Marktbereinigung - aber anders als gedacht

Das überhitzte Klima der europäischen Airlinelandschaft wird nicht jede Fluglinie überleben. Aber es könnte (längerfristig) auch noch eine Marktbereinigung der anderen Art geben. Ein Kommentar von Austrian Aviation Net Herausgeber Martin Metzenbauer.

Den Passagieren wird die Freude am Fliegen heute oftmals genommen - sie könnten sich in Zukunft praktikablere Lösungen suchen (Foto: Pixabay / RainerPrang).

Fliegen ist zweifellos eine tolle Sache. Und Reisen eine Bereicherung für jeden, der sich für fremde Regionen und Kulturen interessiert. In den letzten beiden Jahrzehnten hat durch das Aufkommen der Billigflieger samt ihren mitunter günstigeren Preisen und hohen Kapazitäten die oft erwähnte Demokratisierung des Flugreisens Einzug gehalten. Freilich ist dabei vieles auf der Strecke geblieben - zum einen der Touch des Besonderen, des Exklusiven. Heute fliegt man sinngemäß um 19,99 Euro auf einen Kaffee nach Venedig und zurück. Das kann sich jeder leisten - und man bekommt durchaus das Gefühl, dass dies auch viele tun. Zum anderen leidet angesichts des Überangebotes und der Gesetze des Marktes auch die Abwehrkraft so mancher Airline. Das immer wieder bemühte Wort der "Marktbereinigung" macht hier gerne die Runde - Jahr für Jahr setzen Airlines zu ihrer letzten Landung auf.

Dass solche Korrekturen am Airline-Basar angesichts des immer weiter ausufernden Angebotes irgendwann passieren müssen, ist nicht nur Brancheninsidern klar. Letztere wissen darüber hinaus auch, dass unter anderem schon kleine Schwankungen des Kerosinpreises oder Unannehmlichkeiten wie Lotsenstreiks so manches Firmengefüge ordentlich durcheinanderrütteln. Doch es könnte auch noch eine andere, vielleicht unerwartete Art der Marktbereinigung auf die Flugwelt zukommen: Die Passagiere könnten ihre Lust, zu fliegen mit der Zeit verlieren.

Immer wieder wachen Airlines aus ihren Träumen unsanft auf - und bleiben am Boden. Primera ist eines von vielen Beispielen der letzten Jahre (Foto: Boeing).

"Billig" zieht noch immer recht gut - und dabei steht der Kampf um Masse und den (angeblich) besten Preis über vielen anderen Dingen. Das hat zur Folge, dass Gäste heute mitunter nicht mehr wie Könige sondern eher wie Vieh gesehen und behandelt werden. Ein Beispiel, das dem Autor dieser Zeilen kürzlich passiert ist: Buchung bei einer Low-Cost-Tochter eines großen Airlinekonzerns - inklusive Koffer. Aufgrund widrigster Wetterverhältnisse recht knappe Ankunft am Flughafen Wien - allerdings 40 Minuten vor Abflug beim Baggage Drop Off. Weil knapp besetzt und einiger "komplizierter" Passagiere davor in der an sich kurzen Schlange verzögerte sich die Gepäckaufgabe um ein paar Minuten. Leider durfte der Koffer nicht mehr eingecheckt werden: "Sie können sich aber ein neues Ticket für einen späteren Flug kaufen." Auf Wiedersehen. Kundenorientierung? Servicegedanke? Ebenfalls auf Wiedersehen.

Neben solchen Erlebnissen ist es auch nicht besonders lustig, rund 40 Minuten vor der Security an einem deutschen Airport zu warten  - vor allem wenn nur die Hälfte der Kontrollstraßen besetzt sind. Oder sich im absoluten Chaos an einem kleinen Flughafen eines am Mittelmeer gelegenen Landes in Verzweiflung zu verlieren - weil man aufgrund des Tourismus-Booms offenbar mehr Flugzeuge abfertigen möchte, als man Passagiere unterbringen kann. Verzweifelte Eltern und schreiende Kinder - all inclusive. Alles in den letzten Monaten dem Autor dieses Kommentars, der durchaus  eine gewisse Geduldselastizität sein eigen nennt, passiert. Und wenn man den Chaos-Sommer 2018 betrachtet, so hatten wohl viele Passagiere unerquickliche Erlebnisse - ein paar Blicke in entsprechende Internetforen liefern hier genug plastische Anhaltspunkte.

