Michael O’Leary: "Wien ist nach wie vor zu teuer"

Der Ryanair-Chef im Interview mit Austrian Aviation Net zum Standort Österreich, zu europäischen Problemen, Brexit und möglichen neuen Bündnissen - mit ganz unerwarteten Partnern.

Ryanair-Chef Michael O´Leary (Foto: Ryanair).

Michael O’Leary (55) ist seit 1994 CEO von Ryanair, der nach Passagierzahl größten Fluglinie Europas. Im Vorjahr sind 117 Millionen Fluggäste mit dem Low Cost Carrier geflogen, ein Wachstum von 15 Prozent. Eine einheitliche Flotte von rund 350 Boeing 737-800 mit dadurch niedrigeren Kosten und auch die geänderte Strategie, große Flughäfen anzusteuern, gehören zum Erfolgsgeheimnis dazu.

Ganz wie im Märchenland läuft es aber auch für Ryanair nicht immer: Der Gewinn ist zuletzt um acht Prozent gesunken - laut der Fluglinie vor allem wegen der Verluste des Britischen Pfund. Gewerkschaften kritisieren immer wieder die Arbeitsbedingungen bei Ryanair, und auch die Behörden haben die Fluglinie gelegentlich im Visier - unter anderem aufgrund finanzieller Unterstützungen der Regionen, die Ryanair ansteuert.

In den kommenden Jahren will Ryanair jedenfalls auf 200 Millionen Passagiere wachsen. Große Erwartungen werden von Airline-Chef Michael O’Leary dabei auf Deutschland und Italien gesetzt. Und größer werden will die Fluglinie auch, indem sie im Zubringergeschäft mit anderen Fluglinien zusammenarbeitet.

Viele interessante Themen also, die Ryanair und deren Chef derzeit beschäftigen. Austrian Aviation Net traf den Airliner daher zu einem ausführlichen Gespräch.

Austrian Aviation Net: Sie kritisieren den Leasingdeal zwischen Air Berlin und Lufthansa. Warum?

Michael O’Leary: Weil das ein Witz ist! Lufthansa zerschlägt Air Berlin unter dem Feigenblatt eines Miet-Deals und kauft so ihren einzigen Konkurrenten in Deutschland. Die Ticketpreise dürften damit wohl steigen.

Austrian Aviation Net: Der Deal ist aber von den Behörden abgesegnet worden.

Michael O’Leary: Die Kartellregeln in Europa werden nicht fair durchgesetzt. Als wir versucht haben, Air Lingus zu kaufen, wurde das mit dem Argument der drohenden Marktmacht verhindert. Lufthansa und Air France aber dürfen kaufen was sie wollen.

Austrian Aviation Net: Quasi als Antwort fliegt Ryanair ab März erstmals ab Frankfurt - dem Heimatflughafen der Lufthansa - zu Zielen in Spanien und Portugal.

Michael O’Leary: Es ist wichtig, auf Deutschlands größtem Flughafen präsent zu sein. Am Anfang mit zwei Flugzeugen, im Winter 2017 werden wir mehr Flugzeuge in Frankfurt stationieren. Wir wollen da in den kommenden Jahren wachsen.

Ryanair setzt auf eine reine Boeing-737-Flotte, die derzeit aus rund 350 Exemplaren besteht. 115 neue Boeing 737 sowie 100 neue Boeing 737 MAX 200 sind bestellt. Und es gibt eine Option auf weitere 100 Boeing 737 MAX 200 (Foto: Ryanair).

Austrian Aviation Net: Nach welchen Kriterien wählen sie Flughäfen aus? Nach den besten Gewinnchancen?

Michael O’Leary: Nein, entscheidend ist der Flughafen selbst. Die Gebühren, die Effizienz, die beste Infrastruktur. Und wenn die Ticketpreise höher sind, fliegen wir öfter.

Austrian Aviation Net: Da gibt es also keine andere Strategie?

Michael O’Leary: Wir haben keine Art von napoleonischer Strategie im Sinn von wir gehen zuerst dorthin und dann dorthin. Wir machen auch keine demographischen oder Preisanalysen. Das nächste Flugzeug wird auf dem Flughafen stationiert, der es am meisten will. Und derzeit tut sich da sehr viel. In Spanien, Italien aber auch in Frankfurt reduzieren Flughäfen ihre Gebühren, das hilft unserem Wachstum.

Austrian Aviation Net: Werden sie auch nach Wien fliegen?

Michael O’Leary: Wien ist nach wie vor zu teuer, weil der Flughafen die AUA beschützen will. Wir sind immer in Gesprächen, aber derzeit planen wir keinen Ausbau.

Austrian Aviation Net: Wie geht es eigentlich Ihren eigenen Langstreckenplänen?

Michael O’Leary: Für Transatlantikflüge habe ich keine Zeit mehr, wir sind damit beschäftigt, zu wachsen. Praktisch jede Woche bekommen wir ein neues Flugzeug.

