Martin Gross: "Jeder Markt ist für Emirates wichtig"

Österreich-Manager des Golf-Carriers im Interview.

Martin Gross (Fotos: Michael Csoklich).

Seit 15 Jahren ist Martin Gross das "Gesicht" des Golfcarriers Emirates Airline in Österreich, doch langsam aber sicher denkt der 65-jährige auch über den Wechsel in den Ruhestand nach. AviationNetOnline-Redakteur Michael Csoklich sprach mit dem Manager über aktuelle Themen in der Branche.

AviationNetOnline: Herr Gross, Sie sind vor 15 Jahren nach Österreich gekommen, um von Wien aus für Emirates Ost- und Südeuropa zu erschließen. Was sind denn aus Ihrer Sicht derzeit die größten Herausforderungen?
Martin Gross: Die liegen immer in der Entwicklung der Märkte und der Konkurrenz. Die Luftfahrt wird sich in den kommenden 10, 20 Jahren extrem gut entwickeln, da ist Emirates gut gerüstet. Wir müssen sehen, wie wir mit unseren Produkten gegenüber der Konkurrenz weiter erfolgreich sein können, denn diese schläft ja auch nicht. Wir werden in unserer Flottenerneuerung Herausforderungen haben. Denn wir fliegen die A380 zwar noch lange, müssen sie dann aber ersetzen.

AviationNetOnline: Sie sagen die Luftfahrt wird sich positiv entwickeln – trotz der laufenden Klimadebatte?
Martin Gross: Die Klimadebatte ist natürlich sehr aktuell, ich glaube aber, dass die Prognose des Weltluftfahrtverbands IATA klar zeigt, dass es besonders in den Märkten China, Indien und auch Afrika eine positive Entwicklung geben wird. Aber natürlich wird das Klimathema für alle Fluggesellschaften eine Herausforderung werden.

AviationNetOnline: Was unternimmt denn Emirates zur Reduktion von CO2?
Martin Gross: Zu allererst investieren wir laufend in neueste Flugzeuge, dadurch haben wir eine sehr effiziente Flotte in puncto Verbrauch und damit Umwelt. Auch die Tatsache, dass wir ausschließlich Großraumflugzeuge haben, hilft der Umwelt.

AviationNetOnline: Wie würden Sie denn Greta Thunberg erklären, warum Fliegen notwendig ist?
Martin Gross: Ob politisch oder wirtschaftlich, in der Welt tut sich laufend sehr viel. Mobilität und persönliche Kontakte sind da sehr wichtig. Für junge Menschen halte ich es für essentiell, andere Kulturen, andere Länder zu sehen. Da trägt die Luftfahrt in vielerlei Hinsicht dazu bei. Was man sicherlich überlegen wird, ob man wirklich extrem viele Kurzstrecken fliegen muss, innerhalb Europas und Österreichs. Aber bei der Langstrecke sehe ich keine Alternative.

AviationNetOnline: Österreich ist ja eigentlich ein kleiner Markt. Warum ist er für Emirates trotzdem wichtig?
Martin Gross: Jeder Markt ist für Emirates wichtig. Das Gute in Österreich ist, dass das Passagieraufkommen fast ideal verteilt ist. Wir haben Passagiere, die von Österreich nach Dubai fliegen, und auch die, die über Dubai zu anderen Zielen von Emirates fliegen. Umgekehrt in Richtung Österreich ist es gleich. Diese vier Ströme halten sich gut die Waage, deswegen läuft das Geschäft in Österreich erfolgreich.

AviationNetOnline: Obwohl es im Vorjahr einen leichten Rückgang bei den Passagieren in Wien gegeben hat?
Martin Gross: Wir sind mit dem Geschäft nach wie vor zufrieden. Was wir momentan sehen ist, und was hoffentlich ein kurzfristiger Effekt ist, dass viele unserer Hauptmärkte aus Österreich hinaus leicht rückläufig sind. Unser Marktanteil ist gleich, aber die gesamte Nachfrage sinkt. Ein Grund dafür ist, dass in diesem Sommer die Low Cost Carrier einen starken Aufwind haben. Viele Menschen nutzen einfach die extrem niedrigen Preise für Kurzstrecken innerhalb Europas, die fehlen dann auf der Langstrecke. Da verschiebt sich momentan etwas, was uns aber nicht beunruhigt.

AviationNetOnline: Von welchen Märkten sprechen Sie?
Martin Gross: Die Seychellen, Manila und Sydney zum  Beispiel.

AviationNetOnline: Sie bieten täglich 870 Sitze an ab Wien. Macht hin und zurück gerechnet 635.000 angebotene Sitze. Laut Flughafen Wien sind davon 450.000 im Vorjahr verkauft worden. Macht eine Auslastung von knapp 70%. Können Sie damit zufrieden sein?
Martin Gross: Ich kann die Zahl so nicht bestätigen. Alles, was zwischen 70 und 80 % liegt, ist in Ordnung. Es kommt ja vor allem auf den Markt an. Es gibt Routen, da sind wir mit 80 % nicht zufrieden, und es gibt welche, wo wir mit 60 % zufrieden sind. Wien liegt immer irgendwo in der Mitte, wir sind aber mit der Grundauslastung zufrieden und wir verdienen auf der Wien-Strecke auch Geld. Das ist das entscheidende.