Chaos am Flughafen: Das passiert, wenn ein Flughafen die Passagierzahl einfach nicht mehr verarbeiten kann (Foto: Martin Metzenbauer).

Kurzum: Es wird unlustiger, rauer, unfreundlicher und teilweise sogar wirklich gefährlich - wenn man sich so manchen überfüllten und panikgefährdeten Flughafen ansieht. Abgesehen davon, dass das Flugerlebnis selbst mit zunehmend weniger Freude einhergeht, ist auch in den schönen Reisezielen nicht mehr immer alles so phantastisch. Überall sind gefühlte Millionen von Menschen unterwegs. Wunderbare Städte wie Barcelona oder Venedig haben angesichts der Massen viel von ihrem Charme verloren - der Citytrip kann zum Horrortrip werden, bei dem man sich durch die Horden schlängeln muss, bevor man statt des entspannten Espressos im gemütlichen Straßencafé letztlich mit einer schnellen Abspeisung im Nepplokal vorlieb nehmen muss. Dass immer mehr Regionen dem Tourismus einen Riegel vorschieben wollen, ist daher überhaupt kein Wunder.

Die Frage, ob dies den Reisenden vielleicht zunehmend zu blöd wird - zuerst das ewige Drama am Flughafen, danach eine Trip zu einer überfüllte Destination (von klaustrophobischen Erlebnissen an Bord der sitzplatzoptimierten Flugröhren ganz zu schweigen) - muss daher erlaubt sein. Natürlich benutzen nicht nur Touristen Flugzeuge - auch Geschäftsleute tun das. Aber auch diese werden sich vielleicht zunehmend überlegen, ob es nicht Alternativen zu den hektischen Flugreisen gibt. Nicht einmal die Refugien der Vielflieger - die Lounges - sind mancherorts mehr was sie einmal waren. Schlangen vor den Eingängen wie beim Lebensmitteleinkauf zu DDR-Zeiten oder der regelrechte Kampf um die Sitzgelegenheiten lassen das Loungevergnügen mitunter den Bach hinuntergehen.

Mit einer Lounge verbindet man einen ruhigen Platz der Entspannung inmitten der oft hektischen Flughäfen - in der Realität sieht es aber oft anders aus (Foto: Pixabay / nevesmauricio).

Wenn sich das Flug-"Vergnügen" so weiterentwickelt, kann es passieren, dass sich Menschen die von A nach B gelangen müssen, künftig vermehrt Alternativen suchen. Im regionalen Verkehr setzen Passagiere jetzt schon zunehmend auf die Schiene - im Vorjahr wurde bei den österreichischen Bahnunternehmen ein All-Time-High von 290,6 Millionen Fahrgästen registriert. Bis zu Hyperloops oder Passagierdrohnen in Europa ist es zwar noch weit - aber die Zukunft kommt mitunter schneller als man denkt. Und diejenigen, die nicht von A nach B müssen, sondern von A nach B wollen - die werden es sich vielleicht auch überlegen, ob das zehnte Shopping-Wochenende in einer überfüllten italienischen Stadt wirklich so erstrebenswert ist - trotz Billigtickets.

Letztlich hat die Geschichte immer wieder gezeigt, dass sich die Dinge in Richtung der insgesamt praktikableren Lösung weiterentwickeln. Deswegen fahren wir heute nicht mehr mit der Postkutsche sondern benutzen schnellere Verkehrsmittel, wir kaufen immer öfter online statt im "echten" Geschäft ein und wir lagern unsere literarischen Werke nicht mehr in Bücherregalen sondern können sie dank Kindle & Co. immer mit uns herumtragen. Warum tun wir das? Weil es einfach praktischer ist.

Daher ist die Überlegung auch keine Reise ins Land der Phantasie, dass der klassische Flugverkehr eines Tages ein deutlich weniger wichtiges Dasein führen wird als er das jetzt tut. Vor allem dann, wenn die Airlines und angeschlossene Unternehmungen weiterhin alles Mögliche unternehmen, um den Reisenden die Lust am Fliegen zu nehmen - und sich für letztere gleichzeitig zunehmend (auch disruptive) Alternativen auftun. Das könnte dann zu einer ganz anderen Art der Marktbereinigung führen, als sie die Branche derzeit kennt.

Autor: Martin Metzenbauer
Herausgeber und Chefredakteur
Martin gründete 2004 aufgrund seines starken Luftfahrtinteresses Austrian Aviation Net. Er liebt das Fliegen und Reisen– und schreibt darüber natürlich auch gerne.

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