Austrian Aviation Net: Großbritannien plant offenbar einen harten Ausstieg aus der EU. Wie reagieren sie auf den Brexit?

Michael O’Leary: Oh Jesus - den Brexit versuche ich ja zu vergessen! 52 Prozent haben für den Brexit gestimmt, weil ihnen gesagt worden ist, mit dem Austritt aus der EU wird sich nichts ändern. Aber es wird sich alles ändern! Die Briten lieben billige Flüge und billiges Reisen. Kann das so weitergehen, wenn sie den gemeinsamen Markt verlassen und nicht im Open-Skies-Abkommen sind? Ich glaube immer noch, dass die Briten merken werden, welch schlechter Deal der Brexit ist und dass sie ihre Meinung ändern.

Austrian Aviation Net: Wie?

Michael O’Leary: Im Parlament oder bei den nächsten Wahlen. Denn was die Regierung in London verspricht, das wird so nicht zutreffen, Wünschen kann man sich viel. Und manche Brexit-Betreiber wie Boris Johnson oder David Davis, die alles versprochen haben, werden eine schwere Zeit haben, wenn sie allen erklären müssen, dass sie gelogen haben und die Versprechungen falsch waren.

 

Der Ryanair-Chef mit dem Autor.

Austrian Aviation Net: Sie machen ca. 25 Prozent ihres Geschäfts in Großbritannien. Ist der Ausbau durch Brexit zu Ende?

Michael O’Leary: Wir werden die Schaffung neuer Arbeitsplätze in Großbritannien verschieben, es wird keine neuen Jobs geben. 2016 sind noch mehr als 400 neue Stellen entstanden.

Austrian Aviation Net: Lufthansa versucht, mit Eurowings eine eigene Billigfluglinie im Markt zu etablieren. Sie sagen, Eurowings wird nicht erfolgreich sein. Warum?

Michael O’Leary: Wegen ihrer Durchschnittskosten von 100€ pro Sitz. Das ist sogar höher als Easyjet und Norwegian, und die verdienen nicht viel Geld.  Eurowings wird also weiter Geld verlieren. Das Problem von Carsten Spohr (Lufthansa CEO) und Eurowings ist, dass er wegen der Gewerkschaften nicht jene Effizienz und Produktivität bekommen wird, die er in seiner Low-Cost-Tochter braucht. Lufthansa und Air France reden seit Jahren über Reformen und es tut sich nichts. Weil jedes Mal, wenn sie es versuchen, die Gewerkschaft "Nein" sagt.

Austrian Aviation Net: Was raten sie Lufthansa und Air France?

Michael O’Leary: Der einzig mögliche Weg für die etablierten Fluglinien ist es, mit den Low-Cost-Fluglinien zusammenzuarbeiten. Das gäbe ihnen eine Waffe in die Hand und ein Druckmittel gegen die Piloten und die Gewerkschaft. Ohne Druckmittel wird es nie zu einer Änderung kommen. Das gilt übrigens auch für Alitalia.

Austrian Aviation Net: Zusammenarbeiten so wie sie es mit Norwegian machen wollen?

Michael O’Leary: Wir vernetzen ab Juni eigene Flüge mit der Langstrecke von Norwegian, sind also Bindeglied zwischen Kurz- und Langstrecke. Warum soll das nicht auch mit Lufthansa, Air France oder Alitalia funktionieren?

Austrian Aviation Net: Was haben diese Fluglinien davon?

Michael O’Leary: Sie verlieren weniger Geld wegen geringerer Kosten, sie haben weniger Risiko und weniger Streiks. Wir würden ihnen also bei der Restrukturierung helfen.

Austrian Aviation Net: Was haben Sie davon?

Michael O’Leary: Ich habe weniger Konkurrenz.

Autor: Michael Csoklich
Autor
Michael Csoklich ist einer der bekanntesten Wirtschaftsjournalisten Österreichs und leitete über viele Jahre das Ressort Wirtschaft im ORF Radio. Seit 2015 leitet er den LG für Wirtschaftsjournalismus in Krems, ist Moderator, Querdenker und arbeitet als freier Journalist für die Kleine Zeitung. Und seit 2016 schreibt er als Luftfahrtspezialist auf Austrian Aviation Net insbesondere über Spezialthemen.

    Special Visitors

    Qatar Airways / A7-ALI
    Airbus Industries / D-AVWA
    Siavia (FlyKiss) / F-HFKE
    Air Nostrum (Iberia Regional) / EC-LJT
    Russia - Ministry of Emergency Situations / RA-89066
    SAUDIA CARGO / TC-MCT
    Windrose Airlines / UR-WRJ

    Unsere Autoren

    Martin Metzenbauer

    Jan Gruber

    Michael Csoklich

    Robert Hartinger

    Christoph Aumüller

    Philipp Valenta