AviationNetOnline: Sie haben es ja schon erwähnt, dass Emirates in Wien die Billigkonkurrenz um die Ohren fliegt. Machen Ihnen die Billig-Airlines oder die arabische Konkurrenz von Qatar über Saudia bis hin auch zu Turkish mehr zu schaffen?
Martin Gross: Für uns ist jeder ein Konkurrent. Die direkte Konkurrenz haben wir aber natürlich auf den Langstrecken und langfristig müssen wir uns daran orientieren. Da gehören dann aber nicht nur die arabischen Fluggesellschaften oder Turkish dazu, sondern auch Lufthansa, Swiss, Air France etc., also alle, die Ziele anfliegen, die auch Emirates im Programm hat. Und um auf die Low Cost Carrier zu kommen, die derzeit in Wien so extrem stark sind: Das ist derzeit ein richtiger Hype. Da wird es welche geben, die bleiben, insgesamt aber es wird sich wieder normalisieren und dann wird es auf der Langstrecke wieder Wachstum geben. Man darf ja nicht vergessen, dass viele junge Menschen wegen der Billigtickets beginnen zu fliegen. Das aber sind für uns künftige potentielle Kunden.

AviationNetOnline: Reagieren Sie auf die Billigkonkurrenz, zum Beispiel über ihre Preise
Martin Gross: Um gegen die Billigfluglinien zu konkurrieren, würde das nicht funktionieren. Ein Beispiel: Sie können für 500 € nach Dubai fliegen, für dieselbe Summe aber nach London, Paris, Amsterdam und Barcelona zusammen. Da müssten wir den Flug nach Dubai um 200 € verkaufen, das tun wir natürlich nicht.

AviationNetOnline: Preislich reagieren Sie eher auf die Langstreckenkonkurrenz?
Martin Gross: Preislich reagieren wir grundsätzlich auf Konkurrenten auf bestimmten Märkten und Strecken. Die Kurzstrecke ist für uns kein Maßstab.

AviationNetOnline: Wie werden sich die Preise aus Ihrer Sicht heuer und im kommenden Jahr entwickeln?
Martin Gross: Das ist schwierig zu sagen. Das wird auch sehr davon abhängen, wie sich der Ölpreis entwickelt. Auf der Kurzstrecke kann ich das gar nicht sagen. Das wird darauf ankommen, ob die eine oder andere Billigfluglinie scheitert, dann könnten die Preise auch wieder steigen.

AviationNetOnline: Mit Fly Dubai haben Sie ja im eigenen Land eine Low Cost Konkurrenz, mit der Sie ja auch kooperieren. Ist aus Ihrer Sicht die Gefahr einer Kannibalisierung groß?
Martin Gross: Nein, gar nicht. Die Kooperation mit Fly Dubai ist eine ausgesprochene Erfolgsgeschichte für Emirates. Fly Dubai hat nur Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge, wir haben nur Langstreckenflugzeuge. Wir ergänzen uns also hervorragend. Ein Beispiel, das zeigt, wie sehr die Kooperation hilft, die Ergebnisse zu steigern, ist Zagreb. Diese Strecke haben wir im Winter statt mit unserer 777 für fünf Monate mit Fly Dubai Flugzeugen bedient. Diesen Winter machen wir das den gesamten Winterfugplan über so, weil das Aufkommen auf dieser Strecke im Winter nicht so groß ist. So können wir diese Strecke trotzdem gut bedienen.

AviationNetOnline: Fly Dubai hat ja 13 Stück 737 MAX in der Flotte, die stehen ja derzeit. Was bedeutet das für die Kooperation und z.B. für die Strecke Zagreb?
Martin Gross: Die Strecke Zagreb war eine 737MAX Strecke, da ist dann eine andere 737 eingesetzt worden. Fly Dubai fliegt derzeit nur mit anderen 737, und hat auch den gesamten Flugplan umstellen und zum Teil einschränken müssen. Jetzt muss man schauen, wann die 737 MAX wieder fliegen darf.

AviationNetOnline: Sie sind auch von Zagreb bis in den südlichen Balkan verantwortlich. Welche Destination macht Ihnen denn da am meisten Sorgen?
Martin Gross: Sorgen macht uns eigentlich gar keine Strecke, auch weil wir durch die Kooperation mit Fly Dubai gut aufgestellt sind in der Region von Ex-Jugoslawien.

AviationNetOnline: Welche Destination macht am meisten Freude?
Martin Gross: Da gibt es viele. Sehr stark entwickelt sich zum Beispiel Sarajewo, Fly Dubai fliegt jetzt im Sommer drei Mal täglich.

