spannend wird es auch, wenn man sich sowohl von der eingangs erwähnten leichten Ernüchterung einerseits und der durchausd pittoresken Altstadt entfernt. Montréal ist nämlich deutlich mehr - dieses "Mehr" will sich aber entdecken lassen. Da wäre zum Beispiel das Arrondissement Le Plateau - ein von kleinen Stadthäusern dominiertes Viertel, in dem das multikulturelle Leben in vielen Restaurants, Bars oder einfach auf der Straße stattfindet. "Comme c'est charmant", kann man dazu nur sagen.

Leonard Cohens Haus (links) sowie das überdimensionale Wandgemälde.

Dort in Le Plateau hat mit Leonard Cohen auch einer der bekanntesten Söhne der Stadt gelebt - sein Haus in der Rue Vallières 28 ist Ziel von Fans des 2016 verstorbenen Musikers. Reminiszenzen an Cohen findet man aber auch an anderen Orten - beispielsweise auch in Form eines überdimensionierten Wandgemäldes in der Rue Crescent, wo er sich gerne aufgehalten hat.

Wenn man dann weiter unter der Oberfläche gräbt, findet man mit der Zeit auch an den weniger schönen Seiten der Stadt Gefallen. Da gibt es beispielsweise ein heruntergekommenes Speichergebäude aus Beton am Fluss mit dem klingenden Namen "Silo No. 5". Der ehemalige Getreideapeicher wird schon lange nicht mehr genutzt - trotzdem wollen in die Montréaler erhalten. Der eine (sentimental-historische) Grund: Von hier aus wurden im Zweiten Weltkrieg wichtige Lebensmittel in Richtung Europa verschifft. Der andere: Das Gelände soll revitalisiert werden und einer gemischten Nutzung zugeführt werden. In ein paar Jahren darf man sich - sollte alles klappen - über ein neues, spannendes Viertel mit Hotels, Wohnungen und Büros im rustikalen Chic freuen.

Blick vom Mount Royal auf die Stadt.

Was auf jeden Fall zum Fixprogramm eines Montréal-Besuches gehören sollte, ist ein Besuch auf dem namensgebenden Stadtberg Mount Royal. 233 Meter ist er hoch - höher darf übrigens kein Wolkenkratzer der Stadt gebaut werden. Von oben bietet sich ein phantastischer Blick über die Stadt. Und wenn man wieder in selbige zurückfährt, trifft man wieder auf Leonard Cohen - er liegt nämlich auf dem Shaar Hashomayim Cemetery am Fuße des Berges begraben.

Nun ja... Montréal ist eine tolle Stadt - und man kann sich durchaus darin verlieben. Vielleicht nicht auf den ersten, aber sicher auf den zweiten Blick - vor allem, wenn man ein wenig hinter die Kulissen schaut, wenn man sich auf diese Stadt einlässt. Was Montréal ja auch ausmacht, ist das vibrierende, das pure Leben, das sich stark auf den Straßen abspielt. Oder die vielen Festivals, die hier veranstaltet werden. Und natürlich die mehr als 170.000 Studentinnen und Studenten, die an einer der elf Universitäten (deren bekannteste die McGill University ist) inskribiert sind.

Kunst und Kultur begegnen einem in Montréal an vielen Orten - unter anderem in Form von riesigen "Murals".

Montréal macht aber auch das Kanadisch-Raue aus, die eisigen Winter, denen mit der Underground City - einem riesigen Netzwerk von Tunnels, Shops und Restaurants - getrotzt wird. Aber auch die eingangs erwähnten brutalistischen Bauwerke passen in dieses Bild - erwähnenswert ist hier auf jeden Fall auch das Architekturexperiment "Habitat 67". Montréal ist keine lieblich-entzückende Stadt - dafür ist sie spannend, wovon auch das höchst lebendige kulturelle Leben zeugt.

In diesem Sinne: Auf nach Montréal!

AviationNetOnline TripTipps

Anreise
Aus dem deutschsprachigen Raum bieten Austrian Airlines (Wien), Air Canada (Frankfurt), Lufthansa (Frankfurt und München) sowie Swiss (Zürich) Flüge nach Montréal an. Vom Flughafen gelangt man am besten per Taxi, Shuttle-Service oder mit dem Bus mit der (passenden) Nummer 747 ins Stadtzentrum. Vorsicht beim Straßenverkehr: Die Staus in Montréal sind mittlerweile legendär - bei Fahrten zum Flughafen sollte ein Sicherheitspolster eingerechnet werden.

Übernachten
Wie in jeder internationalen Metropole gibt es auch in Montréal ein riesiges Angebot an Hotels. Praktisch sind Häuser in Zentrumsnähe wie beispielsweise das InterContinental oder das Westin. Spannende neue Hotels sind Le Mount Stephen (in einem früheren Gentlemens Club), das William Gray, das Monville (mit Roboter-Zimmerservice!) oder das Birks.

Essen
Montréal ist ein einziger kulinarischer Hotspot: Rund 6.000 Restaurants, Cafés & Co. zeugen davon. Traditionell ist die Poutine (Pommes mit Sauce und Käse), Foodtrucks bringen spannendes Streetfood, High-End-Lokale die Haute Cuisine. Und durch die multikulturelle Mischung der Stadt findet man hier phantastisches Essen aus vielen Ecken der Welt.

Unterwegs
In Montréal gibt es eine U-Bahn - vieles ist aber auch fußläufig erreichbar. Auf jeden Fall schwer empfehlenswert sind geführte Touren - beispielsweise vom bereits erwähnten Thom Seivewright.

 

AviationNetOnline wurde von Austrian Airlines zu einer Pressereise nach Montréal eingeladen, die als Grundlage dieses Artikels gedient hat.

Autor: Martin Metzenbauer
Herausgeber und Chefredakteur
Martin gründete 2004 aufgrund seines starken Luftfahrtinteresses Aviation Net. Er liebt das Fliegen und Reisen– und schreibt darüber natürlich auch gerne.

    Special Visitors

    Royal Air Force (RAF) - UK / ZE700
    Wamos Air / EC-MNY
    Wamos Air / EC-MNY
    Japan Air Self-Defence Force (JASDF) / 80-1111
    Azerbaijan Gvmt. / 4K-AI08
    Azerbaijan Gvmt. / 4K-AZ888
    Smartlynx / S5-AAZ

    Unsere Autoren

    Martin Metzenbauer

    Jan Gruber

    Michael Csoklich

    Robert Hartinger

    Christoph Aumüller