AviationNetOnline: Gross geworden ist Emirates mit dem Konzept, in Dubai einen riesigen Hub aufzubauen, von dem aus mit einer Zwischenlandung weltweit alle Ziele erreicht werden können. Hat sich das Konzept mit der Möglichkeit von bis zu 20 Stunden langen Flügen überholt?
Martin Gross: Nein, das glaube ich absolut nicht. Durch die geografische Lage von Dubai ist es ja möglich, praktisch von jedem Punkt der Welt zu einem anderen Punkt mit nur einen Stopp zu fliegen. Da gibt es sehr viele City-Pairs, die Emirates bedient. Dass das alles Nonstop-Flüge werden könnten ist illusorisch, weil ja das notwendige Aufkommen dafür gar nicht existiert. Ja, vielleicht wird es die eine oder andere Strecke geben mir Nonstop-Flügen, aber wir sehen da keine Gefahr für unsere Strategie. Nicht zu vergessen, dass unsere Passagiere unsere Qualität und unseren Service schätzen.

AviationNetOnline: Das Hub-Konzept ist nicht gefährdet sagen Sie, macht nicht die Abkehr von der A380 eine neue Strategie notwendig?
Martin Gross: Die A380 ist ein ebenso erfolgreiches wie beliebtes Flugzeug. Es gibt aber Routen, die mit einem anderen Flugzeugtyp effizienter geflogen werden können. Da passen die neuen A350 und der A330 Neos gut ins Konzept, weil diese Flugzeuge ja auch besonders sparsam und leise sind.

AviationNetOnline: Im kommenden Jahr führt Emirates eine Premium Economy ein. Warum
Martin Gross: Da gibt es noch keine endgültige Entscheidung darüber. Wenn es soweit ist, werden wir das offiziell bekanntgeben.

AviationNetOnline: Konsolidierung statt Wachstum lautet die neue Marschrichtung bei Emirates. Was bedeutet das für Wien?
Martin Gross: Das ist die Marschrichtung für heuer und es betrifft das gesamte Streckennetz. Somit auch Wien, wo wir derzeit mit den beiden Flügen sehr gut aufgestellt sind. Es gibt keinen Grund, daran etwas zu ändern.

AviationNetOnline: Die Konjunktur schwächt sich ab. Stellen Sie sich auf einen Passagierrückgang ein?
Martin Gross: So wie es derzeit aussieht, müssen wir ja keinen Zusammenbruch der Konjunktur und der Luftfahrt befürchten. Die Konjunktur hat natürlich auf einzelne Märkte einen gewissen Einfluss. Wir haben es in der Vergangenheit aber geschafft, den Rückgang auf einem Markt durch einen Zuwachs auf anderen Märkten aufzufangen. Wir beobachten die Nachfrage ständig und stellen uns mit den Preisen, Angeboten und Sitzen entsprechend darauf ein.

AviationNetOnline: Ist bei den Buchungen schon etwas zu bemerken?
Martin Gross: Wenn wir bei Wien bleiben – wir sehen hier kein starkes Wachstum, aber es kann von einem Einbruch keine Rede sein.

AviationNetOnline: Sie sind also optimistisch?
Martin Gross: Ja! Dubai entwickelt sich als Destination sehr stark, das ist erfreulich, auch weil es 2020 in Dubai die EXPO gibt. Das wird sicher zu sehr viel zusätzlichem Geschäft führen.

AviationNetOnline: Die Luftfahrt ist mit vielen Unsicherheiten belastet. Was aber sicher ist, ist, dass Sie im kommenden Jahr 65 Jahre alt werden. Wollen, werden Sie in Pension gehen und der Luftfahrt Adieu sagen?
Martin Gross: Ich glaube schon, ja, ich plane, meinen wohlverdienten Lebensabend anzutreten. Ob ich danach noch etwas im Bereich Luftfahrt mache? Ich weiß es noch nicht. Eine Lehrtätigkeit, wie an einer Fachhochschule, würde ich schon gerne machen, um mein Wissen, das sich in den vergangenen 35 Jahren angesammelt hat, weiterzugeben. Aber mit dem aktiven Berufsleben als Airline-Manager muss irgendwann einmal Schluss sein.

AviationNetOnline: Luftfahrt lässt einen nie wirklich los, oder?
Martin Gross: Nein, nie! Gar keine Frage.

AviationNetOnline: Zumindest können Sie im Garten liegen unter der Einflugschneise nach Wien und die Flugzeuge beobachten.
Martin Gross: Ja genau, das kann ich dann machen, auch mit den Apps, die es dafür gibt.

Autor: Michael Csoklich
Autor
Michael Csoklich ist einer der bekanntesten Wirtschaftsjournalisten Österreichs und leitete über viele Jahre das Ressort Wirtschaft im ORF Radio. Er ist Moderator, Querdenker und arbeitet als freier Journalist für die Kleine Zeitung. Und seit 2016 schreibt er als Luftfahrtspezialist auf Aviation Net insbesondere über Spezialthemen.

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